VorschauSTART | 23.01.2020

Als wir tanzten

Infos Vorführungen

Als wir tanzten - 2019 Filmposter

Die Filmreihe 

Bambi
Mo13.01.2021:00

9,00 EUR/7,00 EUR
Normal / Gildepass

Informationen

Der schwedische Regisseur Levan Akin folgt seinen Wurzeln zurück nach Georgien. Mit seinem meisterhaften Film „Als wir tanzten“ liefert er nicht nur eine intime Milieustudie und Auseinandersetzung mit der Heimat seiner Vorfahren, sondern zugleich auch einen der schönsten und berührendsten Coming-of-Age-Geschichten und Beiträge zum Queer-Cinema der vergangenen Jahre.

Der georgische Volkstanz steht nicht nur in altehrwürdiger Tradition, sondern ist im Falle der männlichen Tänzer auch gleichermaßen Ausdruck von Maskulinität. Da fällt der von Statur eher filigrane Merab (Levan Gelbakhiani) etwas aus dem Rahmen und muss sich daher sogar doppelt anstrengen im National Georgian Ensemble, denn seine Tanzschritte- und Bewegungen muten federleicht an, und dafür eben weniger viril, energisch und kraftvoll. Nicht genug, dass der Tanzlehrer den jungen Eleven mit Kritik überhäuft, tritt prompt auch der unbekümmerte Irakli (Bachi Valishvili) der Klasse als neues Mitglied bei. Er entwickelt sich zu Merabs stärkstem Konkurrenten und zu seinem größten Begehren.

„Als wir tanzten“ funktioniert einerseits durch einen sublimen Realismus und andererseits über die heimlichen, vielsagenden Blicke des famosen Hauptdarstellers Levan Gelbakhiani, der in den Tanzdarbietungen schlichtweg hinreißt und auch sonst mit ebenso nuanciertem, unaufdringlich-authentischen Spiel begeistert wie einst Timothée Chalamet in „Call Me By Your Name“. Auch ist es, wie schon in Luca Guadagninos Film(en), die eindringliche Inszenierung von Körperlichkeit, die zum dramaturgischen Brennpunkt avanciert. Dies passiert mittels großartiger Tanzsequenzen; Tänzen, in denen sich die inneren Aufrühre des Protagonisten deutlich wiederspiegeln und zu desparaten, hoffnungsvollen und schlussendlich befreienden Ausdrucks- und Kommunikationsakten werden.

Zugleich ist der Film das bedrückende Porträt einer von der Globalisierung abgehängten Kulturzone und insbesondere einer Jugend, die wegwill. Tiflis wird beiläufig in seinen weniger schmeichelhaften Facetten und maroderen Infrastrukturen gezeigt. Auch die Jugendlichen im Ensemble schleifen kleine Hoffnungen und abdämmende Sehnsüchte mit sich. „In Europa ist alles besser“ sagt Merabs Tanzpartnerin und Freundin Mary (Ana Javakishvili) bezeichnenderweise an einer Stelle. Sie raucht am liebsten englische Zigaretten, die sie von einem Austausch aus London exportiert hat. Auch für Merab wird seine Heimat, das ist relativ früh ersichtlich, ein schwieriges Pflaster: Homosexualität ist ein Tabu. Umso spannender also, dass explizite Homophobie hier längere Zeit ausgeklammert wird. Die Annäherung beider Protagonisten verläuft redlich langsam und ausgesprochen vorsichtig: Zweideutigkeiten werden artikuliert, die räumliche Nähe des anderen gesucht, lange und zärtliche Blicke getauscht. Ihre Zuneigung blüht im Geheimen, sachte und unschuldig. Dennoch mutet alles an wie eine schwerelose Sommerliebe, die jedoch im Keim erstickt wird, sobald die Blase des Wochenendtrips, bei dem sich beide näherkommen, im alltäglichen Lebenskontext zerplatzt.

Wenn einem bei der traurigen Romanze dann schlussendlich „Call Me By Your Name“ in den Sinn tritt, braucht „Als wir tanzten“ den (gutgemeinten) Vergleich keineswegs zu scheuen: ist er doch in seinen Grundzügen ganz eigenständig und transportiert das Bewusstsein einer jungen Generation, die sich im Korsett strenger Riten und Traditionen befindet, was durch Merabs teilbewusstes Aufsträuben gegen die Regelhaftigkeiten der zu erlernenden Volkstänze manifest wird. Der greise, konservative Tanzmentor äußert einmal, dass georgischer Tanz „ein Schrei unserer Gene“ sei und die Wahrung ehrwürdiger Riten und alttradierter Denkmuster repräsentiert. Dieses kleine Meisterwerk hingegen scheint vielmehr ein aufbegehrender Schrei dagegen.

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