Die Zeit, die wir teilen

Berlinale Special 2022

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Die Zeit die wir teilen - 2022
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Eine zufällige Begegnung, die eine Lawine der Gefühle auslöst: Als die erfolgreiche Pariser Verlegerin Joan Verra nach langer Zeit ihrer ersten großen Liebe wieder begegnet, erscheint ihr das eigene Leben plötzlich wie ein Roman vor Augen. Was hätte möglich sein können, wenn man nur den Mut gehabt hätte, sich selbst gegenüber aufrichtig zu sein? Isabelle Huppert brilliert in der facettenreichen Darstellung einer ebenso unnahbaren wie zerbrechlichen Frauenfigur, die ihr sichtlich auf den Leib geschrieben ist. Ein ihr hoffnungslos verfallener Lars Eidinger, in der Rolle eines nihilistischen Schriftstellers, sorgt dabei auch für unverhofft humorvolle Momente.

Eine zarte Frau mit leuchtend roten Haaren rast im Auto durch die Nacht. Ihr Name sei Joan, sagt sie, während sie direkt in die Kamera blickt und die vierte Wand durchbricht. Er sei weder Jeanne oder etwa John. Vor allem bedeutet Joan Verra im Französischen auch: „Joan wird sehen“. Bereits in der ersten Szene setzt der französische Regisseur Laurent Larivière damit das Thema einer weiblichen Selbstergründung. 

Schon früh spannte sich das Leben der geschmackvollen Pariser Verlegerin zwischen zwei Nationen auf: Ihre Mutter war Französin, der Vater kam jedoch aus Irland. So führte sie ihr Weg als junge Frau für eine Zeit als Au Pair nach Dublin. Ein ebenso umtriebiger wie charmanter Taschendieb erobert dort im Pub zur Musik der Boomtown Rats ihr Herz. Auf durchtanzte Nächte mit Doug (Éanna Hardwick) folgen gemeinsame Diebestouren, die jedoch schnell im Gefängnis enden. Im Liebesrausch scheinen die Konsequenzen nebensächlich, doch Joan wird ungeplant schwanger. Entsetzt holen ihre Eltern sie heim, die Beziehung reißt ab. Doug hat nie erfahren, dass er Vater wurde, bis er der älteren Joan zufällig in der französischen Hauptstadt wieder begegnet. Diese überkommt daraufhin ein tiefer Schmerz im Rückblick auf ihr bisheriges Leben. Sie zieht sich in ihr Landhaus zurück und gibt sich den eigenen Gedanken hin. Erinnerungen und Fantasien gehen dabei fließend ineinander über. Obwohl Joan beruflich weit gekommen ist und große Verehrung genießt, quälen sie ungeklärte Fragen. Was ist mit ihrer Mutter geschehen, die kurz nach ihrer Schwangerschaft von Doug die Familie verlassen hat, um mit ihrem Karate-Lehrer nach Japan durchzubrennen? Die Kränkung über die scheinbare Selbstsüchtigkeit der Mutter wiegt schwer. Hat sie nur auf einen Vorwand gewartet, um sie zurückzulassen? Joan will sich ihrem Sohn gegenüber anders verhalten, doch schon bald zeichnet sich eine tragische Wiederholung ab. Wird Joan es sich selbst erlauben können, sich ohne Schuldgefühle für ihr Glück zu entscheiden?

Die Kamerafrau Céline Bozon taucht die verschiedenen Episoden, in denen Joan ihr Leben Revue passieren lässt, in atmosphärische, lichtdurchflutete Einstellungen. Mal sind die Farbtöne warm und versöhnlich, dann wieder von kühler Bitterkeit. Ein ganz besonderes Verhältnis verbindet die Verlegerin mit ihrem Enfant Terrible, dem deutschen Schriftsteller Tim Ardenne (Lars Eidinger). Der um einiges jüngere Mann, der sich in eine obsessive Liebe zu ihr hineingesteigert hat, hilft ihr durch seine gelebte Selbstzerstörung die eigenen seelischen Wunden zu befragen. Doch es wird noch einige Gedankenspiele brauchen, bis Joan innerlich soweit ist, sich ihrem größten Schicksalsschlag innerlich zu stellen. DIE ZEIT, DIE WIR TEILEN ist ein Film über die Kraft des Fiktionalen und die widersprüchlichen Gefühle, die ein Leben zusammenhalten, indem sie es immer wieder neu zu denken geben.

 

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