Tribute to John Hurt

Nach eigenen Worten war es John Hurt schon im Alter von neun Jahren klar, dass er Schauspieler werden wollte. Ganz zum Entsetzen seiner Eltern, die diesen Beruf als zu unsicher empfanden und ihn immerhin überreden konnten, an der Londoner Kunsthochschule zu studieren. Doch als die ‚Royal Academy of Dramatic Art‘ ihm ein Stipendium anbot, griff er zu. Fortan musste er sich alleine durchschlagen, weshalb er alle erdenklichen Theaterengagements und Fernsehrollen annahm. Schließlich erhielt er die Hauptrolle in dem Stück „Little Malcolm and His Struggle Against the Eunuchs“, das er selbst für seinen Durchbruch hielt, weil ihn hier der Filmregisseur Fred Zinnemann für das Kino entdeckte. Er war von seiner Leistung so beeindruckt, dass er ihm sogleich eine Nebenrolle in „Ein Mann zu jeder Jahreszeit“ gab. Der Film erhielt sechs Oscars und öffnete Hurt die Tür nach Hollywood, wo er John Huston kennen lernte, der seine Filmkarriere an Dynamik gewinnen ließ. Hurt ließ sich auf kein Genre festlegen, machte Kunst und Kommerz und schrieb sogar als Sprecher in Animationsfilmen wie „Watership Down“ und „Der Herr der Ringe“ Filmgeschichte.

Für „12 Uhr Nachts - Midnight Express“ wurde er 1978 in der Kategorie Bester Nebendarsteller für einen Oscar nominiert, was sich 1980 mit „Der Elefantenmensch“ wiederholen sollte, doch kriegen sollte er ihn nie. Man könnte ihn als transatlantisches Talent bezeichnen, das nicht nur in England und Amerika Filme drehte, sondern auch im Mainstream-Kino genauso zu Hause war wie im Arthaus-Kino. So war er 1979 in „Alien“ dabei, spielte in der letzten Folge von „Indiana Jones“ und dürfte selbst jungen Kinogängern als Mr. Ollivander aus den Harry Potter Filmen bekannt sein. Doch filmhistorische Akzente setzte er in der Filmkunst. Sein „Elefantenmensch“ war einzigartig, sein Winston Smith in der Orwell-Verfilmung „1984“ unvergesslich, und auch in „Snowpiercer“ überzeugte er in einer kleineren Rolle mit seiner enormen Präsenz. Seine Zusammenarbeit mit Jim Jarmush in „Dead Man“ fand letztens eine Wiederholung in „Only Lovers left Alive“, wo er als Christopher Marlowe für Tilda Swinton Blutkonserven organisiert. Bemerkenswert auch seine Rolle in „An Englishman in New York“ der hierzulande nie ins Kino kam, obwohl er schauspielerisch an Noblesse und Stil kaum zu übertreffen ist. Und auch aktuell ist er noch in unseren Kinos zu sehen: In „Jackie“ steht er als Priester, der gerade zur Witwe gewordenen Jacqueline Kennedy mit Rat und Tat zur Seite.

John Hurt verstarb im letzten Monat 77-jährig in London. Dass man ihn künftig nicht mehr auf der Leinwand sieht, ist kaum vorstellbar, und dem wollen wir mit unserer kleinen Filmreihe entgegenwirken.

Kalle Somnitz