Brokeback Mountain

Kanada 2004 – 134 Min. – Farbe – Goldener Löwe 2005, 4 Golden Globes 2006: Beste Regie, Bester Film, Bester Originalsong, Bestes Drehbuch, Oscar ® 2006 – Regie: Ang Lee. Mit Heath Ledger, Jack Gyllenhaal, Michelle Williams, Ann Hathaway u.a.
BrokebackAls Regisseur Ang Lee neues Werk im September 2005 bei den Filmfestspielen in Venedig den Goldenen Löwen erhielt, konnte wohl noch keiner ahnen, welchen Siegeszug dieser Film in den kommenden Monaten antreten würde. Jetzt, 37 Auszeichnungen und weitere 36 Nominierungen später, ist "Brokeback Mountain" auf dem Weg in den Kino–Olymp: Mit acht Nominierungen gilt das zutiefst berührende Drama über die Liebe zweier Cowboys als größter Favourit der diesjährigen Oskar–Verleihung.

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Und dies zum Entsetzen der christlicher Fundamentalisten in den USA, die bereits die moralischen Werte der amerikanischen Gesellschaft untergehen sehen. Nicht nur, dass der Film sich in die Herzen einer immer größer werdenden Zahl von Zuschauern schleicht, selbst die Katholische Bischofskonferenz schien infiziert ("Director Ang Lee's well–crafted film, which is superbly acted (...) turns out to be a serious contemplation on loneliness and connection". Erst empörte Reaktionen von Hardcore–Christen veranlassten die Organisation dazu, dem Film die Wertung O (highly morally offensive) zu verpassen.

Ang Lee greift in seiner kongenialen Literaturverfilmung auf eine preisgekrönte Kurzgeschichte der Pulitzer–Preisträgerin Annie Proulx zurück, die schon mit der Verfilmung ihrer "Schiffsmeldungen" für Furore in den Programmkinos sorgte.

Der schweigsame Hilfsarbeiter Ennis del Mar und der Rodeoreiter Jack Twist treffen erstmals im Jahre 1963 aufeinander, als sie für einen Sommer als Schafhüter im texanischen Brokeback Mountain engagiert werden. Im Laufe ihrer Zusammenarbeit kommen sich die beiden wortkargen Männer in der abgeschiedenen Berglandschaft näher. Vorsichtig beginnen sie sich einander zu öffnen. Bald geht die Zuneigung über pure Kameradschaft hinaus. In einer kalten Nacht teilen sie sich erstmals ein Zelt und es kommt zum Sex. Natürlich sei man nicht schwul, versichert man sich gegenseitig verlegen am nächsten Morgen. Doch auch wenn die beiden es sich zunächst nicht eingestehen wollen, es bleibt nicht bei diesem einmaligen Ereignis. Im Laufe des Sommers entwickelt sich zwischen Ennis und Jack eine ebenso leidenschaftliche wie tiefe Beziehung.

Doch mit Ende des Jobs kehren die beiden in ihr normales Leben zurück, heiraten und gründen Familien; vier Jahre lang sehen und hören sie nichts voneinander. Bis eines Tages bei Ennis ein Brief eintrifft von Jack, der ein Treffen vorschlägt. Die alte Leidenschaft entflammt erneut. Hinter dem Rücken ihrer Ehefrauen treffen sie sich fortan mehrmals im Jahr "zum Fischen" in den Bergen. Obwohl beide inzwischen die Tiefe ihrer Beziehung erkannt haben, gelingt es insbesondere Ennis angesichts der herrschenden engen Moralvorstellungen und einer traumatischen Kindheitserfahrung nicht, sich von den gesellschaftlichen Konventionen zu lösen und zu Jack zu stehen. Erst als es zu spät ist, erkennt Ennis die verpasste Chance auf ein gemeinsames glückliches Leben.

"Brokeback Mountain" ist großes Gefühlskino, das ohne Pathos auskommt, vielmehr von leisen, aber ungeheuer nuancierten Zwischentönen lebt. Die betörend fotografierte Landschaft voll rauher Schönheit spiegelt kongenial die Einsamkeit und innere Zerrissenheit ihrer Helden wider. Verzweifelt versuchen sie sich in einer Gesellschaft zu arrangieren, in der es nur unter Einsatz des eigenen Lebens möglich zu sein scheint, für das einzustehen, was man liebt. Mit einfachsten erzählerischen Mitteln gelingt Lee – wie eine führende Filmzeitschrift zu Recht schreibt – eine der menschlichsten und ergreifendsten Geschichten, die das US–Kino der letzten 20 Jahre hervorgebracht hat.

Anne Wotschke