Hyde Park am Hudson

(Hyde Park on Hudson) Großbritannien 2012 – 95 Min. – 1 Golden Globe Nominierung - Regie: Roger Michell. Mit Bill Murray, Laura Linney, Olivia Williams, Olivia Coman, Samuel West, Elizabeth Wilson u.a.
HydeDerzeit herrscht US-Präsidenten-Hochkonjunktur in unseren Kinos. Erst eroberte Abraham Lincoln die Leinwände, nun schickt sich in „Hyde Park am Hudson“ Franklin D. Roosevelt an, die Kinozuschauer für sich zu gewinnen. Die charmante Komödie erzählt aus der Perspektive einer Cousine von Präsident Roosevelt die Ereignisse rund um den ersten Besuch eines britischen Königspaares in Amerika. 1939 lud Roosevelt König George VI (erst kürzlich hervorragend verkörpert von Colin Firth in „The King’s Speech“) und seine Frau Elisabeth (die Eltern der heute regierenden Elisabeth II) auf sein Anwesen im Städtchen Hyde Park im Staat New York ein, um mit dem Monarchen die Möglichkeiten der USA auszuloten, England bei einem in der Luft liegenden Krieg gegen Deutschland zu unterstützen.

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Bei diesem Treffen begegnen sich nicht nur die Repräsentanten zweier Staaten, sondern es prallen auch zwei gegensätzliche Gesellschaftsformen und Temperamente aufeinander, wobei die gegenseitigen unterschwelligen Vorbehalte der beiden Nationen am Beispiel dieser Zusammenkunft mit viel Vergnügen für die Zuschauer zum Vorschein kommen. Das Königspaar hält seine Gastgeber für ungehobelt, der Präsidenten-Haushalt - Roosevelts Mutter, Gattin und seine Angestelten - dagegen die britischen Gäste für versnobt und überheblich. Dennoch will man beim royalen Besuch Eindruck schinden und zerbricht sich den Kopf über den perfekten Hofknicks und die richtige Anrede. Allein Roosevelts Gattin Eleanor denkt gar nicht daran, sich den strengen Etikett-Regeln ihrer Gäste anzupassen und plant beherzt ein rustikales Garten-Picknick mit allem was dazu gehört, einschließlich der obligatorischen Hot Dogs, um den hochherrschaftlichen Besuch bewusst zu provozieren. Dass dies zu allerlei Verwicklungen führt und Platz bietet für beidseitigen dezenten Schlagabtausch, ist absehbar und amüsant zugleich.

Roosevelt selbst hingegen erweist sich als weitsichtiger und humorvoller Mann, der seit seiner Polio-Erkrankung an den Rollstuhl gefesselt ist, was ihn jedoch nicht daran hindert, zahlreiche Liebschaften zu unterhalten, unter anderem mit seiner entfernt verwandten Cousine Margaret „Daisy“ Suckley (Laura Linney), aus deren Sicht die Ereignisse erzählt werden, basierend auf ihren posthum gefundenen Tagebuchaufzeichnungen. Seinen Besuch aus Übersee heißt Roosevelt mit Wohlwollen willkommen. Er erkennt die Unsicherheit des unerfahrenen, mit einem Sprachfehler behafteten Königs, nutzt dies aber nicht aus, sondern entwickelt vielmehr freundschaftliche Gefühle gegenüber dem Monarchen. Dieser wiederum gewinnt durch das Verständnis, das er durch Roosevelt erfährt, neues Selbstbewusstsein, das ihm die Stärke verleiht, dem deutschen Diktator die Stirn zu bieten und sein Volk durch diese schwierige Zeit zu führen.

Pointierte Dialoge, pittoreske Landschaftsaufnahmen und ein überzeugendes Ensemble (Golden Globe-Nominierung für Bill Murray) machen den Film zu einem leicht-beschwingtem Vergnügen. Geschickt mischt Regisseur Roger Mitchell reale Ereignisse, Daisys subjektive Aufzeichnungen und Fiktion. Die zwischen ihr und dem Präsidenten angedeutete Romanze bildet den Rahmen des Films und bietet Gelegenheit, das Staatsoberhaupt in einem sehr menschlichen Licht erscheinen zu lassen und kleine Geheimnisse zu offenbaren, die wir so noch nicht kannten.

Anne Wotschke