The Disaster Artist 2017 Filmposter

The Disaster Artist

Der große Erfolg von Filmen wie „Birdman“ oder auch „La La Land“ erklärt sich zum Teil über Hollywoods Affinität zur Selbstbespiegelung, ob als Traumfabrik oder verschlingender Moloch. James Francos humorvoll inszenierte Entstehungsgeschichte des „schlechtesten Films aller Zeiten“ erinnert jedoch mehr an Tim Burtons „Ed Wood“ und feiert nicht bloß die „City of Stars“, sondern die Leidenschaft des Filmemachens.

Als im Jahr 2003 „The Room“ von Tommy Wiseau seine Premiere in einem selbstgemieteten Kino mitten in Los Angeles feierte, war die Reaktion kaum der Rede wert. Mit der Zeit erreichte der Film jedoch eine Kult-Präsenz, die der „Rocky Horror Picture Show“ in nichts nachstand: Über DVD-Vertrieb und Youtube wurden immer mehr Zuschauer auf die beispiellos schlechte Inszenierung aufmerksam und sorgten für ausverkaufte Wiederaufführungen voller Szenenapplaus. Es ist auch eine Kunst, Dinge so schlecht umzusetzen, dass sie auf ihre eigentümliche Weise wieder gut sind. Die haarsträubenden Dialoge, Anschlussfehler und das unterirdische Spiel der Darsteller haben dabei einen ähnlichen Effekt wie Eurodance Tracks, die heute auf 90er Jahre Partys laufen. Eigentlich unfassbar peinlich, macht gerade die fehlende Ironie den Reiz aus, dazu zu feiern. Die Suspension der Coolness unserer Leistungsgesellschaft ermöglicht einen hemmungslosen Freiraum, indem man nicht perfekt sein muss. Nicht umsonst finden sich auf dem Soundtrack von „Disaster Artist“ daher die Corona Hymne „The Rhythm of the Night“ sowie Mark Wahlberg alias Marky Mark. Basierend auf der Adaption der Memoiren von Hauptdarsteller Greg Sestero, hier gespielt von Dave Franco, beginnt der Film mit einem Auftritt vor den Schauspiel-Kommilitonen. Greg sehnt sich nach einer Karriere beim Film, doch die eigene Scham blockiert seine Performance. Ganz anders zeigt sich ein Student, der eigentlich schon zu alt fürs Seminar scheint. Tommy Wiseau (James Franco) gibt alles – und das ist mehr als die schockierte Zuschauerschaft ertragen kann. Die beiden ungleichen Männer freunden sich an, pilgern zusammen zum Grab von James Dean und schwören, sich kompromisslos bei der Realisierung ihrer Träume zu unterstützen. In seinem Glück, endlich einen Gefährten gefunden zu haben, der an ihn glaubt, übersieht Greg die Merkwürdigkeiten des langhaarigen Hünen. Woher kommt das ganze Geld, mit dem sich Tommy Autos und Wohnungen in L.A. leisten kann? Was ist das für ein seltsamer Akzent mit dem er spricht? Kommt er möglicherweise aus Osteuropa? Und warum sabotiert er Gregs Beziehung zu seiner Freundin? James Franco geht mit viel Ironie an die latente Homosexualität, die sich in jeder „Bromance“ versteckt heran und erzählt die Geschichte der beiden im Stile Judd Apatows, der eine kleine Nebenrolle als entnervter Produzent bekleidet. Auch viele andere Stars sind in Cameo-Auftritten zu sehen, darunter Sharon Stone, Zac Efron, Melanie Griffith, J.J. Abrams, Bryan Cranston und natürlich Tommy Wiseau höchstpersönlich. Äußerst liebevoll zeichnet James Franco den Dreh von „The Room“ minutiös nach, inklusive der legendären „Oh, hi Mark“ Szene.

Sein Schwerpunkt liegt dabei auf der Begeisterung, die das Filmemachen und Geschichtenerzählen selbst auslöst und von dem jeder Cineast insgeheim träumt.

Der Blanko-Scheck von Tommy macht möglich, was in der gnadenlosen Filmindustrie eigentlich undenkbar ist: Ohne marktorientierte Kompromisse realisieren zu können, was einem vorschwebt. Dass James Franco dies als Erfolgsgeschichte wieder in einen Verwertungszusammenhang ziehen kann, sagt auch einiges über unsere Gesellschaft aus. Es macht „Disaster Artist“ aber nicht weniger zu einem hervorragenden und äußerst unterhaltsamen Film.

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