Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

(Hundraåringen som klev ut genom fönstret och försvann) Schweden 2013 – 114 Min. – Berlinale Special 2014 - Regie: Felix Herngren. Mit Robert Gustafsson, Iwar Wiklander, Mia Skäringer, David Wiberg, Jens Hultén, Alan Ford u.a.
DerJonas Jonassons Debüt- und weltweites Bestsellerwerk avancierte auch in der Verfilmung von Felix Herngren zum schwedischen Publikumsliebling. Nun kommt die ungewöhnliche Geschichte auch in die deutschen Kinos: Wer seinen 100. Geburtstag feiern darf, der hat vermutlich einiges zu erzählen. Im Fall des rüstigen Methusalems Allan Karlsson (Robert Gustafsson) erscheinen die von ihm genüsslich vorgetragenen Anekdoten aber selbst für eine solche Lebensspanne unglaublich.

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Es sind Geschichten, die von Zufällen, Umwegen und absurden Verwechslungen zusammengehalten werden. Von der schwedischen Provinz aus zog es Allan einst als Kämpfer in den spanischen Bürgerkrieg, wo er die zweifelhafte Bekanntschaft Francos machte, der offenbar nicht nur ein Faschist, sondern auch ein nur mäßig begabter Tänzer war. Später begegnet er unter anderem US-Präsident Harry S. Truman, Atomphysiker Robert Oppenheimer und Josef Stalin. Letzterer, so erfahren wir, sei ein besserer Tänzer als Franco. Aber eigentlich sollten Männer überhaupt nicht tanzen, findet Allan, der mit 99 Jahren nicht ganz freiwillig in ein Altersheim umziehen muss. Dort steigt er an seinem 100. Geburtstag aus dem Fenster seines Zimmers und verschwindet. Allein in Deutschland hat sich Jonas Jonassons satirischer Schelmenroman seit seinem Erscheinen im Jahr 2011 über 2 Millionen Mal verkauft. Schon das ist ein Phänomen und sollte den Erfolg der Kinoumsetzung eigentlich garantieren. In seiner Heimat Schweden brach der Film bereits mehrere Rekorde. Mit Robert Gustafsson, der dank Make-up den etwas naiven Welterklärer Allan vom jungen Mann bis zum keineswegs ruhebedürftigen Greis verkörpert, spielt Regisseur Felix Herngren seinen größten Trumpf dann auch souverän aus. Gustafssons Schlitzohrigkeit, sein Spaß an der Demaskierung von vermeintlichen Autoritäten verbindet ihn mit Jonasson und dessen Erzählkunst, die gerade von ihrer Unaufgeregtheit lebt. Obwohl im Film ganze Kapitel aus Allans wundersamer Lebensgeschichte fehlen — man denke nur an die China-Episode und den Besuch bei Mao Zedong — so atmet die Umsetzung doch stets den charmant-rebellischen Geist des Romans.

Man sieht Gustafsson mit Freude dabei zu, wenn er wie ein schwedischer Forrest Gump durch die Zeit und die wechselvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts stolpert. Eine gewisse Nähe zur berühmten Hollywood-Figur lässt sich nicht leugnen, wobei Jonassons Alter Ego eindeutig der größere Kindskopf ist. Denn wo Allan auftaucht, sind Anarchie und Chaos meist nicht weit. Es greift daher allerdings zu kurz, ihn lediglich als die schwedische Antwort auf Zemeckis’ Oscar-Erfolg zu etikettieren. Bereits die lakonische, sehr skandinavische Erzählhaltung unterscheidet sowohl den Roman als auch die gelungene Kinofassung von jenem Produkt der Traumfabrik.

Felix Herngren gelingt es mit sanfter Ironie und durchaus lauteren Zwischentönen ein großes Abenteuer nachzubauen. Und bei allen, die Jonassons Roman bislang nicht kannten – sollte so etwas überhaupt möglich sein — steigt nach Filmende unweigerlich die Lust, mit diesem Allan Karlsson noch etwas mehr Zeit zu verbringen. Genug zu erzählen dürfte er haben.