Hannah Arendt

Deutschland/Luxemburg/Frankreich/Israel 2012 – 113 Min. – Wettbewerbsbeitrag, Toronto 2012 - Regie: Margarethe von Trotta. Mit Barbara Sukowa, Axel Milberg, Janet McTeer, Julia Jentsch, Ulrich Noethen, Michael Degen u.a.
HannahDass Margarethe von Trotta ein Faible für starke Frauen hat, ist augenscheinlich. Nach Rosa Luxemburg und Hildegard von Bingen widmet sie sich in ihrem neuesten Film der Philosophin Hannah Arendt. Und ihr gelingt ein Portrait, das nicht nur die starken, kämpferischen Seiten der wehrhaften Denkerin nachzeichnet, sondern auch deren Verletzlichkeit und Harmoniebedürftigkeit. Von Trotta zeigt Arendt – der nach ihrer Berichterstattung über den Eichmann-Prozess analytisch-denkerische Kälte vorgeworfen wurde, die die Emotionen der Betroffenen ignoriere – nicht als Denkerin gegen die Leidenschaften, sondern als leidenschaftliche Denkerin, der Vernunft zutiefst emotional verhaftet.

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Israel im April 1960. Einer der wohl wichtigsten Prozesse in der Geschichte beginnt. Adolf Eichmann, während der Nazizeit hauptverantwortlich für den Ablauf der Deportationen der Juden in die Vernichtungslager, wird vom Israelischen Geheimdienst in Argentinien aufgespürt, nach Israel entführt und vor Gericht gestellt. Hannah Arendt, damals schon eine bedeutende Philosophin und Schriftstellerin, will sich die Chance nicht entgehen lassen und bietet dem Magazin „The New Yorker“ an, über den Prozess zu berichten. Als Jüdin war sie seinerzeit selbst im berüchtigten Lager Gurs inhaftiert, aus dem sie fliehen und in die USA immigrieren konnte. Nun ist sie fest entschlossen, einem dieser Verbrecher an der Menschlichkeit selbst gegenüberzutreten.

In Erwartung eine wahrhafte Bestie anzutreffen, ist sie vom Anblick Eichmanns am ersten Prozesstag überrascht. Nicht ein brutales Monster sitzt dort auf der Anklagebank, sondern ein durch und durch armseliger Bürokrat. Nicht aus tief sitzendem Hass oder aus Machtlust und Sadismus hat dieser Mensch gehandelt, sondern in penibler Pflichterfüllung und aus ehrfürchtiger Obrigkeitshörigkeit. Unfähig auch nur eines eigenständigen Gedankens, reihte er sich in die Befehlskette ein und führte sie stur aus.

Unter diesen tiefgreifenden Eindrücken und nach scharfsinniger Analyse der Prozessakten, sowie etlichen Diskussionen mit ihrem persönlichen Umfeld, erscheint schließlich ab Februar 1963 ihre Artikelserie „Eichmann in Jerusalem“ im New Yorker. Hier formuliert sie ihre berühmte und bis heute unser Denken prägende These von der „Banalität des Bösen“. Doch genau damit zieht sie viel Zorn auf sich. Ihre Feststellung, Eichmann habe nicht aus Hass auf die Juden, sondern aus unreflektierter, stumpfer Untertänigkeit gehandelt, wird in weiten Kreisen als Verharmlosung und Verteidigung eines Nazi-Verbrechers missverstanden. Selbst lange und starke Freundschaften zerbrechen, doch Arendt weicht von ihren Thesen nicht ab.

Barbara Sukowa verkörpert die Arendt als gefühlsmäßig sehr involvierte und gerade deshalb kompromisslose Denkerin. Sie schafft es, in ihrem Spiel die Verbundenheit von Denken und Fühlen dieser Frau für den Zuschauer sichtbar zu machen. Margarethe von Trotta setzt dieser starken Persönlichkeit die Un-Persönlichkeit Adolf Eichmanns gegenüber. Dazu flechtet sie Originalaufnahmen des Eichmann-Prozesses in ihren Film ein, sodass der Eindruck Ahrendts von der Banalität dieses Mannes wirklich nachfühlbar wird. So wird ein Zugang nicht nur zu der Person Hannah Arendt, sondern auch zu ihrem Denken geschaffen, der zeigt, wie sehr sie dem Konkreten verhaftet war - nicht bloß dem rein Abstrakten.

Sandra Grutza