Empörung

(Indignation) USA, China 2016 – 110 Min. - Regie: James Schamus nach dem Roman von Philip Roth. Mit Logan Lerman, Sarah Gadon, Tracy Letts, Linda Emond, Melanie Blake Roth, Ben Rosenfield, Tijuana Ricks u.a.
EmpörungJames Schamus ist bisher nur als Produzent, Drehbuchautor und Komponist in Erscheinung getreten und hat es in allen Bereichen zu einer Oscar-Nominierung gebracht. Seine erfolgreichste Zusammenarbeit war mit Ang Lee, mit dem er Kinodramen wie „Der Eissturm“ (1997) oder „Brokeback Mountain“ (2005) verfilmte. Jetzt nahm er erstmals selbst auf dem Regiestuhl Platz und adaptierte den gleichnamigen Erfolgsroman von Philip Roth, der letztes Jahr auf den Festivals in Sundance und Berlin uraufgeführt wurde.

zurück | Mehr darüber

Irgendwie erkannte Schamus auch sich selbst in Philip Roths Romanfigur, dem 19-jährigen Marcus Messner (Logan Lerman), einem Jungen aus New Jersey, der sich auf der Schule anstrengte, um studieren zu können: „Ein Teil von ihm steckt auch in mir.“ so der Regisseur. „Ein Teil von ihm steckt in jedem jüdischen Jungen, der sich bemüht, in der Schule gute Leistungen zu erbringen.“ Mit dem Studium wollte Marcus sich eigentlich seinen überfürsorglichen Eltern entziehen, die eine koschere Metzgerei betreiben, in der er oft aushilft und so die ganze Piefigkeit des Amerikas der 50er Jahre zu spüren bekommt. Auf dem College nannte man ihn ‚den Gelehrten‘, der es bis zum Obersten Gerichtshof schaffen könnte, seine Mutter beschreibt ihn als Jungen, der in seinem Leben alles richtig gemacht hat, und selbst der Vater gibt seinen Segen für das Studiums seines Sohnes, sorgt sich aber, dass wenn er das Stipendium verliert, zum Militärdienst im Koreakrieg einberufen wird. Marcus ist sich dessen bewusst und verhält sich entsprechend konform am College in Ohio. Dort, wo er absolute Gedankenfreiheit vermutete, stößt er nun auf Regeln und Vorschriften, die er nicht nachvollziehen kann, und als er seine Mitstudentin Olivia Hutton (Sarah Gadon) zu einem Date einlädt, manövriert er sich geradewegs in eine moralische Zwickmühle.

„Empörung“ könnte eine unbeschwerte Coming-of-age-Story sein, in der ein Heranwachsender erste (sexuelle) Erfahrungen sammelt und seinen Platz in der Gesellschaft sucht, doch hier steckt der konservative 50er-Jahre-Kontext das Spielfeld ab. Am College wacht der fromme Dekan Dean Caudwell (Tracy Letts) über Moral und Sitten. So müssen die Studenten mindestens fünfzig Teilnahmen an der wöchentlichen Predigt nachweisen, um zum Examen zugelassen werden. Als Atheist tut sich Marcus schwer mit religiösen Normen; in seinem Antragsformular für die Uni trägt er beim Beruf des Vaters „Metzger“ und eben nicht „koscherer Metzger“ ein. Auch der jüdischen Verbindung will er nicht beitreten. Das erregt Verdacht. Seine Herkunft als Drehbuchautor merkt man dem Inszenierungsstil von James Schamus an. Der Fokus liegt auf den geschliffenen Dialogen, die schon die Literaturvorlage auszeichnen. Eine Schlüsselszene ist ein langes Rededuell zwischen Marcus und Dean Caudwell, das symptomatisch ist für die grundsätzliche Scheinheiligkeit, die die interpersonellen Beziehungen prägt. Dem ersten Anschein nach wirken die Menschen, denen er begegnet, hilfsbereit und aufgeschlossen, geradezu väterlich: „Nennen Sie mich Dean“, fordert der Dekan. Doch der Schein trügt. Letztlich geht es dem Dekan um die Aufrechterhaltung der konservativen Regeln, der vermeintlich offene Dialog ist vielmehr ein Verhör. Auch Marcus kann das Korsett der Konventionen nicht völlig abstreifen. Olivias Offenherzigkeit stößt ihn ebenso vor den Kopf wie der Scheidungswunsch seiner Mutter. Marcus ist eben ein Kind seiner Zeit. Die aufrichtigste Figur ist die psychisch labile Olivia. Im bitteren Schlussakt, der die zwischenmenschliche Katastrophe wie in einer antiken Tragödie zuspitzt, spiegelt sich ihr Schicksal passenderweise in einer piefigen Blumentapete.

Kalle Somnitz