Berlinale Vorbericht

Berlinale 2026
Ein Vorbericht von Kalle Somnitz

Tricia Tuttle, die 2024 aus London an die Spree wechselte und nunmehr das Programm der Berlinale verantwortet, war im letzten Jahr nicht so erfolgreich. Ihr neues Line-Up beinhaltet Filme aus 80 Ländern, und 40 Prozent davon sind von Frauen inszeniert. Damit erfüllt sie technische Standards, wie sie immer wieder gefordert und wie sie in Cannes oder Venedig immer wieder gebrochen werden. Doch wenn man nach internationalen Stars schaut, wird die Luft dünn. Das zeigt schon der Eröffnungsfilm, für den man gerne mal Kompromisse in Sachen Qualität macht, laufen nur ausreichend hochkarätige Stars über den Roten Teppich, so dass Fernsehsender weltweit über die Eröffnung des Festivals berichten. Die Berlinale eröffnet mit NO GOOD MAN. Die afghanischen Regisseurin Shahrbanoo Sadat (WOLF AND SHEEP 2016 und KABUL KINDERHEIM 2019) gehört derzeit sicherlich zu den spannendsten Stimmen des internationalen Kinos, einem breiten Publikum ist weder sie noch einer ihrer Darsteller bekannt. Erneut rückt ihr Werk das Leben afghanischer Frauen in den Mittelpunkt und verbindet eine mitreißende politische Geschichte mit Romantik und feinem Humor. 

Eine der wenigen Weltstars im Wettbewerb ist Juliette Binoche, die in Lance Hammers QUEEN AT SEA eine Frau spielt, deren Demenz-Erkrankung ihre Fähigkeit beeinträchtigt, mit ihrer Umwelt zu kommunizieren. Auch der brasilianische Regisseur Karim Aïnouz, dessen letzter Film MOTEL DESTINO 2024 in Cannes zu sehen war, bringt für seinen neuen ROSEBUSH PRUNING mit Elle Fanning und Pamela Anderson zwei Stars nach Berlin. Sie spielen zwei von vier US-Geschwister, die in Reichtum und Abgeschiedenheit in einer spanischen Villa leben und bald derart aneinandergeraten, dass das Familiengefüge zu zerfallen droht. 

Zu begrüßen ist Tricia Tuttles Mut, mehr deutsche Filme zu berücksichtigen. So ist GELBE BRIEFE sicherlich das Highlight des Wettbewerbprogramms. In seinem Nachfolger von DAS LEHRERZIMMER verarbeitet der türkisch-deutsche Regisseur lker Çatak wieder ein brandaktuelles gesellschaftspolitisches Thema, in dem das Leben eines angesehen Theater-Ehepaares über Nacht durch Staatswillkür auf den Kopf gestellt wird. 

Mit Eva Trobisch (ALLES IST GUT und IVO) hat Tuttle die erste deutsche Regisseurin in den Wettbewerb berufen. In ETWAS GANZ BESONDERES wird die Protagonistin durch eine Castingshow mit der Frage nach ihrer Identität konfrontiert. Frida Hornemann und Max Riemelt spielen die Hauptrollen.

2019 hat Angela Schanelec den Silbernen Bären für ihren Film ICH WAR ZUHAUSE, ABER gewonnen. In diesem Jahr nimmt sie mit der deutsch-französischen Produktion 

MEINE FRAU WEINT am Wettbewerb teil. Die Produktionsinformation verspricht einen so direkten wie poetischen Film, der sich auf unterschiedlichen Ebenen mit Sprache auseinandersetzt. Eine Momentaufnahme des Lebens in der Großstadt voller Schönheit und Trauer.

Aus Österreich kommt ROSE von Markus Schleinzer mit Sandra Hüller in der Hauptrolle. Der Film spielt im 17. Jahrhundert und erzählt von einem Soldat, der in ein deutsches Dorf kommt und behauptet, der Erbe eines verlassenen Gutshofs zu sein. Doch den Mann umgibt ein rätselhaftes Geheimnis, und das Misstrauen der Dorfbewohner hinsichtlich seiner Identität wächst.

Als Berlinale Special ist dann noch DIE BLUTGRÄFIN zu sehen. Ulrike Ottinger lässt sie  aus ihrem langen Schönheitsschlaf erwachen und aus der Unterwelt emporsteigen.  Zusammen mit ihrer ergebenen Zofe geht sie auf eine aberwitzige Jagd nach dem roten Elixier durch das heutige Wien. Das Drehbuch schrieb Elfriede Jelinek und der inzwischen 83-jährigen Regisseurin ist es gelungen, ihre Hauptrollen mit Isabelle Huppert und Birgit Minichmayr zu besetzen.

Während es dem Berlinale-Programm also an internationaler Durchschlagskraft mangelt, ist der deutschsprachige Film umso präsenter, was für uns ein interessantes Festival verspricht, zumal die meisten Filme schon einen Verleih haben und in unsere Kinos kommen werden. Wie immer werden wir im Block von www.filmkunstkinos.de berichten.