Lucky 2017

Lucky

Wenn es eine Medaille gäbe, die den Amerikanischen Traum abbildet, so müsste auf deren Kehrseite das Konterfei von Harry Dean Stanton zu finden sein. In über 200 Filmen hat er dem anderen, dem wahren Amerika, ein Gesicht gegeben und dabei nur einmal eine Hauptrolle gespielt. Das war in Wim Wenders „Paris, Texas“, der ihm viel Ruhm einbrachte, auf den er nie etwas gegeben hat. Er hasste es, im Mittelpunkt zu stehen, lebte zurückgezogen in einem Wüstendorf am Rande von Los Angeles und ist im letzten Jahr im Alter von 91 Jahren gestorben. Sein Schauspielkollege John Carroll Lynch („The Founder“) hat ihm nun in seinem Film „Lucky“ nicht nur ein Denkmal gesetzt, sondern auch zu seiner zweiten und letzten Hauptrolle verholfen.

Das erste, das man auf der Leinwand sieht, sind in großen Buchstaben die Worte „ Harry Dean Stanton ist Lucky“ und damit ist klar, dass Stanton hier nichts spielt, er ist es. Das Drehbuch wurde hundertprozentig für ihn geschrieben und ist in seiner Essenz Biographie und Liebesbrief zugleich. Lucky lebt in einem Wüstendorf irgendwo im amerikanischen Nirgendwo. Sein Tagesablauf ist seit Jahrzehnten der gleiche: Rasieren, Yoga, ein Eistee und dann eine Zigarette. Zu Mittag geht es ins Dorf zum Diner. Dort begrüßt er den Wirt mit den charmanten Worten „Du bist nichts!“ und nimmt erst dann dankend Platz, wenn ihm der Wirt bestätigt, dass auch er nichts ist. Tatsächlich hat Stanton dieses Ritual jahrzehntelang mit einem Restaurantbesitzer in Los Angeles begangen. Auf dem Rückweg vom Diner geht Lucky am Supermarkt vorbei und abends noch auf eine Bloody Mary und ein philosophisches Gespräch in die Bar. Lucky lebt allein, doch einsam ist er ganz und gar nicht. Eines Morgens fällt er einfach um. Sein Arzt checkt ihn durch, findet nichts und entlässt ihn mit der Diagnose „Du bist halt alt, Lucky!“. Doch Lucky ist schwer verunsichert, verlässt am anderen Tage nicht das Haus. Als die mexikanisch-stämmige Supermarkt-Besitzerin Bibi nach ihm schaut, gießt er in seinem Garten in Unterwäsche und Gummistiefeln die Blumen. „Nice outfit!“ kann sich Bibi nicht verkneifen dem von diesem Besuch überraschten Lucky zuzurufen. Sie lädt ihn zum Geburtstag ihres Sohnes am Wochenende ein.

Lucky hat sich der Dorf-Gemeinde nie zugehörig gefühlt, doch alle im Dorf lieben ihn, den alten Grantler, dem es niemand recht machen kann und der dennoch in dieser erzkonservativen Region eine übergroße Toleranz und Menschlichkeit ausstrahlt. Auch auf dem Kindergeburtstag steht er wieder still und leise am Rand, bis er plötzlich in einer ruhigen Minute das mexikanische Volkslied ‚Volver‘ anstimmt. Die Mariachi eilen ihm zur Seite, um ihn zu begleiten und die Gäste sind genauso bewegt, wie der Zuschauer in seinem Kinosessel. Tatsächlich war Stanton auch Sänger, nach dem Erfolg von „Repo Man“, in dem er eine Nebenrolle spielte, gründete er die Band ‚Harry Dean Stanton & the Repo Men“, mit der er lange durch die Bars rund um Los Angeles tingelte. Während Donald Trump über eine Mauer zwischen Mexiko und den USA nachdenkt, wird in diesem Film die Infrastruktur von mexikanischen Gastarbeitern aufrecht erhalten, säumen mexikanische Drinks und Dips Luckys Essgewohnheiten und dröhnt die Mariachi-Musik aus jedem zweiten Transistor-Radio. So ist diese Geschichte nicht nur eine Hommage an Harry Dean Stanton, sondern auch ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit und Toleranz.

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