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Sommer wie WinterQueerfilmnacht

Chicago International Film Festival 2000

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Sommer wie Winter - 2000 Filmposter

"Sommer wie Winter" ist auch online verfügbar.

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Informationen

„Sommer wie Winter“ gilt längst als Klassiker des queeren französischen Kinos. Sébastien Lifshitz’ wunderbar sinnlicher und unverkrampfter Debütfilm spielt während der Sommerferien in einem französischen Küstenort. Für den 18-jährigen Mathieu, der mit seiner Familie angereist ist, eine Zeit seligen Nichtstuns. Alles ändert sich, als er den gutaussehenden Cédric kennenlernt. Zunächst hält Mathieu sich noch schüchtern zurück. Doch die gegenseitige Anziehungskraft ist zu groß. 20 Jahre nach seiner deutschen Erstveröffentlichung kehrt „Sommer wie Winter“ in digital restaurierter Fassung zurück – und ist ab 1. Mai in der queerfilmnacht online zu sehen. Sascha Westphal schreibt über einen Film, der eine überwältigende Sehnsucht weckt.

Ein junger Mann, kurze schwarze Haare, steht auf einem belebten Bürgersteig irgendwo in einer Großstadt. Über der rechten Schulter trägt er einen Rucksack, über der linken eine Stofftasche. Neben ihm fährt gerade ein Linienbus ab. Vielleicht ist er mit ihm angekommen, vielleicht wollte er aber auch mit ihm wegfahren, das kann man nicht so genau sagen. Denn Mathieu scheint seine Umwelt gar nicht wahrzunehmen. Wie ein düsterer Träumer verharrt er auf diesem einen Fleck, während das Leben an ihm vorüberzieht. Passanten gehen an ihm vorbei und müssen ihm ausweichen, das geschäftige Treiben der Stadt umschließt ihn. Doch er steht nur da, den Kopf leicht nach unten gesenkt, die Augen geschlossen. Ein Fremder unter Fremden.

Noch bevor sich das Schwarz der Titelsequenz von „Sommer wie Winter“ in dem winterlichen nasskalten Grau dieser Straßenszenerie aufgelöst hat, setzte Perry Blakes „Wise Man’s Blues“ bereits eine dunkel-melancholische Stimmung. „And he took it out to make sure it was dead / And he held it in his hand.“ Der weise Mann, der eine tote Liebe, erstickt in der tiefsten Kammer eines Herzens voller Angst und Sehnsucht, in seiner Hand hält und den Blick nicht mehr von ihr lassen kann – das ist ein Bild voller Rätsel und Schrecken, voller Schmerz und Trauer. Ein Bild, das zunächst nur vor dem inneren Auge des Publikums aufscheint. Sobald jedoch der einsame Mathieu auftaucht, verschmilzt die Vision des Songs vom „weisen Mann“ mit dem Bild des jungen Mannes auf dem Bürgersteig: Er hält seine erstorbene Liebe zwar nicht in den Händen, aber er trägt sie zweifellos mit sich herum.

Perry Blakes sanfte, von einer verführerischen Traurigkeit erfüllte Stimme beschwört ebenso wie das trübe Winterlicht der ersten Einstellungen eine vage Stimmung herauf: ein Gefühl des Verlusts, eine Atmosphäre der Verlassenheit. Mathieu muss seinen Weg erst noch finden. Und so beobachtet man ihn dabei, wie er einen Zug nimmt, der ihn aus der Stadt in einen kleinen Ort am Atlantik bringen wird. Auf der Fahrt nutzt er seinen Walkman als Aufnahmegerät und spricht ein paar Sätze auf Band. Aber auch die bleiben vorerst rätselhaft. Nur eins ist gewiss: Mathieu kehrt an einen Ort zurück, an dem etwas Entscheidendes für ihn geschehen ist.

Ein harter Schnitt in die Vergangenheit und der diesig-verhangene Wintertag im Zug weicht einem strahlenden Sommertag am Meer. Mathieu und seine etwas jüngere Schwester Sarah laufen gerade aus dem Ozean an den Strand und lassen sich dort auf ihre Badetücher fallen. Die Stimmung ist gelöst. Ein paar Meter weiter sitzt ein junger Mann und blickt zu Mathieu herüber. Ihre Blicke treffen sich, doch Mathieu reagiert nicht. Am nächsten Tag wiederholt sich das Spiel der Blicke, in dem sich Begehren und Irritation mischen. Diesmal belässt es der Fremde nicht bei kurzen Blicken. Cédric folgt Mathieu und Sarah auf ihrem Weg vom Strand zu der Villa, in der sie den Sommer zusammen mit ihrer kränklichen Mutter und deren Freundin Annick verbringen.

Sébastien Lifshitz’ erster langer Spielfilm prägt ein fortwährendes Nebeneinander von Gegenwart und Vergangenheit, von Sommer und Winter, von Liebe und Apathie, Aufbruch und Erstarrung. Jegliche Chronologie löst sich in einer Folge von Momentaufnahmen auf. So dauert es fast bis zum Ende des Films, bis sich mit Sicherheit sagen lässt, dass zwischen den Tagen im Sommer, die auch die Tage einer ersten großen Liebe und eines Coming-out sind, und denen im Winter anderthalb Jahre liegen. Anderthalb Jahre, über die Lifshitz nichts erzählt. Um Erklärungen und andere kausale Strukturen, die narrative Klarheit schaffen könnten, geht es in seinen Spielfilmen ohnehin nicht.

Zwischen 1998 und 2009 hat Lifshitz, der danach ausschließlich Dokumentarfilme gedreht hat, mit „Offene Herzen“ (1998), „Im Reich meines Vaters“ (1999), „Sommer wie Winter“, „Wild Side“ (2004) und „Plein sud – Auf dem Weg nach Süden“ (2009) ein Spielfilmwerk geschaffen, das sich einerseits perfekt ins queere französische Kino der 1990er und 2000er einfügt. Es gibt Querverbindungen zu den Filmen von André Téchiné und Gaël Morel, von François Ozon und Christophé Honoré. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Anderseits steht Lifshitz’ fiktionales Schaffen quer zu dem seiner Vorgänger und Weggefährten. „Les corps ouverts“, der Originaltitel von „Offene Herzen“, lässt sich auch auf seine Filme anwenden: Auch sie sind offene Körper, die sich den Blicken und den Urteilen ihrer Betrachter schutzlos ausliefern. Eine ungeheure Radikalität liegt in diesen achronologisch erzählten Geschichten, die sich letzten Endes weigern, Geschichten zu sein.

Lifshitz lässt das Publikum mit seinen Schlüssen, seinen Erwartungen und seinen Emotionen allein. Wenn das Licht im Kinosaal wieder angeht oder der Stream endet, wissen wir wenig Endgültiges über seine Figuren. Das gilt für Mathieu und Cédric ebenso wie für den maghrebinischen Jugendlichen in „Offene Herzen“ und die in einer Ménage-à-trois verbundenen Figuren in „Wild Side“. Die typischen psychologischen Deutungsmuster greifen nicht, obwohl Lifshitz immer wieder Spuren in diese Richtung zu legen scheint. Schlaglichtartig beleuchtet er kaputte Familien und deutet zerbrochene Biographien an. Fast all seine Protagonisten haben schon in ihrer Jugend oder Kindheit einen schweren Verlust erlebt. Das prägt sie, aber es erklärt doch wenig. Mathieus emotionale Abwesenheit, aus der ihn erst Cédric herausreißt, scheint mit der Abwesenheit des ständig arbeitenden Vaters zu korrespondieren. Doch auch das bleibt: eine Vermutung.

Lifshitz geht es nicht darum, Zusammenhänge herzustellen und damit womöglich auch so etwas wie Schuld zuzuweisen. Er filmt Momente und hält seelische und emotionale Aggregatzustände fest. Die Einsamkeit und Isolation von Mathieu ganz zu Beginn. Seine Unbeschwertheit, als er sich in die Liebe zu Cédric fallen lässt. Die Ekstase, in der die beiden miteinander in den Dünen schlafen, Cédric sich und seinen Körper hingibt und Mathieu es einfach geschehen lässt. Die Nacht auf dem Rummelplatz, in der kein Platz ist für Gedanken an die Vergangenheit oder die Zukunft, in der die beiden Verliebten sich treiben lassen. Später dann: die Kälte und die Ratlosigkeit in den weißen Räumen und Gängen des Krankenhauses, in das Cédric Mathieu nach dessen Selbstmordversuch gebracht hat.

Lifshitz filmt all diese Szenen und Augenblicke wie ein Photograph, der Schnappschüsse macht. Die Bilder fügen sich nicht zu bruchlosen Erzählungen zusammen. Sie spielen ganz bewusst mit dem, was zwischen ihnen liegt. Darin ähneln Lifshitz’ Filme dem menschlichen Gedächtnis, das meist auch nur einzelne Situationen und Gefühle speichert. Alles andere rekonstruieren wir dann, so dass sich Erinnerung und Fiktion vermischen. Diese Nähe zu dem eigenen Erinnern, das immer auch ein Prozess des sich In-Frage-Stellens ist, verleiht seinen Filmen eine besondere Kraft.

„Sommer wie Winter“ dringt gerade aufgrund seiner Bruchstückhaftigkeit tief in das Unterbewusstsein des Publikums ein. Die einzelnen Szenen und Momente finden durch die Risse und Bruchstellen des eigenen Ichs Wege ins Innerste des Betrachters. Sie lassen einen nicht los und wecken eine überwältigende Sehnsucht. Man will immer wieder zu den beiden Liebenden zurückkehren und Kraft aus dem warmen, weichen Licht des Sommers ziehen. Man will die unzähligen kleinen Details in sich aufsaugen, die sich in Lifshitz’ Bildkompositionen und seiner besonderen Montage-Technik offenbaren. Mit jeder neuen Begegnung gibt „Sommer wie Winter“ mehr von seinen Geheimnissen preis. Doch zugleich stößt man auf immer neue Geheimnisse und offene Fragen, die einen nicht mehr loslassen.