Eine Sekunde

Publikumspreis, Rom 2021

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Zhang Yimous neuester Film war für die Berlinale 2019 angekündigt, wurde aber kurzfristig aus dem Programm genommen. Die Presse vermutete Zensur und warf der Berlinale-Leitung zu wenig Rückgrat gegenüber den chinesischen Autoritäten vor. Dabei hätte dieser großartige Film einen ähnlich großartigen Kreis schließen können. Denn Yimou hat hier in Berlin mit seinem Erstlingswerk ROTES KORNFELD 1988 den Goldenen Bären gewonnen und Filme wie ROTE LATERNE und DIE GESCHICHTE DER QIU JU sollten folgen.

Es war der Aufbruch in die fünfte Generation chinesischer Filmemacher, die kritisch auf die Gegenwart und Geschichte ihres Landes schauten. Seitdem waren chinesische Filme weltweit auf allen Festivals zu Gast und glänzten mit großartigen Stars, wie z.B. Gong Li.
Doch all das ist über 30 Jahre her und von Zhang Yimou hat man in den letzten zehn Jahre nur etwas im Zusammenhang mit unverfänglichen Martial-Arts-Filmen gehört.
Doch mit EINE SEKUNDE kehrt er zu seinen Ursprüngen zurück und lässt sich nicht von den Zensurbehörden seines Landes aufhalten. Er hat den Film überarbeitet, das eine geschnitten und das andere hinzugefügt, doch das Werk ist seinem Geist treu geblieben und war im letzten Jahr auf Festivals in Toronto, San Sebastian und Rom zu sehen.

Yimou erzählt hier eine ergreifend emotionale Geschichte aus dem China des Jahres 1975: Ein namenloser Flüchtling ist aus dem Gefangenenlager ausgebrochen und schleppt sich in Häftlings-Uniform durch die Wüste. Schließlich erreicht er den Ort seiner Wünsche, denn hier – irgendwo im Nirgendwo – ist für den nächsten Tag eine Filmvorstellung eines Wanderkinos angekündigt. Vorher gibt es die Wochenschau Nr. 22 zu sehen, in der seine Tochter vorkommen soll. In einer Kneipe im Nachbarort beobachtet er am Vorabend, wie ein junges ziemlich verwahrlostes Mädchen eine der Filmrollen stiehlt, für deren Transport der etwas einfältige Sohn des Filmvorführers zuständig ist. Der ist mit seinem liegengebliebenen Motorrad beschäftigt und bemerkt den Diebstahl gar nicht. Während der Flüchtling das Mädchen verfolgt und die Filmrolle sichern kann, transportiert der Sohn die restlichen Rollen mit einer Eselskarre, wobei sich ausgerechnet die Filmdose mit der Wochenschau öffnet, abrollt und hinter der Karre durch den Staub gezogen wird. Der Filmvorführer, ein stolzer Mann, ist außer sich vor Wut. Er lehnt es ab, auf die Vorführung der Wochenschau verzichten und droht mit dem Totalausfall der Veranstaltung. Doch die Dorfbevölkerung revoltiert, und so trifft man sich am anderen Morgen, um in einer Mammut-Aktion den Filmstreifen zu reinigen und wieder aufzuwickeln, so dass die Vorführung am Abend doch noch gerettet werden kann.

Von allen Seiten beleuchtet Yimou hier das Drumherum zu dieser volksfestartigen Veranstaltung, die in einem von der Kulturrevolution geprägten China ganz unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen lässt. So will das verwahrloste Mädchen aus dem gestohlenen Celluloid Lampenschirme herstellen, um ihr Auskommen zu sichern. Dem stolzen Filmvorführer geht es nur darum, eine Show abzuliefern, die zur Ehre Chinas gereicht und für die die propagandistische Wochenschau unverzichtbar ist, während der Flüchtling, doch nur nur die Wochenschau sehen will, weil er sich davon ein Wiedersehen mit seiner Tochter verspricht, die ihm viele Jahre entfremdet wurde.

Yimou inszeniert die eigentlich sehr traurige Geschichte mit viel Humor und sozialkritischen Untertönen und als Hommage an das analoge Kino. Kein Aufwand ist den Menschen zu groß, um das Event zu sichern, und wie immer in China gilt auch hier das Motto: In keinem Land gibt es mehr Hände und mit ihnen lässt sich letztlich alles erreichen. Das ist mit Sicherheit die Partei-Doktrin, könnte aber auch ein Revolutionsaufruf sein.

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