VorschauSTART | 05.12.2019

Nome di Donna

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Nome di Donna - 2018 Filmposter
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Es ist gut und es ist wichtig, dass der Diskurs rund um sexuelle Gewalt und Ausbeutung nach seiner Hochkonjunktur durch die MeToo-Bewegung nicht abebbt. „Nome di Donna“ leistet seinen kleinen, aber sehr relevanten Beitrag zu ebendiesem Diskurs und zeigt auf bemerkenswerte Weise, wie schwierig es sein kann, in alteingesessenen Machtstrukturen Recht zu erwirken. Marco Tullio Giordana gelingt es in den nicht einmal 100 Minuten Laufzeit eine komplexe, hochaktuelle Thematik spannend und überzeugend abzuhandeln.

Die alleinerziehende Nina (Cristiana Capotondi) erhält einen Job als Aushilfe in einer renommierten Pflegeanstalt in der Lombardei. Gleich am ersten Tag wirft der Institutsleiter Dr. Torri (Valerio Binasco) aus dem Fenster ein Auge auf die neue Pflegerin. Als sie dann nach wenigen Tagen an ihrer neuen Arbeitsstätte zu einer dubiosen Uhrzeit zu ihm beordert wird, erwartet er sie mit einem Glas Rotwein und gelockertem Hemdkragen. Unangenehm berührt und etwas überrumpelt lässt sie erste Floskeln über sich ergehen, doch als der Direktor ihr grob an die Wäsche will, stößt sie ihn weg und rennt davon. Sogleich ergibt für sie Sinn, was sie in den Pausengesprächen an Zweideutigkeiten von ihren Kolleginnen munkeln hörte und folgert, dass diese Art sexueller Nötigung zum Standardprozedere des Hauses gehört. Aufgebracht entschließt sie sich dazu, Hilfe von außen einzuholen. Doch ihr Gegner, der sich selbst als Gentleman und Helfer profiliert, hat gehörigen Einfluss und auch die anderen Pflegerinnen schweigen nicht nur, sondern ächten Nina regelrecht dafür, den Mund aufgerissen zu haben. Als sich eine Gewerkschaft für Nina einsetzen will und der Konflikt regelrecht politisch wird, droht ihr alles über den Kopf zu wachsen.

Regisseur Marco Tullio Giordana, der auch das Drehbuch verfasste, liefert mit seinem Spielfilm ein sehr gut recherchiertes Justizdrama ab, in dem er gewissenhaft eine ganze Bandbreite von Problematiken rund um sexuelle Belästigung bearbeitet. Was seinen Film so relevant macht, ist nicht nur der Umstand einer gegen patriarchale Systeme revoltierenden starken Frauenfigur, sondern auch die kluge Beobachtung, dass ebensolche repressiven Systeme oftmals von den Opfern selbst gestützt und geschützt werden. So ist am Ende nicht einmal der narzisstische Institutsleiter Torri das eigentliche Hindernis im Prozess, sondern das Schweigen des restlichen weiblichen Pflegepersonals, das sich mit den „Unbequemlichkeiten“ gelegentlicher Liebesdienste arrangiert hat. Genau auf diese Art moralische Schwierigkeiten legt Giordana in seiner Inszenierung besonderes Augenmerk und erfasst mit Präzision, dass der wichtigste Ansatzpunkt die eigene Toleranzschwelle ist. Auch beleuchtet er die lähmende Schwerfälligkeit, die unsere demokratischen Staatsapparate in solchen Fällen oftmals befällt und wie das Opfer-Täter-Verhältnis von den sich öffentlich befehdenden Parteien ins Schwanken gebracht werden kann. Gerade in Italien, wo die MeToo-Bewegung medial mehrfach von sogenanntem Victim-Blaming – teilweise sogar durch die Presse selbst – begleitet wurde, ein äußerst brisantes Thema! Was es für Belästigungsopfer bedeuten kann, mit ihrem Anliegen an die Öffentlichkeit zu treten, zeigt „Nome di Donna“ sehr eindrücklich. Neben der differenzierten Herangehensweise an einen komplizierten Gegenstand und der herausragenden darstellerischen Leistung von Cristina Capotondi bleibt vor allem der finale Gerichtsprozess in Erinnerung, dem Ninas stillschweigende Kolleginnen mit verurteilenden Blicken beiwohnen.