Ein Sack voll Murmeln

(Un sac de billes) Frankreich, Kanada, Tschechien 2017- 113 Min. - Regie: Christian Duguay. Mit Dorian Le Clech, Batyste Fleurial Palmieri, Patrick Bruel, Elsa Zylberstein, Christian Clavier u.a.
EinParis, 1941. Weil es in der besetzten Hauptstadt zu gefährlich geworden ist, plant die jüdische Familie Joffo die Flucht nach Südfrankreich, das noch nicht in deutscher Hand ist. Eine gemeinsame Reise wäre zu auffällig, daher schicken die Eltern den zehnjährigen Joseph und seinen älteren Bruder Maurice allein auf den Weg. Ein gefährliches Abenteuer erwartet die Jungen, denn niemand darf erfahren, dass sie Juden sind. Doch dank ihres Mutes und Einfallsreichtums schaffen sie es immer wieder, den Besatzern zu entkommen. Wird es ihnen gelingen, ihre Familie in Freiheit wiederzusehen?

zurück | Mehr darüber

Joseph und Anna Joffo sind Friseure in langjähriger Tradition. Ihren Salon gibt es schon ewig, er ist ein kleines Zentrum des Viertels, wo sich jeder aus der Nachbarschaft nicht nur die Haare schneiden lässt, sondern sich in punkto Tratsch und Klatsch auf den neuesten Stand bringen lässt. Die Joffos haben vier Söhne, zwei sind bereits erwachsen und arbeiten mit im Geschäft, während Joseph und Maurice die letzten unbeschwerten Tage ihrer Kindheit verbringen. Damit ist allerdings Schluss, als die Nazis in Paris einmarschieren, die Stimmung ändert sich schlagartig im Lande, was die Joffos in ihrem Salon schnell mitkriegen. Der Vater ist schwer besorgt, er ist russischer Herkunft und kennt die Pogrome gegen die Juden. Gemeinsam beschließt man die Flucht in den noch nicht besetzten Süden Frankreichs, doch gemeinsam reisen wäre viel zu auffällig, so schicken sie das jüngere Brüderpaar allein auf die Reise, nicht ohne ihnen brutal einzuschärfen, dass sie Juden sind, darauf stolz sein sollen, aber niemanden davon erzählen und es immer leugnen sollen. Ausgestattet mit ein wenig Geld, Proviant und einer Adresse in Nizza beginnt eine Odyssee, in der die beiden jede Menge Menschen kennen lernen, die ihnen Gutes und Böses wollen. Das Brüderpaar entwickelt sich auf dieser Reise zu einem tollen Team, denn wenn Maurice auch der Ältere und Kräftigere ist, ist es meist der kleine Joseph mit seinem entwaffnenden Charme und seiner Bauernschläue, der die Menschen besser einschätzen und für sich einnehmen kann. So schaffen es die beiden auf vielen Umwegen bis nach Nizza, doch auch dort fallen bald die Nazis ein.

Die berührende Lebensgeschichte der beiden Brüder ist von Joseph Joffo in einem Roman festgehalten worden, der in Frankreich schnell ein Bestseller geworden und nun von dem Franko-Kanadier Christian Duguay verfilmt worden ist. Während der Roman in einem Abstand von dreißig Jahren auf die Geschehnisse zurückblickt, wird der Film direkt aus der Sicht des kleinen Joseph erzählt. Dabei gelingen dem Regisseur nicht nur phantastische Naturaufnahmen der französischen Landschaft, sondern auch jede Menge menschliche Begegnungen, die vor Einfallsreichtum nur so sprühen und dem Film eine gute Mischung aus komischen und tragischen Momenten geben. Die Chemie zwischen den beiden Brüdern ist auf der Leinwand so stimmig, dass man sie schnell ins Herz schließt und stets mit ihnen und ihrem Schicksal fiebert, oder wie es der heute 81-jährige Joseph Joffo selbst formuliert: „Momentan hallt unsere Geschichte besonders laut wieder. Viele Kinder müssen auch heute noch fliehen. Wie wir vor 75 Jahren sind sie vollkommen allein und auf sich gestellt unterwegs. Ich hoffe der Film bringt uns dazu, über das Schicksal dieser Kinder und ihrer zerrissenen Familien nachzudenken.“

Kalle Somnitz