Kindeswohl

AWARDS: Filmfest München 2018

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Kindeswohl - 2017 Filmposter

Auf dem diesjährigen Filmfest München wurde die britische Schauspielerin Emma Thompson mit dem CineMerit Award geehrt und beeindruckte mit einem starken Auftritt. Barfuß mit ihren High Heel-Sandalen zwischen den Zähnen statt an den Füßen enterte sie die Bühne, lobte Kanzlerin Angela Merkel für ihre Menschlichkeit in der Flüchtlingspolitik, machte sich für Frauenrechte stark und Lust auf ihren neuen Film „Kindeswohl“, der seine Premiere in Toronto hatte und nun im Anschluss an die Preisverleihung lief. Die hoch gesteckten Erwartungen wurden nicht enttäuscht. „Kindeswohl“ brilliert mit hoher Schauspielkunst, einem intelligenten, grundsätzliche moralische und gesellschaftliche Fragen aufwerfenden Drehbuch und einer gekonnten Mischung aus Emotionalität und analytischer Strenge.

Fiona Maye ist Familienrichterin am High Court in London und ihr Beruf ist auch ihre Berufung. Täglich wird sie mit komplizierten Sorgerechtsfällen konfrontiert, die sie bis in die Nacht bearbeitet. Richtschnur ihrer Entscheidungen ist das im englischen wie deutschen Recht fest verankerte Kindeswohl, das zu ermitteln nicht immer einfach ist. Oft geht es dabei um Leben und Tod wie im Falle siamesischer Zwilling, über deren Trennung sie entscheiden muss, obwohl nur einer der beiden die Operation lebend überstehen kann. Doch der Arbeitseifer der erfolgreichen Juristin hat auch ihren Preis. Ihr Mann Jack, ein Hochschulprofessor, fühlt sich zunehmend vernachlässigt. Obwohl er sie noch liebt, droht er offen mit einem Seitensprung. Als er ihn tatsächlich umsetzt, reagiert Fiona konsequent wie in ihrem Job. Äußerlich cool, während es hinter der harten Schale im Inneren brodelt, setzt sie ihn vor die Tür und lässt die Schlösser auswechseln. Doch schon wartet der nächste Fall und der hat es in sich.

Der 17-jährige Adam hat Leukämie. Helfen kann ihm nur eine Bluttransfusion, da aber er und seine Eltern Zeugen Jehovas sind, lehnt er eine solche Behandlung ab. Die Glaubensgrundsätze dieser Religionsgemeinschaft verbieten die Mischung fremden Blutes mit eigenem. Da Adam noch minderjährig ist, kann er jedoch nicht selbst entscheiden und so ist das Familiengericht gefragt. Emotional angeschlagen durch ihre familiären Probleme, stürzt sich Fiona in den Fall und entschließt sich zu einem ungewöhnlichen Schritt. Sie besucht Adam im Krankenhaus, um sich persönlich ein Bild davon zu machen, welche Entscheidung dem Wohl des Kindes am besten dient. Ist es tatsächlich sein eigener Entschluss, sterben zu wollen, oder wird er von seinen Eltern beeinflusst? Die Begegnung mit dem überaus klugen,  musisch wie literarisch begabten jungen Mann wird ihr Leben auf den Kopf stellen.

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Ian McEwan, der ihn für die Leinwand selbst adaptierte – inspiriert durch einen wahren Fall. Regisseur Richard Eyre („Abbitte“) gelingt es virtuos, das Spannungsfeld zwischen Justiz und Religion fassbar zu machen. Gleichzeitig zeichnet er das Porträt einer starken Persönlichkeit, deren verschüttete Gefühlswelt durch einen Teenager auf der Suche nach einer neuen Richtschnur in seinem Leben Stück für Stück wieder freigelegt wird. Emma Thompson glänzt durch ihre außergewöhnliche Präsenz in fast jeder Szene. Würdiger Gegenpart an ihrer Seite ist der junge Fionn Whitehead (Dunkirk), der der formalen und analytischen Strenge der Richterin seine Emotionalität entgegensetzt und damit eine bisher vernachlässigte Facette dieser starken Frauenfigur freilegt.