Das Ereignis

Goldener Löwe, Venedig 2021

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Das Ereignis - 2022 poster
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Der Goldene Löwe der letzten Filmfestspiele von Venedig ging absolut verdient an den französischen Film "Das Ereignis", obwohl ihn einige wegen der hohen Qualitätsdichte des Wettbewerbs zunächst nicht auf der Rechnung hatten. Die Umsetzung des gleichnamigen autobiographischen Romans von Annie Ernaux erzählt emotional packend und intensiv gespielt von einer Abtreibung in den sechziger Jahren - ein Thema, das sich angesichts einer sich rückwärts entwickelnden Debatte zum Thema aktueller denn je erscheint.

Weltweit wird den Frauen wieder das Recht auf Abtreibung abgesprochen, so dass sie in die Illegalität getrieben werden. Die jüngsten Entwicklungen in Polen oder in Texas, wo nur wenige Tage vor der Uraufführung in Venedig  ein strenges Abtreibungsgesetz in Kraft trat, sind dafür Beispiele. Im Mittelpunkt des Films steht die junge Studentin Anne. Als einzige in ihrer Familie hat sie es an die Universität geschafft. Sie möchte Autorin oder Professorin werden und sieht darin die Chance, sich aus den Zwängen ihrer sozialen Herkunft zu befreien. Als sie nach einer kurzen Affäre ungewollt schwanger wird, steht der große Traum der aufgeweckten Studentin vor dem Aus. Sie wird ihr Studium nicht beenden können, auf sie wartet im besten Fall ein stigmatisiertes Leben als Hausfrau am heimischen Herd, Berufsleben und Mutterschaft waren damals ein unvereinbarer Gegensatz.

So beschließt sie, das Kind loszuwerden, doch Abtreibungen sind illegal. Ihr und allen, die ihr helfen, droht eine Verurteilung bis hin zur Gefängnisstrafe. So ist es kein Wunder, dass alle ihre Versuche, Hilfe zu erhalten, ins Leere laufen. Weder der Vater des Kindes noch ihre Freundinnen oder die konsultierten Ärzte unterstützen sie aus Angst, sich strafbar zu machen. Im Gegenteil, einer der Ärzte verschreibt ihr sogar ein Medikament, das angeblich helfen soll, letztlich aber nur den Embryo stärkt. In ihrer Verzweiflung legt sie schließlich selbst Hand an sich – Szenen, die drastisch geschildert werden und nur schwer erträglich sind. Als alles nichts hilft, sucht sie schließlich eine Engelmacherin auf und riskiert für ihren Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung sogar ihr Leben.

Saure Moral, Feigheit und Hilflosigkeit – das schlug auch der Schriftstellerin Annie Ernaux 1963 entgegen bei ihrer ungewollten Schwangerschaft, die ihrem im 2000 publizierten Roman zugrunde liegt. Unter dem Mantel eines monumentalen Schweigens hätten die Männer des französischen Literaturbetriebs die Abtreibungsstory begraben, klagte Ernaux Jahre nach der Veröffentlichung. Mit dieser Ignoranz ist es hoffentlich nun durch die Filmversion vorbei. „Ich habe den Film mit Wut im Bauch, viel Begierde, mit Leib und Seele, Hirn und Herz gemacht“, bekundete Regisseurin Audrey Diwan bei der Preisvergabe in Venedig – und das ist in jeder Minute spürbar. Dabei kann sie sich verlassen auf ihre Hauptdarstellerin Anamaria Vartolomei, die mit ihrem intensiven Spiel die Zuschauer mitleiden lässt. Die Handkamera bleibt eng an seiner Protagonistin dran, das enge Bildformat verstärkt die Intimität noch zusätzlich. Ein wichtiges Plädoyer für das Recht auf Selbstbestimmung, das – wie sich erweist – immer wieder aufs Neue verteidigt werden muss.

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