Lion

USA, Australien, Großbritannien 2016 - 129 Min. – 4 Golden Globe-Nominierungen 2017 - Regie: Garth Davis. Mit Dev Patel, Nicole Kidman, David Wenham, Sunny Pawar, Rooney Mara u.a.
LionWenn es eine atemberaubende Geschichte wie Saroon Brierlys autobiographischer Roman "Mein langer Weg nach Hause" auf die Bestsellerlisten schafft, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie ihren Weg auf die Kinoleinwände findet. Mutterseelenallein ging der Autor als Kind verloren, strandete in Indiens härtester Großstadt Kalkutta und wurde schließlich von einer australischen Familie adoptiert. Im Erwachsenenalter forschte er nach seinem verlorenen Heimatort und fand ihn mithilfe von Google Earth. Mit Staraufgebot inszenierte Garth Davis diesen bewegenden Film, der nicht nur von einer umständlichen Heimreise erzählt, sondern auch die schwierigen Seiten des relevanten Themas Adoption beleuchtet.

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Gemeinsam mit seiner Familie bewohnt der fünfjährige Saroo eine kleine Hütte inmitten einer indischen Kleinstadt. An einem ganz gewöhnlichen Tag begleitet er seinen Bruder, der ihm heißt, an einem Bahnhof auf ihn zu warten, während er arbeiten geht. Vor Erschöpfung schläft der Kleine beim Warten in einem Zug ein. Als er aufwacht, hat sich der Zug schon längst in Bewegung gesetzt — ohne Stopp bis Kalkutta. Dort verloren, wird Saroo eines von vielen Straßenkindern, bis er in ein Waisenhaus aufgenommen wird. Dem dortigen Missbrauch kann er durch glückliche Umstände entgehen, denn die Annonce, die eine engagierte Mitarbeiterin aufgesetzt hat, hat zwar nicht wie erhofft die Familie erreicht, dafür aber ein australisches Paar auf das Waisenkind aufmerksam gemacht. Er wird adoptiert und der Fürsorge von Sue (Nicole Kidman) und John Brierley (David Wenham) übergeben. Viele Jahre später lebt Saroo (Dev Patel) in Melbourne, studiert und hat eine Freundin (Rooney Mara). Rundum stimmt alles, aber die Frage nach seiner Herkunft lässt ihn nicht los und als sein inneres Gleichgewicht langsam aber sicher aus den Fugen gerät, begibt er sich per Internet auf die Suche nach seinem Heimatort und der leiblichen Familie. Doch von Kleinstädten wie der seinigen gibt es zahllose in Indien und die schier aussichtslose Suche wird für ihn zur Zerreißprobe.

Zweifellos ist dies eine Geschichte, die schon beim Lesen der Inhaltsangabe nach den Taschentüchern schreit. Zwar drückt "Lion" ebenjene Knöpfe, weswegen man diesen Schrei beim Kinobesuch erhören sollte, doch Garth Davis vollbringt es, die Emotionalität niemals in Kitsch und extreme Gefühlsduseleien abgleiten zu lassen. Dies verdankt er unter anderem dem großartigen Ensemble, das die intimen Momente immer glaubhaft transportiert. Neben Schauspielgigantin Nicole Kidman, dem souveränen Dev Patel, der schon in "Slumdog Millionaire" auf einer nicht ganz unähnlichen Suche war, und Rooney Mara, überzeugt insbesondere der Jungdarsteller Sunny Pawar in der ersten Hälfte des Films und stiehlt seinen erfahreneren Leinwandpartnern beinahe die Show. Es sind die eindringlichsten Sequenzen, als er einsam durch die Straßen Kalkuttas streift, die von Kameramann Greig Fraser unheilvoll eingefangen werden und die klaustrophobische Anonymität des verloren gegangenen Kindes fühlbar machen. Schließlich werden auch die Traumata thematisiert, die die Waisenkinder zu ihren neuen Pflegefamilien mitbringen. Dies geschieht hier mittels Saroos ebenfalls aus Indien adoptierten Bruders, der die Entwurzelung weniger unbeschadet überstand.

Nathanael Brohammer