74esima Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica La Biennale di Venezia

74. Internationalen Filmfestspiele von Venedig

Eine optimale Mischung von anspruchsvoller Filmkunst und bester Unterhaltung bot das Filmfestival in Venedig in diesem Jahr.

Eigentlich sollte ein Filmfestival einfach nur die derzeit besten Filme der Welt vorstellen. Da ist es schon überraschend, dass die Festivalleiter darüber hinaus noch nach einem roten Faden in ihrem Programm suchen, so als ob der Qualitätsaspekt allein nicht ausreichend wäre. Auf der anderen Seite könnte ein solcher roter Faden natürlich auch das globale Weltgeschehen spiegeln, sprich Themen ausfindig machen und konzentrieren, mit denen sich viele Filmschaffende zur Zeit beschäftigen. Meist werden solche Zusammenhänge auf oberflächliche Weise konstruiert und beschworen, wie etwa Familie, Liebe oder Sozialkritik, doch in diesem Jahr konnte man tatsächlich einen solchen Faden erkennen, der viele Filme miteinander verband und eine Art gesellschaftlichen Grundtenor andeutete. Die Begriffe Angst und Wut fielen jedenfalls erstaunlich häufig im Festival 2017, ganz egal, ob sie inhaltlich verhandelt wurden oder ob es der Antrieb für die verschiedenen Filmkünstler war.

Downsizing 2017

Downsizing © Venice International Filmfestival 2017

So war es schon beim Eröffnungsfilm DOWNSIZING, in dem Alexander Payne (SIDEWAYS, ABOUT SCHMIDT) einer ziemlich spektakulären Idee der Müllvermeidung und Ressourcenschonung nachgeht. Einem skandinavischen Wissenschaftler ist es gelungen, Menschen schrumpfen zu lassen. Fortan brauchen sie weniger Platz, Energie und Nahrung und erzeugen auch weniger Müll. Noch dazu sind ihre persönlichen Kosten deutlich geringer, was sie auch finanziell aufsteigen lässt. Matt Damon spielt hier wieder einmal den Normalbürger Amerikas, der sich von dieser Idee anstecken lässt und mit seiner Frau beschließt, diesen Weg – nicht zuletzt wegen der persönlichen Vorteile – gemeinsam zu gehen. Einziger Haken: Der Schrumpfungsprozess ist nicht reversibel, und so wacht unser Held alleine in Gullivers Zwergenland auf, seine Frau hat im letzten Moment kalte Füße bekommen und einen Rückzieher gemacht. So hat er sich sein neues Leben eigentlich nicht vorgestellt, und es verläuft ähnlich ereignislos wie sein altes, jedenfalls solange, bis er auf zwei Schwarzmarkthändler (Christoph Waltz und Udo Kier) und deren Putzfrau (großartig gespielt von Hong Chau aus BIG LITTLE LIES und INHERENT VICE) trifft, die nicht nur mächtig Dampf in sein Leben bringen, sondern auch dem Film eine ordentliche Dosis Adrenalin verpassen. Am Ende hat unser Held sogar etwas gelernt, denn wenn sich auch alles Organische schrumpfen lässt, die Probleme bleiben so groß wie zuvor und lösen kann man sie nur, wenn man seine Einstellung ändert.

 

Suburbicon 2017

Suburbicon © Venice International Filmfestival 2017

Matt Damon spielt auch die Hauptrolle in George Clooneys immerhin schon sechster Regiearbeit SUBURBICON. Der Stoff geht zurück auf ein Drehbuch der Coen-Brothers, das diese in den 1980er Jahren geschrieben haben, aber nicht finanzieren konnten. Später haben sie dann das Interesse an dem Stoff verloren und überließen Clooney ihre Idee von einer Mustersiedlung im Herzen Amerikas, in der alles vom Feinsten ist und einer Postkarten-Idylle der 1950er Jahre gleicht. Doch genau hier, wo die Welt nach außen hin noch in Ordnung scheint, wird ein abscheuliches Verbrechen geplant. Als wäre dieser Gegensatz noch nicht groß genug, hat Clooney die Geschichte um eine neue farbige Familie ergänzt, die in diese amerikanische Traumgemeinde zieht und damit tumultartige Zustände auslöst, der ideale Deckmantel für die hier vor sich gehenden kriminellen Machenschaften. Und wenn am Ende alles Böse ans Tageslicht kommt, können ja nur die Farbigen daran Schuld gewesen sein, denn vorher hat es so etwas ja nie gegeben.

 

Matt Damon und George Clooney

© Venice International Filmfestival 2017

Auf der Pressekonferenz gab sich Clooney ziemlich enttäuscht darüber, dass Amerika seinen Rassismus immer noch nicht überwunden hat und nach wie vor dazu neigt, Zäune zu bauen. Auf die Frage, ob er sich vorstellen könnte, der nächste amerikanische Präsident zu werden, gab er sich amüsiert, bis ihm Matt Damon ins Wort fiel und konstatierte, dass es ihm völlig egal sei, wer der nächste amerikanische Präsident werde, solange es nur nicht der aktuelle wird.

 

First Reformed 2017

First Reformed © Venice International Filmfestival 2017

Aktuelle gesellschaftspolitische Befindlichkeiten untersuchte auch Paul Schrader in FIRST REFORMED, der, nach einigen Ausflügen in den Genre-Film (THE CANYONS), mit einem Alterswerk zurückkehrte, das an Erfolge wie TAXI DRIVER und BLUE COLLAR anknüpfen konnte. Sein Lieblingsmotiv des einsamen Wolfes, der desillusioniert aus der Gesellschaft fällt, um dann nach und nach in den Wahnsinn abzugleiten, findet hier mit Ethan Hawke eine hervorragende, intensiv gespielte Verkörperung. Als Ex-Militär, der seinen eigenen Sohn im Irak-Krieg verloren hat, versucht dieser nun als Pastor einer kleinen Gemeinde anderen Menschen Hoffnung zu geben. Seine eigenen Dämonen bekommt er dabei jedoch selbst mit Alkohol kaum unter Kontrolle und als ein von ihm betreuter Mann schließlich unter fragwürdigen Umständen Suizid begeht, überschwemmt ihn nach und nach die unterdrückte Gewalt. Schrader greift dabei verschiedene Themen gelungen auf – den ansteckenden Nihilismus von Selbstmordattentätern, Perspektivlosigkeit und Ohnmacht angesichts der allgegenwärtigen neoliberalen Machenschaften und die daraus resultierende Umweltzerstörung. Das Setting scheint dabei für Schrader selbst eine therapeutische Funktion einzunehmen, denn bekanntermaßen arbeitete er sich sein Leben lang am streng calvinistischen Elternhaus ab. Ästhetisch zeigt sich das an seiner Faszination von Regisseuren wie Carl Theodor Dreyer oder Robert Bresson, die hier in seinem Wettbewerbsbeitrag als modernen Version des TAGEBUCHS EINES LANDPFARRERS offensichtlich wird.

 

Mother! 2017

Mother! © Venice International Filmfestival 2017

Viel ist über Darren Aronowskys MOTHER! im Vorfeld spekuliert worden und Vermarktung wie Hype schürten konträre Erwartungen an den Film, der zwar leidenschaftlich verrissen und ausgebuht wurde, jedoch auch nicht uninteressant ist, wenn man sich auf die Suche nach Interpretationen begibt. Ganz offensichtlich handelt es sich bei der Geschichte um kein realistisches Setting, noch nicht einmal um ein Mind-Game-Movie, bei dem am Ende alles nur im Kopf des Protagonisten stattfindet, sondern um den Entwurf einer kulturellen Allegorie.

Jennifer Lawrence 2017

Jennifer Lawrence © Venice International Filmfestival 2017

Was Aronowsky da in abstrakte Konstellationen bringt, ist vor allem die Geschlechterdifferenz und ihr Gewaltzusammenhang in patriarchalen Gesellschaften. Da diese in unserer Kultur mit den großen monotheistischen Religionen zusammenhängt, in denen Gott als Vater (oder Sohn) als Maßstab aller handelnder Subjekte gilt, stellt sich die Frage nach Ort und Rolle der Frau. Mütterlich verstanden, ist sie der haltende und umhüllende Raum für den Mann, was für ihn nützlich wie auch recht gefährlich sein kann. So muss die schöpferische Kraft des Weiblichen kontrolliert, unterdrückt und herabgesetzt werden, damit sich das männliche Geschlecht als eigentlicher Schöpfer auf ihre Kosten hervorbringt. In Aronowskys Film wird dies am starren Javier Bardem exemplarisch, der, als sexuell und künstlerisch blockierter Schriftsteller, unfähig ist, zu seiner madonnenhaften Frau, intensiv verkörpert von Jennifer Lawrence, in lebendiger Beziehung zu stehen. Aronowsky erzählt aus der Perspektive des Weiblichen, das seines Ortes beraubt wird, obwohl es als Mutter der eigentliche Spender jeden Raumes ist und in der Ambivalenz zwischen bedrohlicher Verführerin und unbefleckter Heiligen gefangen bleibt.

 

Lean on Pete 2017

Lean on Pete © Venice International Filmfestival 2017

Hohe Erwartungen richteten sich auch an den neuen Film von Andrew Haigh, der sich mit seinem Drama 45 YEARS in die Spitze des Arthouse-Films katapultierte. LEAN ON PETE wechselt den Schauplatz vom nebligen Großbritannien in die erbarmungslose Sonne des mittleren Westens der USA. Hier erzählt Haigh die Leidensgeschichte eines Teenagers aus prekären Verhältnissen, der Hoffnung durch einen Job an der Pferderennbahn erhält. An ihr schlägt sich auch ein mürrischer Steve Buscemi mit seinen Tieren durch, die er aus Profitgier bis zur Verletzung verheizt. Der Junge spürt insgeheim, dass sein Leben genauso wenig wert ist, und entführt schließlich das zur Schlachtung freigegebene Pferd “Lean on Pete”, als sein Vater stirbt und die Fürsorge droht, ihn ins Heim zu stecken. Zu Fuß auf dem Weg in den Westen verschlägt es das seltsame Paar durch die Wüste und immer weiter hinaus aus dem gesellschaftlichen Zusammenhang. Etwas zu lang und nicht ganz so kraftvoll, wie seine Vorgänger, erzählt der Film dennoch eine bewegende Außenseiter-Geschichte, die zeigt, wie leicht man im Land der unbegrenzten Möglichkeiten immer noch aus der Welt fallen kann. Charlie Plummer erhielt für seine schauspielerische Leistung als Bester Junger Darsteller den Marcello-Mastroianni-Award.