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Internationales Filmfestival Rotterdam 2022

Eami Filmstill

EAMI

Was macht es mit einem indigenen Volk, wenn man seinen Lebensraum durch (illegale) Rodungen zerstört? Wenn es gewaltsame Vertreibungen erfährt? So geschehen mit den Ayoreo-Totobiegosode, einer isoliert lebenden Bevölkerungsgruppe im Gran Chaco, dem zweitgrößten, südamerikanischen Waldgebiet mit hoher Abholzungsrate. Vielleicht hätte man bei dieser Thematik einen ethnografischen Film erwartet, der von außen auf die Indigenen schaut – mit Zahlen und Daten untermauert. Die paraguayische Regisseurin Paz Encina hingegen, die die Ayoreo-Totobiegosode persönlich kennenlernte, wählte für ihren Film „EAMI“ einen poetischen Ansatz und komponierte anhand von sinnlichen Klangwelten und bezaubernden Bildern eine indigene Erlebniswelt, in die wir eintauchen sollen, wie schon in den ersten Filmminuten beeindruckend sichtbar wird. So haftet die Kamera auf einem Stück Land, während sich allmählich die Lichtverhältnisse ändern, wir den Wind wahrnehmen, Tiergeräusche hören. Gleichzeitig erzählt eine Stimme aus dem Off die mythologische Entstehungsgeschichte dieses Volkes, in der alles miteinander verwoben ist. Dann färbt sich das Naturspiel in ein künstliches Orange und die Geräuschkulisse wechselt in eine bedrohliche Tonalität. Die Abholzer nahen, aber sehen wird man sie nicht… Der Film fokussiert sich danach auf das fünfjährige Mädchen Eami, das nach der Zerstörung seiner Heimat allein durch den Grand Chaco wandelt. In der Sprache der Ayoreo-Totobiegosode hat der Name ‚Eami‘ die vielsagende Doppelbedeutung ‚Wald‘ und ‚Welt‘, was ihre Abhängigkeit vom Wald als Lebensraum verdeutlicht. Die Ayoreo sagen auch: Wir sind allesamt der Wald und die Welt für jemanden. Für diese ungewöhnliche Herangehensweise gewann Paz Encina mit „EAMI“ im Hauptwettbewerb den ‚Tiger Award‘.

 

The Life of Crime 1984 – 2020

The Life of Crime 1984 – 2020

Im Kontrast dazu bietet der US-amerikanische Dokumentarfilm „The Life of Crime 1984 – 2020“ einen radikal ungeschönten Blick auf drei Menschen aus Newark, New Jersey, die sich am Rande der Gesellschaft bewegen: Rob Steffey, Freddie Rodriguez und Deliris Vasquez. Anfänglich ist der Filmemacher Jon Alpert von der Frage motiviert, wie denn Kleinkriminelle so ‚ticken‘ und was sie antreibt, nachdem er selbst zum Opfer von Diebstahl wurde. So lernt er den charmanten Rob kennen und darf – ausgestattet mit einer versteckten Kamera – seine Ladendiebstähle begleiten. Dann sind da noch Freddie, sein ‚Mentor‘ und seine Freundin Deliris. Schnell wird klar, hinter den Verbrechen steckt knallharte Drogenabhängigkeit. Ein Teufelskreis aus Gefängnisaufenthalten, hoffnungsvollen nüchternen Phasen mit ruppigen Bewährungshelfern und immer wiederkehrenden Rückfällen setzt sich in Gang. Jon Alpert fängt all dies in einem Zeitraum von 36 Jahren ein. Rob, Freddie und Deliris werden seine Freunde, eigentlich nette Charaktere, die eine Chance auf ein ‚normales‘ Leben hätten haben sollen. Sicherlich gewohnt von seinen vielen anderen Projekten aus Krisenherden und Kriegsgebieten, zeigt der sehr versierte Alpert brutal, um was es geht. Er spricht davon, dass seit 1984 in Amerika über 5 Millionen Menschen an Drogen gestorben sind und alles nur schlimmer wird, was die leider aktuell um sich greifende Opioid-Epidemie noch bestätigt. Seine harten Bilder haben nichts von einem möglichen ‚Heroin-Chic‘ einer Christiane F. Niemand möchte sich als verweste Leiche wiederfinden oder von seinen Kleinkindern nach Nadelstichen abgesucht werden. Dass Rob, Freddie und Deliris sich auf so beeindruckende Weise öffneten, liegt auch daran, dass sie sich sicher waren, dass sie damit etwas Positives bewirken werden. Ein berührender Film, der noch lange nachwirkt.

 

Freaks Out

Freaks Out

Der italienische Festivalbeitrag „Freaks Out“ von Gabriele Mainetti war der diesjährige Publikumsliebling: ein bizarrer Superhelden-Fantasy-Film, der mit einem höheren Budget ausgestattet auf Spektakel und verschiedenste popkulturelle Anleihen setzt: Von Tarantino über „Mad Circus“ und „Star Wars“ bis u.a. zu Guillermo del Toro. Es ist das faschistische Rom des Jahres 1943. Gerade noch verzaubert eine vierköpfige Gauklertruppe um die junge Matilde (Aurora Giovinazzo) mit übernatürlichen Fähigkeiten das Publikum, da ist der Zirkus schon von der Besatzungsmacht zerstört. Zur gleichen Zeit gastiert der pompöse Zirkus Berlin in Rom, der von dem zwölffingrigen, ätherabhängigen Nazi-Pianisten Franz (Franz Rogowski) geleitet wird. Der exzessive Franz, selbst ein absonderlicher ‚Freak‘, kann in die Zukunft schauen: Neben Melodien von „Creep“ und „Sweet Child of Mine“ und ersten Skizzen von Smartphones und Spielekonsolen-Zubehör, bedrängt ihn die Vision, dass der Niedergang des Nazi-Regimes kurz bevorsteht und nur noch von eben diesen ‚Zirkusfreaks‘ abgewendet werden kann, und so beginnt seine grausame Jagd nach ihnen…

Die Reihe „Cinema Regained“ bot restaurierte Filmschätze, wie das außergewöhnliche Erstlingswerk „The Lady from Constantinople“ (1969) der ungarischen Regisseurin Judit Elek. Im Mittelpunkt steht eine liebenswerte, ältere Dame, die aus der Zeit gefallen scheint. Gerne verweilt sie liebevoll in Vergangenem und gleicht dabei einer eigenen nostalgischen ‚Insel auf dem Festland‘ – so in etwa die deutsche Übersetzung des ungarischen Originaltitels, auf der man der Gegenwart nicht mehr viel abgewinnen kann. Und immer wieder gerät die Hauptfigur dabei in leicht unwirkliche, surreale Situationen, wie im osteuropäischen Kino nicht unüblich. So artet z.B. eine Wohnungsbesichtigung unvermittelt zu einer Feier mit Fremden aus. In die Rolle der alten Dame schlüpfte die damals sehr bekannte Schauspielerin Manyi Kiss, die sich in einem nuancierten, feinen Spiel durch das Budapest der 60er Jahre bewegt. Neben der bezaubernden Darstellung ist auch die Kameraarbeit faszinierend, die sich mitunter fast dokumentarisch an die Dame und ihren Alltag heftet und nebenbei noch zeithistorisch interessante Plätze in hervorragenden Schwarzweißbildern einfängt.