System Error - 2018 Filmposter

System Error

Fünf Tage nach dem 200. Geburtstag von Karl Marx kommt Florian Opitz „System Error“ ins Kino, eine Dokumentation, nein, eine Abrechnung mit dem Kapitalismus, die auf erschreckende, haarsträubende Weise zeigt, welchen Illusionen viel zu viele der Menschen nachhängen, die die wirtschaftlichen Geschicke der Welt prägen.

„Wachstum ist ähnlich unabdingbar wie die Schwerkraft“ sagt gleich zu Beginn von Florian Opitz Dokumentation Markus Kerber, langjähriger Geschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie. Als solcher ist Kerber natürlich quasi qua Amt ein Verfechter von Kapitalismus, Globalisierung und all den anderen Dingen, die zwar eine ganze Weile ganz gut funktionierten und enormen Wohlstand generierten (zumindest wenn man das Glück hatte, im richtigen Land und der richtigen Schicht geboren zu werden), aber zunehmend hinterfragt werden.

Zumindest von Menschen, die nicht dem Goldenen Kalb Wachstum hinterherlaufen, die nicht so naiv sind zu glauben, dass in einem endlichen System wie unserer Erde, in der es endliche Ressourcen gibt, unendliches Wachstum geben könnte. Erschreckenderweise ist diese Logik zwar selbst den meisten Kindern nachvollziehbar zu machen, den führenden Köpfen unseres Wirtschaftssystems aber offenbar nicht.

Wie ein Mantra ziehen sich Loblieder auf das Wachstum durch Opitz Film, für das der mehrfach mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Autor und Regisseur Wissenschaftler, Hedgefondmanager, Rinderzüchter und viele andere interviewte. Grob gesagt in zwei Richtungen bewegen sich dabei die Aussagen: Wachstumsverfechter wie der oben angesprochene Kerber, Manager von Audi oder Airbus, die einem unbeirrten Fortschrittsglauben huldigen oder die gelackte Wall Street Größe Anthony Scaramucci, der ein paar Tage gar Donald Trumps Wirtschaftsberater war, lassen nichts auf den Glauben kommen, dass ständiges Wachstum der einzig mögliche und richtige Weg ist.

Auf der anderen Seite stehen Wachstumskritiker wie Tim Jackson, dessen Buch Wohlstand ohne Wachstum längst zum Standardwerk geworden ist. Ausführlich erklärt er den Irrglauben, dem weite Teile der Wirtschaft immer noch anhängen, die Exzesse des Finanzkapitals, bei dem dank modernster Computerprogramme automatisch Aktien in einer Geschwindigkeit gehandelt werden, die von Menschen gar nicht mehr kontrolliert werden können. Neben solch abstrakten Beispielen zieht es Opitz nach Brasilien, wo er Landwirte im Mato Grosso besucht, die im Laufe der letzten Jahre hunderttausende Hektar Regenwald abgeholzt haben, um immer mehr, immer größere Rinderherden züchten zu können, um den zunehmenden Hunger der Welt nach Fleisch zu befriedigen.

Bemerkenswert ruhig bleibt Opitz angesichts der Exzesse, der Absurditäten, die er aufzeigt, ordnet das vielfältige Material zu einer schlüssigen Argumentation, der kaum zu widersprechen ist und die ganz nebenbei Marx bestätigt. Statt Kapitelüberschriften zitiert Opitz immer wieder Marx, der nicht umsonst in den letzten Jahren ein bemerkenswertes Comeback als intellektueller Vorreiter und in Raoul Pecks „Der junge Karl Marx“ sogar als Kinoheld feierte. „Nach uns die Sintflut ist der Wahlspruch jedes Kapitalisten.“ zitiert Opitz Marx am Ende und nach den erschreckenden, wütend machenden 95 Minuten von „System Error“ kann man diesem Urteil über die Menschen, die unser Wirtschaftssystem bestimmen, leider nur zustimmen.

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