55. International Filmfestival Rotterdam

Auch in diesem Jahr zeigt das Filmfestival Rotterdam eine besonders große stilistische Spannweite:

Riccardo Milani auf dem Filmfestival Rotterdam

Riccardo Milani zu Gast beim Filmfestival Rotterdam

Riccardo Milani scheint sich als moderner Heimatfilmer Italiens etabliert zu haben. Nach “Willkommen in den Bergen” (Abruzzen) geht es in LIFE IS LIFE – LA VITA VA COSÍ in einen abgelegenen Teil Sardiniens. In idyllischer Küstenlandschaft soll ein Luxusresort entstehen, doch ein alter Hirte mit bescheidenem Häuschen und Rindvieh sagt schlicht: No! Und bleibt dabei. Basierend auf einer realen Begebenheit um die Jahrtausendwende wurde der widerspenstige Hirte damals zu einer Art Volksheld im Kampf gegen entfesselten Kapitalismus. Der Film ist zu rund 80 % mit Laien besetzt, denn auch der Darsteller des Hirten ist keiner vom Fach und schlicht entzückend. Konventionell inszeniert, aber mit Herz, Humor und viel italienischem Charme erzählt Milani eine warmherzige Geschichte über Würde, Sturheit und Heimat.

„Samurai gegen Kannibalen“ – die Tagline bringt es auf den Punkt. Ein gestrandeter Samurai gerät auf einer abgelegenen Insel in die Gewalt eines indigenen Stammes mit äußerst eigenwilligen Ritualen. Schließlich nimmt er allein den Kampf auf.
Gedreht in Indonesien, aber als US-japanisch-portugiesische Koproduktion realisiert, ist LONE SAMURAI ein wilder Hybrid aus Martial-Arts-Film und Kannibalen-Horror – extrem actionreich und stellenweise saftig-brutal. Produzent und Regisseur Josh C. Waller beweist erneut seine Vorliebe für das Außergewöhnliche; er war auch an “Color Out of Space” von Richard Stanley sowie an “A Girl Walks Home Alone at Night” von Ana Lily Amirpour beteiligt. Hier treibt er seine Genre-Leidenschaft auf die Spitze.

Sauber erzählt und hochkarätig besetzt: Der Polit-Thriller THE WIZARD OF THE KREMLIN von Olivier Assayas basiert auf einem Roman über eine Figur, die stark an Wladimir Putins frühen Medienberater angelehnt ist. Der Film zeichnet nach, wie in den frühen 2000er-Jahren kulturelle und wirtschaftliche Freiheiten in Russland wieder eingeschränkt wurden. Paul Dano spielt angenehm zurückhaltend den intellektuellen Strippenzieher aus der Off-Szene, der später die Medien im Sinne des Machtapparates manipuliert. Jude Law verkörpert Putin ebenso kontrolliert – als kühlen Machtmenschen mit Geheimdienst-Vergangenheit, der ein stalinistisches Russland forciert. Ein spannender, klug gebauter Film über Macht und Narrativ.

Zombie-Apokalypse in Seoul, doch ein Vater kann sich nicht von seiner infizierten Tochter trennen und beginnt, sie zu domestizieren. Und erstaunlicherweise funktioniert das. MY DAUGHTER IS A ZOMBIE von Pil Gam-sung kombiniert K-Pop-Elemente, Comedy, Familienfilm und Zombie-Genre zu einer überraschend rührenden Mischung. Bekannte Versatzstücke des Genres dienen als Ausgangspunkt und werden liebevoll neu interpretiert. Besonders charmant: die Darsteller inklusive der großartigen Katze. Basierend auf einem populären südkoreanischen Webtoon ist dies eine ebenso sympathische wie rhythmisch inszenierte Genre-Variation.

Schouwburg Rotterdam

Schouwburg Rotterdam

Koproduziert von Martin Scorsese und inspiriert von einer Novelle Arthur Schnitzlers, ist LATE FAME von Kent Jones ein New-York-Film alter Schule. Willem Dafoe spielt grandios einen einst gefeierten Dichter, der nach Jahrzehnten im Postamt plötzlich von jungen Literaten wiederentdeckt wird. Zwei Lebensphasen kollidieren: die späten 1970er als hoffnungsvoller Poet und die Gegenwart als fast vergessener Mann. Ein leiser, sehr menschlicher Film über Klasse, Generationen und künstlerische Eitelkeit.

Mit DEAD MAN’S WIRE unternimmt Gus Van Sant ein faszinierendes, fast schon trotziges Experiment: Er dreht 2025 einen Film, der aussieht, klingt und sich anfühlt, als sei er 1976 direkt neben “Network” oder “Hundstage” von Sidney Lumet entstanden. Dabei bleibt es nicht bei bloßer Referenz, denn Van Sant kopiert bewusst Bildgestaltung, Zoom-Ästhetik, Lichtsetzung, Schnittfrequenz und sogar die dialogische Schärfe jener Ära. Peter Sarsgaard überzeugt mit einer Performance, die zwischen jungem Pacino und De Niro oszilliert – und der Gastauftritt von Al Pacino wirkt wie das ironische Sahnehäubchen.

Zum diesjährigen Publikumsgewinner des Festivals avancierte der warmherzige britische Film I SWEAR von Kirk Jones (“Lang lebe Ned Divine!”). Im Schottland der 80er Jahre wächst der junge John Davidson in einer typischen Arbeiterklasse-Familie auf: ein aufgeweckter Junge, der Fußball liebt und ein gutes Verhältnis zu seinen Eltern pflegt. Doch dann bricht das damals noch sehr unbekannte Tourette-Syndrom bei ihm durch und ändert alles. Jeder Supermarktbesuch kann dank seiner Tics und Fluchausfälle zu einem Auf und Ab der Katastrophen werden. Mit viel Humor und Menschenliebe entfaltet sich die reale Geschichte von John Davidson, die einen nach dem Film wundervoll umarmt entlässt.

Filmfest Rotterdam 2026

Filmfest Rotterdam 2026

Ein futuristisches, schräges Shanghai bildet die Kulisse des japanischen Animationsmärchens ChaO von Aoki Yasuhiro. Quietschbunte Meereswesen tummeln sich friedlich neben Menschen, allerdings in getrennten Welten. Bis eines Tages der einfache Reederei-Angestellte Stephan nach einem Meeresunfall in einem Krankenhaus erwacht und plötzlich eine Verlobte an seiner Seite vorfindet: die süße Meerjungfrau ChaO in riesiger Fischgestalt, die unsterblich in ihn verliebt ist. Alle versprechen sich etwas von dieser wundersamen Hochzeit, nur die tollpatschige ChaO glaubt an die große Romanze. Dieser überdrehte, visuell verrückte, eigenwillige Anime setzt auf Klamauk, Gags und einfache Erkenntnisse.

Der argentinische Echtzeit-Thriller GATILLERO von Cris Tapia Marchiori begleitet den Ex-Auftragskiller El Galgo mit hohem Tempo durch eine düstere, raue Nacht, (scheinbar) in einer Einstellung ohne Schnitte gedreht. Frisch aus dem Gefängnis kommend überfällt El Galgo einen kleinen Ladenbesitzer aus seinem Viertel Isla Maciel, einem berüchtigten Vorort von Buenos Aires, der von den Narcos beherrscht wird. Die Polizei fasst ihn bereits kurze Zeit später, will jedoch nur seine Beute. Und seine alten Kartellfreunde haben auch schon ihre Pläne mit ihm…

Die französisch-belgische Koproduktion CONRAD & CRAB – IDIOTIC GEMS entspinnt eine absurde, anarchische Polizei-Komödie über einen gestohlenen Juwelenring während der berühmten Mineralien- und Edelsteinmesse in Sainte-Marie-aux-Mines, einem kleinen elsässischen Ort. Die beiden vertrottelten Ermittler Conrad und Crab aus Perpignan sollen den Fall lösen, lassen sich jedoch von jeder Kleinigkeit ablenken. Während der eine heimlich ein Liebesabenteuer sucht, schaut der andere vor dem Einschlafen lieber die deutsche Sendung „Hunde und Autobahnen“. Der Regisseur Claude Schmitz hat dabei bewusst auf die Improvisation mit Laiendarstellern gesetzt. Einzig der französische Musiker Rodolphe Burger, der Crab spielt, ist sehr bekannt in Frankreich und Belgien.
//Bea Hage & Eric Horst