Ein Prophet

(Un Prophète) Frankreich 2009 – 150 Min. – Farbe – Cannes 2009 – Oscar–Nominierung 2010 – Drehbuch & Regie: Jacques Audiard. Mit Tahar Rahim, Niels Arestrup, Adel Bencherif, Reda Kateb, Hichem Yacoubi u.a.
EinDer Titel des neuen Films von Jacques Audiard ist pure Ironie: In zweieinhalb mitreißenden Stunden schildert der Film den Aufstieg (oder Fall?), eines Kleinganoven zum Gangsterboss, inmitten eines Gefängnisses. Die stilistische Mischung aus Realismus, Genrestrukturen und Fantastik ist gleichermaßen faszinierend und fragwürdig, macht "Ein Prophet" aber zweifelsohne zu einem der aufregendsten Filme des Jahres.

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Natürlich ist Hauptfigur Malik El Djebena nicht unschuldig, doch zu Beginn des Films wirkt der junge Mann noch ziemlich unbescholten. Was genau er getan hat bleibt jedoch offen, wie weite Teile seines Hintergrunds. Narben im Gesicht, lange Striemen auf dem Rücken, die beiläufige Erwähnung einer Kindheit im Heim lassen seine Vergangenheit nur erahnen. Seine Gegenwart hingegen, wird umso deutlicher beleuchtet. Im Knast, der weitestgehend von einem korsischen Mafiapaten namens Caeser Luciano beherrscht wird, gerät Malik sofort in dessen Fokus, denn er wird für einen Rachemord "auserwählt." Töten oder getötet werden, das ist die Wahl, vor die der junge Mann gestellt wird und seine Entscheidung ebnet ihm den Weg für die folgenden Jahre in der Gefangenschaft. Fortan steht er unter dem Schutz des Korsen, wird zum Laufburschen, später zum Vertrauten, der auf Freigängen die schleppenden Geschäfte am Leben hält.

Dabei kommt Malik zu Gute, dass er zwischen den einzelnen Fraktionen der Insassenschaft wechseln kann. Als Franzose arabischer Herkunft, der später auch noch italienisch lernt, kommuniziert er sowohl mit den Korsen, als auch mit den zahlreichen Arabern, die zunehmend die Macht im Gefängnis an sich reißen. Von der Macht des Staates hingegen ist kaum etwas zu spüren, Gefängniswärter, Bewährungshelfer, jegliche Form der Resozialisierung verblasst hinter den Machenschaften der inhaftierten Gangster. Doch mit zunehmender Erfahrung, die sich in einem schleichenden Wandel des Aussehens, vor allem aber der Körpersprache Maliks zeigt, beginnt er für sich selbst zu denken und zu handeln. Er nimmt die Fäden selbst in die Hand, knüpft Kontakte und entwickelt sich vom Kleinganoven zu einem die Gesellschaft komplett unterminierendem Subjekt.

Am Ende muss man Malik wohl als Produkt des Systems sehen, dass sich nicht um seine Gefangenen kümmert. Ob Audiard Malik als Opfer betrachtet oder seine Stärke bewundert, bleibt dabei offen. Man könnte dem Film diese unbestimmte Haltung vorwerfen, die mit immer wieder eingestreuten religiösen Konnotationen bisweilen so wirkt, als würde sie Malik tatsächlich überhöhen, in die Nähe eines Propheten setzen, der aus dem Elend zu persönlicher Stärke findet. Ebenso vage sind mögliche gesellschaftskritische Ansätze, die eher unter der Genregeschichte verborgen bleiben als wirklich im Vordergrund zu stehen. Darin allerdings, liegt auch die Stärke von "Ein Prophet". Audiard predigt nicht, will nicht überdeutlich auf Missstände im Gefängniswesen hinweisen, sondern zeigt einen Teil der Gesellschaft einfach wie er ist. Dass er sich dabei aber auch nicht in einen scheinbaren Realismus flüchtet, sondern bewusst mit den Strukturen des Gefängnisfilm–Genres arbeitet, Maliks Geschichte zudem mit einigen mystisch–fantastischen Momenten überhöht, macht "Ein Prophet" so zu einem faszinierendem Film. Brutal, schonungslos und enorm mitreißend.