20. Festa del Cinema di Roma 2025

Das Auditorium Parco della Musica ist Hauptveranstältungsstätte des Filmfest Rom.

Das Auditorium Parco della Musica ist Hauptveranstältungsstätte des Filmfest Rom.

20. Festa del Cinema di Roma 2025
Ein Festivalbericht von Kalle Somnitz & Anne Wotschke

 

Das Festival in Rom ist eines der letzten des Jahres, was seine Leiterin Paola Malanga in eine vorteilhafte Lage versetzt. Sie kann aus allen Festivals des Jahres auswählen und so einen Überblick über die besten Filme aus 2025 bieten. Und so waren hier Filme aus Sundance, Berlin, Cannes, Venedig, San Sebastian, Toronto und New York zu sehen.

 

Hamnet-Regisseurin Chloé Zhao

Hamnet-Regisseurin Chloé Zhao

Einer der heiß erwarteten Filme war HAMNET (Toronto) von der Chinesin Chloé Zhao, die wir noch von NOMADLAND kennen. Damals war die Weltpremiere gleichzeitig in Venedig und Toronto. Persönlich anwesend war sie zusammen mit ihrer Hauptdarstellerin Frances McDormand, aber nur in Toronto, wo nun auch HAMNET seine Premiere feierte. War ihr letzter Film noch eine sozialkritische Auseinandersetzung mit Amerika unter der ersten Trump-Regierung, zieht es sie nun ins Jahr 1580 nach England. Dort lebt der verarmte junge William Shakespeare und verliebt sich in Stratford-upon-Avon in die hübsche Agnes, heiratet sie und schon bald haben sie drei Kinder, was ihre finanzielle Situation auch nicht leichter macht. Während es William nach London ans Theater zieht, bleibt Agnes mit den Kindern daheim. Als dort die Pest zuschlägt und ihnen ihren Sohn raubt, kommt es zum offenen Zerwürfnis. William geht wieder nach London und studiert sein erstes Stück ein, das er nach seinem verstorbenen Sohn Hamnet (altenglisch) benennt. Zunächst hält Agnes das für eine Frechheit, doch dann reist sie nach London, um sich das Stück anzusehen…

 

Ebenfalls in Toronto uraufgeführt wurde RENTAL FAMILY von Hikari (alias Mitsuyo Miyazaki), einer vielfach ausgezeichneten Filmemacherin aus Osaka, die auch als Tänzerin, Sängerin, Malerin und Fotografin bekannt ist. Als Hauptdarsteller hat sie Brendan Fraser, der zuletzt für seine Rolle in THE WHALE mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, gewinnen können. Hier spielt er nun einen erfolglosen amerikanischen Schauspieler, der einst in Taiwan mit einem Werbespot berühmt wurde und nun versucht, dort einen Job zu bekommen. Doch auch hier sammelt er nur Absagen ein, bis er bei einer Agentur vorstellig wird, die Familienmitglieder vermietet. Obwohl er sich nicht vorstellen kann, das machen zu wollen, willigt er in einen Versuch ein. Bei einer Beerdigung mimt er den traurigen Amerikaner, was leicht verdientes Geld ist, doch danach wird es ernst. Nun soll er den Vater eines jungen Mädchens spielen, der lange im Ausland gewesen sein soll. Um das Vertrauen seiner vermeintlichen Tochter wieder zu gewinnen, muss er ihr versprechen, sie nie wieder alleine zu lassen. Spätestens hier wird ihm klar, dass seine anfänglichen Bedenken berechtigt waren. 

Wie auf einem Drahtseil bewegt sich Brendan Fraser in seiner Rolle, immer darum bemüht, den Kunden zu helfen und immer in der Gefahr, dass sie sich hintergangen fühlen. Mit viel Feingefühl inszeniert, ist er wesentlich emotionaler und bewegender als seinerzeit Werner Herzogs FAMILY ROMANCE, LLC.

 

Louis Garrel, Alice Winocour, Angelina Jolie und Anyier Anei (v.l.) stellten COUTURE vor

Louis Garrel, Alice Winocour, Angelina Jolie und Anyier Anei (v.l.) stellten COUTURE vor

Eine sehr persönliche Performance lieferte Angelina Jolie im Film COUTURE (Toronto) unter der Regie von Alice Winocour ab. Sie spielt eine amerikanische Horror-Filmemacherin, die zur Fashion Week nach Paris eingeladen wird, um einen Kurzfilm für eine Show zu inszenieren. Kurz danach erhält sie einen Anruf ihres Arztes, der sie so bald wie möglich zu einem französischen Kollegen schicken will. Als sie ihn aufsucht, erhält sie die Diagnose Brustkrebs und das Angebot, in den nächsten Wochen operiert zu werden. 

Neben dieser Figur verfolgt Winocour zwei weitere Frauenfiguren: das 20-jährige Model Ada aus dem Süd-Sudan, die ohne Wissen ihrer Familie nach Paris gereist ist, um in einer Show zu laufen, und die Visagistin Angèle, die davon träumt, Schriftstellerin zu werden. Die Schicksale der drei Frauen werden miteinander verknüpft und eingebettet in das hektische Leben der Pariser Modewelt. Im Gegensatz zum Zickenkrieg in Sendungen wie Germany’s Next Topmodel, ist hier eine große Solidarität der Frauen zu spüren, die dem Film Ruhe verleiht. Glaubhaft gespielt von Jolie, die hier eigene Erfahrungen einbringen kann – wegen erblicher Vorbelastung ließ sie sich vorsorglich beide Brüste amputieren – weiß der Film angenehm zu überraschen. 

Brian Cox und Nicole Ansari Cox auf dem Roten Teppich für GLENROTHAN

Brian Cox und Nicole Ansari Cox auf dem Roten Teppich für GLENROTHAN

GLENROTHAN (Toronto) ist ein bittersüßer, typisch schottischer Film um zwei Brüder, die während ihrer Kindheit unter ihrem autoritären Vater leiden mussten. Sandy, der ältere, arrangiert sich mit ihm und übernimmt die väterliche Whiskey-Destillerie, während der eher künstlerisch veranlagte Donal im Streit nach Amerika geht, um dort einen Jazzclub zu eröffnen. 40 Jahre später erreicht ihn ein Brief von seinem daheimgebliebenen Bruder, der  ihn noch einmal sehen will: “because there’s some rumor about a tumor.“ Mit dem Hintergedanken, Geld für seinen Club, der gerade abgebrannt ist, loszueisen, fährt Donal  nach Hause, wo viele offene Rechnungen von damals auf ihn warten. Kindheitserinnerungen, die Bruder-Fehde und eine sitzengelassene Geliebte sind eine hohe Schuld. Probleme, vor denen er damals weggelaufen ist und denen er sich jetzt stellen muss. 

Kein geringerer als die britische Schauspieler-Legende Brian Cox spielt diesen Sandy und gleichzeitig versucht er sich erstmals als Regisseur, wobei er seiner schottischen Herkunft hier freien Lauf lässt. Vor einer Landschaft von rauer Schönheit, besiedelt mit urigen Typen werden Familienprobleme diskutiert, deren Fallhöhe mit viel Tradition und Musik überschaubar gehalten wird, so dass sich trotz des ernsten Hintergrunds am Ende mit einem Happy End das  Wohlfühlkino durchsetzt. Irgendwie hat man den Eindruck, das alles schon einmal gesehen zu haben, dennoch schaut und hört man es gerne an. Für  Brian Cox war es nach eigener Aussage ein Liebesbrief an seine Heimat.

2017 stand Daniel Day-Lewis zum letzten Mal vor der Kamera und verhalf der damals noch unbekannten Vicky Krieps zum Durchbruch, während er das Ende seiner Karriere verkündete. Nun ist er aber doch noch einmal vor die Kamera getreten, ein Gefallen oder eine Starthilfe für seinen Sohn Ronan, der mit ANEMONE auf dem Filmfest New York sein Regie-Debüt feierte.

Daniel Day-Lewis spielt Ray Stoker, einen grüblerischen, schweigsamen Mann, der seit zwei Jahrzehnten im selbst auferlegten Exil in einer primitiven Hütte tief im Wald lebt. Er jagt, kocht auf dem Holzofen, wäscht seine Kleidung im Wasser eines nahegelegenen Flusses und läuft, um sich fit zu halten. Einziges Zeichen dafür, dass er diesen einsamen Ort zu einem Zuhause gemacht hat, ist ein Beet mit zarten weißen Blumen, die dem Film seinen Titel geben.

Rays Einsamkeit wird durch die unerwartete Ankunft seines Bruders Jem (Sean Bean) gestört, den er nur beiläufig und quasi ohne Worte begrüßt. Während Ray jegliche Spiritualität verloren zu haben scheint, ist Jem ein tiefgläubiger Mann, der um Kraft für die bevorstehende Aufgabe betet. Er bringt Ray einen Brief von seiner Partnerin Nessa (Samantha Morton), der Wunden aus der Vergangenheit aufreißt. Nur langsam nähern sich die beiden Brüder an. Sie kochen und essen gemeinsam, verbringen die Nacht in der Hütte und erobern am nächsten Tag die Natur. Wandern, schwimmen, jagen, kämpfen und tanzen. Doch gesprächig werden sie erst, wenn am Abend die erste Flasche Whisky geleert ist.

Daniel Day-Lewis Performance ist ungemein eindringlich und gibt dem Film die Tiefe, die dem Drehbuch fehlt. Das haben Vater und Sohn gemeinsam geschrieben, und es arbeitet mit allerhand Auslassungen. Bis zu einem gewissen Grad zahlt sich das aus, denn Day-Lewis hat eine faszinierende Präsenz, und Rays schroffe Art und knappe Kommunikation lassen dunkle Geheimnisse erahnen, die gelüftet werden wollen.

Derek Jacobi (Darsteller von Lucien Freud im Film) bei Autogrammeschreiben

Derek Jacobi (Darsteller von Lucien Freud im Film) bei Autogrammeschreiben

Frisch vom Filmfest London kam MOSS AND FREUD an den Tiber. Lucian Freud, einer der größten Porträtmaler des 20. Jahrhunderts, vollendete 2002 sein Nacktporträt von Kate Moss, Super-Model und It-Girl der neunziger Jahre. Nur auf den ersten Blick eine ungewöhnliche Begegnung zweier Menschen aus verschiedenen Welten. Regisseur James Lucas widmet diesem damals zu einem Skandal stilisierten Bild und seiner Geschichte einen intimen und einfühlsamen Spielfilm. Kate Moss produzierte mit, war am Drehbuch beteiligt und erschien auch bei der Premiere in London.

Von seinem Angebot, sie zu malen, hatte Kate Moss immer geträumt. Doch forderte Freud  strenge Disziplin und die Einhaltung eines genauen Zeitplans von ihr. Und auch das Ergebnis war nicht gerade das, was sie erwartet hatte. Denn Freuds Werk stand für das Gegenteil der Modebranche. Seine Nacktporträts zeigen alles, aber beschönigen nichts. Wie mit einem Röntgenblick dringt er dafür mit psychologischer Tiefe zu Kern und Seele seines jeweiligen Gegenübers vor. Das Bild wurde 2005 für knapp vier Millionen Pfund versteigert.

Trotz ihrer Unterschiedlichkeit entwickelte sich zwischen den beiden Ikonen ihres Metiers bei den stundenlangen Sitzungen eine enge Freundschaft. Die inzwischen 87-jährige Theater- und Schauspiellegende Sir Derek Jacobi verkörpert den eigenwilligen Malerfürsten als etwas grantigen, eigenbrötlerischen, aber unter dieser Fassade durchaus noch lebens- und erfahrungshungrigen Menschen, der beim Malen aufblüht. Moss-Darstellerin Ellie Bamber gibt ihr Bestes, um den Reifeprozess einer vielleicht zu früh mit Ruhm und Reichtum konfrontierten jungen Frau glaubhaft zu machen, die aber immer ihr Gespür für die Realität und einen gesunden Geschäftssinn im Auge behält.

Jafar Panahi gab eine Masterclass auf dem Festival

Jafar Panahi gab eine Masterclass auf dem Festival

Jafar Panahi gewann in Cannes den Grand Prix der Jury für seinen neuen Film EIN EINFACHER UNFALL, den wir bereits in unserem Cannes-Bericht (https://filmkunstkinos.de/allgemein/cannes-filmfestival-2025/) besprochen haben. In Rom wurde er für sein Lebenswerk geehrt und bedankte sich mit einer 90-minütigen Masterclass, die es in sich hatte. Er berichtete von seinen Anfängen, als er beschloss, Film zu studieren, ohne jemals einen Film gesehen zu haben. Konnte er auch gar nicht, weil es verboten war. Während seines Praktikums bei einem iranischen Fernsehsender räumte man ihm eine Möglichkeit ein, Filme zu schauen, die er systematisch in sich hinein fraß, beginnend mit allen Hitchcock-Filmen. Man gab ihm Geld für kleine Dokumentarfilme, und dann machte er ein Praktikum bei Abbas Kiarostami. Der hatte keinen Set-Designer, der alles vorbereitete, sondern kam mit seiner Crew ans Set und schaute, was zu tun ist. Panahi hat dann selbstständig für ihn das Set bereitet, was Kiarostami viel Zeit sparte. Er machte ihn danach zu seinem Regieassistenten und lud ihn ein, auch am Schnitt mitzuarbeiten, was für Panahi enorm wichtig war, weil er keine Erfahrung mit Spielfilmen hatte und so das Filmemachen von Grund auf lernte.

Dann hatte er die Idee zu seinem ersten eigenen Spielfilm DER WEISSE BALLON. Er schlug dem Studio einen Kurzfilm vor, doch Kiarostami überredete ihn, einen Langfilm zu machen. Er unterstützte ihn und schrieb das Drehbuch. Sie einigten sich auf einen Kinderfilm, der ging damals besser durch die Zensur: „Wenn die Beamten Kinder auf der Leinwand sahen, schauten sie in der Folge nicht mehr so genau hin.“ Der Film wurde nach Cannes eingeladen und gewann die Caméra d’Or als bestes Erstlingswerk. Trotz des Erfolgs war Panahi nicht zufrieden. Er hatte alles selbst gemacht, alle Regeln beachtet, doch das Ergebnis gefiel ihm nicht, ihm fehlte die Wahrheit. Damals lernte er, zwischen politischen und sozialen Filmen zu unterscheiden. Beim politischen Film gibt es immer nur zwei Möglichkeiten, wahr oder falsch. Im sozialen Film geht es immer um Menschen, um ihre Beziehungen untereinander und nichts mehr ist falsch oder richtig, es gibt nur noch jede Menge Grautöne, die das Leben ausmachen. 

“Die Wirklichkeit ist ein unendliches Reservoir für Filmideen.”, sagt Panahi und macht am liebsten Filme über die Gesellschaft und ihre Probleme. Dabei fühlt er sich der Wahrheit verpflichtet und arbeitet gerne mit Laienschauspielern an Originalschauplätzen. Wenn er z.B. einen Schneider braucht, dann würde er einen echten Schneider einem Schauspieler vorziehen: “Der Schneider näht und spielt nicht, dass er näht.“

Mit dieser Arbeitsweise kam Panahi zwangsläufig in Konflikt mit den Behörden. “Im Iran musst du immer um Genehmigung bitten und wenn du für alles eine Erlaubnis hast, ist es nicht mehr der Film, den du machen wolltest.” Deswegen begann er heimlich zu drehen. In TAXI TEHERAN baute er sein Auto in ein fahrendes Film- und Ton-Studio um und wahrte so den Hausarrest. Der Film gewann 2015 den Goldenen Bären auf der Berlinale. Danach hatte er Reiseverbot. Festivaldirektor Dieter Kosslick berief ihn im folgenden Jahr in die Jury und stellte demonstrativ einen Stuhl für ihn auf, doch der blieb leer. 

2018 schaffte er es, seinen Film DREI GESICHTER fertigzustellen und nach Cannes zu schmuggeln. Er hatte sich von seiner in Frankreich lebenden Tochter eine Kamera schicken lassen und machte sich dann zusammen mit der im Iran berühmten Schauspielerin Behnaz Jafari an die Arbeit. In Cannes wurde der Film mit der Silbernen  Palme für das beste Drehbuch ausgezeichnet. Doch trotz all seiner internationalen Auszeichnungen, “die sind im Iran nichts wert”, wurde er weiter verfolgt und musste 2022 eine Haftstrafe antreten. Nach seinem Hungerstreik wurde er jedoch aus dem Gefängnis entlassen und Hausarrest, Berufsverbot und Reiseverbot aufgehoben. Trotzdem hat er EIN EINFACHER UNFALL wieder ohne Genehmigung gemacht. Dass er einmal einen dieser verbotenen Filme in einem Kuchen versteckt nach Cannes schmuggelte, verwies er aber ins Land der Legenden.

Richard Linklater und Marco Belocchio auf dem Roten Teppich

Richard Linklater und Marco Belocchio auf dem Roten Teppich

Auch Richard Linklaters neuer Film NOUVELLE VAGUE war bereits in Cannes zu sehen. Eine Kritik können Sie in unserem damaligen Cannes-Bericht (https://filmkunstkinos.de/allgemein/cannes-filmfestival-2025/) nachlesen. In Rom zeichnete man Linklater für sein Lebenswerk aus und gab er eine Masterclass, bei der er von seinen Anfängen erzählte: Aufgewachsen in einer Kleinstadt in Texas, war er immer schon ein Filmfreak und fuhr oft am Wochenende mit Freunden nach Austin, um neue Filme anzuschauen. Damals konnte er sich nicht vorstellen, selbst einen Film zu machen. So begann er zu schreiben, suchte Kontakt mit anderen Cineasten und programmierte Filmreihen, was er heute noch macht, seit 40 Jahren.

Nach seinem Indie-Hit SLACKER finanzierten ihn auch Studios. “SLACKER hat keine Geschichte, sondern wechselt von Figur zu Figur. “Auf dem Papier machte das alles keinen Sinn, aber ich hatte das Gefühl, es könnte funktionieren.” Vorher hat er etwa 20 Kurzfilme gemacht. Ganz bewusst brach er mit Sam Fullers Regel “Don’t talk about it, show it”, weil er meinte, dass auch Dialoge kinematographisch sein können. Trotzdem empfindet er seinen ersten Film als sehr visuell. Er empfiehlt jedem Regisseur, eine Schauspielklasse  zu belegen. Das hilft auch beim Schreiben. Er hatte Glück, denn als er anfing Filme zu machen, wurde gerade der Indie-Film entdeckt. Heute ist das Filmemachen viel zu teuer, die Studios müssen größere Risiken eingehen, was sie selten tun. Trotzdem werden immer mehr Filme produziert, aber weniger gesehen. Die “Before…-Trilogie” war nie geplant, sondern hat sich ergeben. Er wollte nur den ersten Kontakt, das Kennenlernen, das sich ineinander Verlieben zeigen, die weiteren Filme haben sich ergeben, weil auch die Schauspieler (Julie Delpy und Ethan Hawk) fleißig am Drehbuch mitgeschrieben haben.

NOUVELLE VAGUE  ist sein erster komplett in französischer Sprache gedrehter Film, was für ihn nicht so leicht war. Er konnte sich aber gut mit dem Stoff identifizieren und konnte gut nachvollziehen, wie sich Godard mit einer Film-Community umgab, die ihn begleitete, kritisierte und unterstützte. Das war wie bei ihm in Austin, nur dass Godards Community aus vielen namhaften Regisseuren bestand, während es bei ihm die Nerds von Austin waren. Geholfen haben sie ihm aber genauso.

Jennifer Lawrence

Jennifer Lawrence

In Lynne Ramsays neuem Film DIE MY LOVE (Cannes) spielen Jennifer Lawrence und  Robert Pattinson die Hauptrollen. Sie geben Grace und Jackson, ein New Yorker Ehepaar, das zurück in die amerikanische Provinz kommt, weil Jackson hier ein großes, heruntergekommenes Haus von seinem Onkel geerbt hat, und Grace will hier ihr erstes Kind austragen. Seine Eltern (Sissy Spacek und Nick Nolte) wohnen direkt um die Ecke, doch Grace übersteht den Umzug nicht so gut. Als Stadtkind in die Weiten des ländlichen Amerikas verpflanzt, bedrängen Ehe, Mutterschaft und Häuslichkeit ihren Verstand. Spätestens mit der Geburt ihres Sohnes läuft etwas schief in dieser jungen Familie. Zwischen postnataler Depression und animalischen Bedürfnissen sexueller Art verändert sich Graces Charakter zunehmend: sie wird immer unberechenbarer und nimmt keine Hilfe an. Jackson versucht mit ihr zu reden, stellt ihr mögliche neue Freunde vor und bringt schließlich einen Hund mit nach Hause. Doch alles endet in einer Katastrophe, denn Graces Zustand ist inzwischen von Gewaltbereitschaft und Zerstörungswut geprägt.

Es ist wohl eine Art psychosexueller Zusammenbruch, den Ramsay hier verfilmt hat. Die schottische Filmemacherin nutzt nicht nur die unendlichen geografischen Weiten der amerikanischen Prärie, sondern dehnt ihr Horror-Psychogramm auch zeitlich aus, während ihre Bilder im Schmalfilm-Format (4:3) und Schwarzweiss daherkommen und im Widerspruch zu den ausufernden Episoden stehen.

Regisseur Ari Aster stellte in Rom seinen Film EDDINGTON vor.

Regisseur Ari Aster stellte in Rom seinen Film EDDINGTON vor.

Nach HEREDITARY und BEAU IS AFRAID wurde Ari Aster mit EDDINGTON endlich einmal nach Cannes eingeladen und dieser war nun auch in Rom zu sehen. Joaquin Phoenix spielt hier den Sheriff des fiktiven Städtchens Eddington, das in Neu Mexiko liegen könnte. Es ist die Corona-Zeit, und er  muss mit allerhand Vorschriften, Verschwörungstheorien und gewaltbereiten Terroristen kämpfen. Aber auch zuhause steht alles Kopf: Seine Schwiegermutter ist zu ihm gezogen und textet ihn mit immer neuen Verschwörungstheorien zu, während seine depressive Frau (Emma Stone) damit liebäugelt, sich einem gegen die pädophilen Geheimbünde wetternden Prediger (Austin Butler) anzuschließen. Doch auch in der Stadt liegen die Nerven blank. Der Bürgermeister (Pedro Pascal) kämpft gerade um seine Wiederwahl, muss sich dabei aber einer undurchsichtigen Black-Lives-Matter-Bewegung und einer unter falscher Flagge agierenden Antifa-Terror-Gruppe erwehren, obwohl er selbst keine weiße Weste hat. Das bringt den Sheriff auf den Plan, selbst zu kandidieren. Er will den Kampf mit allen antidemokratischen Kräften aufnehmen, was in der zweiten Hälfte des Films zu einer recht blutigen Sache wird.

Aster inszeniert assoziativ und gewohnt durchgeknallt und rutscht am Ende ins Splatter-Genre ab. In seiner Corona-Farce scheinen alle den Verstand verloren und nicht wiedergefunden zu haben. Sein Film ist wie ein Albtraum, aus dem man erschrocken erwacht und der dennoch nicht zu Ende ist. Irgendwie passt dieses Bild zu der Post-Corona-Zeit, die wir gerade erleben, auch wenn man das logisch nicht richtig erklären kann. 

In Cannes war der ehemalige brasilianische Filmkritiker Kleber Mendonça Filho in diesem Jahr bereits zum dritten Mal mit einem Film vertreten und gewann für seinen neuen THE SECRET AGENT gleich mehrere Preise. Er spielt in seiner Heimatstadt Recife, zu Zeiten der Militärdiktatur, wie zuletzt Walter Salles’ FÜR IMMER HIER, der auf der Berlinale zu sehen war. Hierhin kehrt sein Protagonist zurück, um den Tod seiner Mutter aufzuklären und seinen Sohn wiederzusehen. Doch seine Ankunft bleibt nicht unbemerkt. Schon vor den Toren der Stadt, auf dem Vorhof einer Tankstelle, kommt er mit einer Polizeistreife in Kontakt, die sich mehr für ihn, als für die auf dem Vorhof liegende Leiche interessiert. Für ein kleines Schutzgeld kann er sich hier noch einmal freikaufen, aber auch schon vorstellen, was ihn in der Stadt selbst erwartet.

Filho bleibt seinen verstörenden Bildern treu, beispielsweise als auf dem Seziertisch in der Pathologie ein riesiger Hai aufgeschlitzt wird, um das Bein eines Mannes ans Tageslicht zu bringen. Mit solchen Bildern schafft er es, uns die damaligen Zeiten nicht nur vorzuführen, sondern uns in sie geradezu zurückzuversetzen. Er inszeniert einen packenden Thriller in einem Moloch aus Korruption und Gewalt. Angesichts hunderter Todes- und Entführungsopfer zählt ein Menschenleben hier nicht viel, und Filho entlarvt hier ein System, das den Reichen nützt und die Armen in Schach hält.

Regisseurin Rebecca Zlotowski und Paolo Malanga (2. und 3.v.l.) auf dem Roten Teppich

Regisseurin Rebecca Zlotowski und Paolo Malanga (2. und 3.v.l.) auf dem Roten Teppich

Nach seiner Uraufführung in Cannes wusste der neue Film mit Jodie Foster VIE PRIVÉE auch in Rom zu überzeugen. In der munteren Psycho-Komödie brilliert die oscarprämierte amerikanische Schauspielerin nach mehr als 20 Jahren wieder einmal in einem französischen Film. Sie spielt die seit Jahren in Paris lebende Psychiaterin Lillian Steiner, die den Verdacht hegt, eine ihrer Patientinnen sei ermordet worden und selbst zu ermitteln beginnt. Dabei involviert sie auch ihren Ex-Mann Gabriel, der ihr gerne hilft, um ihr wieder näher zu kommen.

Mit sanftem Humor begleitet Regisseurin Rebecca Zlotowski die von Selbstzweifeln geplagte Protagonistin bei ihrer Spurensuche. Hat sie vielleicht die Selbstmordabsichten ihrer Patientin übersehen und Mitschuld am Geschehen? Oder wurde ihr Schützling Opfer eines kruden Verbrechens, das nun vertuscht werden soll? Auch der Zuschauer ist hin- und hergerissen. Mal tendiert man zur einen Seite, wenn Lilians Kompetenz unterminiert wird, und dann wieder zur anderen Seite, wenn bei ihr eingebrochen wird und die Unterlagen ihrer toten Patientin entwendet werden. Die muntere Inszenierung, das gute Skript und die einnehmenden Schauspielerleistungen machen den Film insgesamt zu einem runden Vergnügen. 

Auch Filme von der Berlinale waren in Rom zu sehen. So stellte Edgar Reitz, der in Italien mit seiner Film-Trilogie HEIMAT sehr bekannt und beliebt wurde, LEIBNIZ – Chronik eines verschollenen Bildes vor. In seiner dramatischen Parabel auf die deutsche Wirklichkeit, zeigt er, dass er trotz seines hohen Alters von 90 Jahren nichts von seinem Biss verloren hat, aber auch nichts von seinem kritischen Blick auf die Gegenwart. Zwar stellt er Leibniz als Persönlichkeit in den Vordergrund, er stellt ihn aber nie auf ein Podest, sondern liefert mit vielen mehr oder weniger unauffälligen Anspielungen ein facettenreiches Biopic.

Rose Byrne beeindruckte in ihrer Rolle als überforderte Mutter

Rose Byrne beeindruckte in ihrer Rolle als überforderte Mutter

Für IF I HAD LEGS I’D KICK YOU von Mary Bronstein gewann Rose Byrne einen Silbernen Bären als beste Darstellerin. Sie spielt Linda, eine berufstätige junge Mutter, deren Leben gerade aus dem Ruder läuft. Ihr Kind hat eine unerklärliche Krankheit und muss beinahe täglich in die Klinik, dazu gibt es Stress im Job und das Verhältnis zu ihrem Psychotherapeuten wird auch immer feindseliger. Da könnte sie eigentlich Unterstützung von ihrem Ehemann gebrauchen, doch der glänzt durch Abwesenheit und meldet sich nur gelegentlich mit einem Kontrollanruf, bei dem er Linda oft vorhält, eine schlechte Mutter zu sein. Schlimmer kann es nicht mehr kommen, denkt Linda, doch dann bricht die Decke ihres Wohnzimmer aufgrund eines Wasserschaden ein, und hinterlässt ein ominöses Loch, dass sie Integrität des ganzen Hauses bedroht, was man als Metapher für Lindas Familie lesen kann.

Neben einem einfallsreichen und flotten Drehbuch ist es Rose Byrne, die diesen Film ganz alleine nach Hause spielt. Sie gibt eine Mutter am Rande des Nervenzusammenbruchs, der Familie, Freunde und Gesellschaft immer wieder den Boden unter den Füßen wegziehen und spielt dabei auf der Klaviatur ihrer Gefühle von Verantwortlichkeit, Überforderung, Hass bis Kapitulation. Eine Achterbahn der Emotionen, die sich mit zunehmender Dauer des Films auch auf das Publikum überträgt und uns im bequemen Kinosessel zumindest psychisch durchrüttelt.

Der amerikanische Fotokünstler Peter Hujar gilt heute als einer der wichtigsten Fotografen der (queeren) Downtown-Szene des Big Apple in den siebziger und achtziger Jahren. 2026 stehen seine schwarz-weißen warmherzigen Foto-Porträts von Menschen, Tieren und Landschaften im Mittelpunkt einer ihm gewidmeten umfassenden Werkschau in der Bundeskunsthalle in Bonn. 1974 lud ihn seine Freundin, die Schriftstellerin Linda Rosenkrantz, für eines ihrer Kunstprojekte dazu ein, in ihrem Apartment in Manhattan von seinen vergangenen 24 Stunden zu berichten. Aus dem Kunstprojekt wurde nichts, doch 2019 wurden die Aufzeichnungen des Gesprächs in Peter Hujars Archiv entdeckt und das Transcript 2019 von ihr selbst als Buch unter dem gleichnamigen Titel veröffentlicht. Der Regisseur Ira Sachs war davon so fasziniert, dass er das Gespräch mit Ben Whishaw und Rebecca Hall originalgetreu nachstellen ließ. Die beiden spielen kongenial, ihr persönliches Engagement in dem intimen Projekt ist jede Minute zu spüren.

So erhalten wir in seinem Film PETER HUJAR’S DAY eine authentische Momentaufnahme eines Künstlerlebens, bei dem Begegnungen mit Robert Mapplethorpe, Allen Ginsberg, Andy Warhol, und vielen weiteren Szene-Stars zwar zum Alltag gehörten, das aber auch geprägt war von ständigen Geldsorgen, die den künstlerischen Schaffensprozess nicht gerade erleichterten. Anerkennung fanden seine überwiegend schwarz-weißen warmherzigen Foto-Porträts von Menschen, Tieren und Landschaften vor allem bei Künstlerkollegen der New Yorker Bohème und Underground-Szene, darunter Robert Wilson, Roger Waters, Andy Warhol oder William S. Burroughs, die er allesamt fotografierte.

Der Genuss dieses intensiven Kammerspiels setzt allerdings Vorkenntnisse voraus. Die Inszenierung folgt dem Transcript Wort für Wort, vor allem Hujars Redebeiträge sind schnell und assoziativ, so dass es schon einige Mühe kostet, ihnen im Original zu folgen, wenn man nicht mit der damaligen Szene vertraut ist. Trotz der Dialoglastigkeit lohnt sich der Film, erhalten wir doch einen ebenso realistischen wie faszinierenden Einblick nicht nur in seinen künstlerischen Schaffensprozess, sondern auch in das Leben der Bohème der Lower East Side und einem New York, das heute leider nur noch in Spuren existiert.

Ein Juwel aus Sundance war in Rom mit der Dokumentation IT’S NEVER OVER, JEFF BUCKLEY (Mubi) zu sehen. Der mit nur 30 Jahren durch einen rätselhaften Unfall ums Leben gekommene Musiker – Buckley ertrank im Mississippi – ist vielen vor allem bekannt durch seine überaus beeindruckende Cover-Version des Leonard Cohen-Songs Hallelujah. Sie gilt als die beste von nicht weniger als rund 300 Interpretationen, die das Original bisher hervorgebracht hat. Sein Debütalbum Grace avancierte in den neunziger Jahren zum Kult-Album der Indie-Szene, auch die Musikindustrie wurde aufmerksam. Columbia Records nahm ihn unter Vertrag. Die Erwartungen waren groß. Im Zeitalter Nirvanas, die gerade den Durchbruch zum Mainstream geschafft hatten, war Buckley jedoch eher ein Unicum. Seine Idole waren Nina Simone, Nusrat Fateh Ali Khan oder Led Zeppelin. 

In der einfühlsamen Doku, die in dieser Form nur möglich wurde durch das Einverständnis und die Freigabe von bisher unveröffentlichtem Material von Buckleys Mutter Mary Guibert, erhalten wir einen intimen Einblick in das (Innen-)Leben des charismatischen Musikers. Von seinem Vater Tim Buckley wurde er offiziell nicht anerkannt, er wuchs bei seiner Mutter auf, die ihn mit acht Jahren zu einem Konzert seines Vaters mitnahm. Die schwierigen Familienverhältnisse belasteten ihn Zeit seines Lebens, er war manisch-depressiv, was ihn nicht hinderte, in der kurzen Zeit seines Lebens ein beeindruckendes Werk zu hinterlassen. Spekulationen über einen möglichen Selbstmord rissen im Laufe der Jahre nie ab, doch kurz vor seinem Tod war er glücklich, trotz der Belastung durch den Druck, sein zweites Album auf den Markt zu bringen. Interviews mit den Menschen, die ihm nahestanden, wie seine Mutter, seine Freundinnen Rebecca Moore und Joan Wasser sowie Freunde und Kollegen wie Ben Harper und Aimee Mann ergänzen die Doku mit persönlichen Statements. Nicht nur für Fans ein Höhepunkt, den man nicht verpassen sollte.

Exponat der Sandokan-Ausstellung vor dem Maxxi-Museum

Exponat der Sandokan-Ausstellung vor dem Maxxi-Museum

Neben all diesen Festivalfilmen sind aber auch Filme in Rom zu sehen, die in ihrem Heimatland bereits gestartet, in Italien aber noch nicht im Kino zu sehen waren. Darunter sind viele Künstlerfilme, die oft als Special Screening angekündigt werden und gerne im Maxxi-Museum in der Nachbarschaft des Festivalzentrums laufen. Auf dem Museumsgelände war auch eine Ausstellung von Kostümen und Bauten der Serie SANDOKAN zu sehen.

Im Museumskino konnte man Stéphane Sorlats DAS GEHEIMNIS VON VELAZQUEZ entdecken: Diego Velázquez wurde 1599  achtundzwanzig Jahre nach Caravaggio geboren. Von dem ist seine Malerei stark geprägt, weshalb man ihn zum spanischen Barock zählt. Tatsächlich stand er aber zwischen zwei Epochen, malte viele Porträts, von Königen, von einfachen Leuten und von sich selbst. Er erfand die ‘Mise en abîme‘-Technik, malte oft Bilder innerhalb eines Bildes, die Geschichten innerhalb einer Geschichte erzählen und nicht selten Konventionen in Frage stellten.

Die Stimme von Vincent Lindon führt uns durch den Film. Er nimmt uns mit auf eine Reise in die Kunst und das Leben von Diego Velázquez (1599–1660). Die Stimme von Stéphane Sorlat versucht hingegen, die Frage zu beantworten: Wie ist es möglich, dass dieser von Genies wie Picasso, Manet und Dalí bewunderte Künstler so oft am Rande unseres kollektiven Gedächtnisses bleibt? Historische Erzählungen verbinden sich hier mit  philosophischen Interpretationen (beginnend mit Michel Foucault) und Reflexionen über das universelle Erbe eines unvergleichlichen Meisters.

Die Film-Crew von LA VITA VA COSI

Die Film-Crew von LA VITA VA COSI

Seit einigen Jahren leistet sich Rom sogar einen Wettbewerb in dem nur Weltpremieren antreten dürfen. Eine solche Premiere war auch der Eröffnungsfilm LA VITA VA COSÌ, der außer Konkurrenz zu sehen war. Irgendwie scheint das Thema des Films abgefrühstückt, doch Riccardo Milani rollt es neu auf und ergreift dabei Partei für einen konservativen Hirten. Der treibt seine Kühe täglich an die Küste Sardiniens, weil es der schönste Platz in seinem Leben ist. Das Bild dieser Strandidylle wird gespiegelt mit dem Ausblick aus dem Büro des Chefs des größten immobilienbüros Italiens mit Blick über Mailand, direkt auf den Dom. Diese beiden Bilder kommen immer wieder vor und stehen für zwei Visionen des Lebens. Das eine steht für Fortschritt, den der Immobilienhai nach Süd-Sardinien bringen will und Jobs und Wohlstand verspricht. Und das andere steht für Tradition und Werte die es zu erhalten gilt. Einmal sagt der Schäfer, dass der Strand nur so schön sei, weil er jedem gehöre, insbesondere auch zukünftigen Generationen. Und wenn hier erst einmal ein Wellness Resort steht, ist es aus mit der Idylle, und die Frage, was die Bevölkerung davon hätte, liegt auf der Hand, denn Jobs und Wohlstand sind sehr flüchtige Argumente, die am Ende doch nur die anderen immer reicher machen.

Es wird Zeit, dass wir wieder lernen, nein zu sagen, proklamiert der Film und fordert uns auf, zu unseren Werten und Traditionen zu stehen. Dafür zitiert er sogar eine Zeile aus einem Leonard Cohen Song: „There is a crack in everything, that’s how the light comes in.“

Dracula-Darsteller Caleb Landry

Dracula-Darsteller Caleb Landry

Auch Luc Besson ist ein gern gesehener Gast in Rom. 2022 hielt er hier eine Masterclass zum 40. Jubiläum seines Films LE DERNIER COMBAT. In diesem Jahr war er mit seinem neuen Film DRACULA – EINE LIEBESGESCHICHTE (Grand Public) am Start. Auf der Pressekonferenz berichtete er, dass ihm die Dreharbeiten zu seinem letzten Film DOGMAN so viel Spaß gemacht hätten, dass er und Caleb Landry Jones unbedingt noch einmal zusammen arbeiten wollten. Auf der Suche nach einem möglichen Thema fielen bei einer Art Namedropping Namen wie Gandhi, Caesar und Dracula. Der letzte reizte Besson und er las das Buch noch einmal. Zu seiner Überraschung geht es gar nicht um Horror, Blut und Zähne, sondern es ist eine Liebesgeschichte aus der Romantik, die aber nicht gelebt werden kann, weil ein Krieg dazwischen kommt. Vom Bischof gesalbt ist Dracula  bereit, sein Leben für Gott zu geben, wenn der nur seine Geliebte verschone. Doch es kommt anders: Dracula ist siegreich und seine Geliebte ist tot. Also tötet er den Bischof, damit dieser seine Forderung Gott persönlich überbringen kann. Kein ganz sinnloses Unterfangen, schließlich lebt er 400 Jahre später immer noch. Und um seine Person hat sich eine düstere Legende entwickelt, die gerne mit der Pest in Zusammenhang gebracht wird. 

Während das Original in der industriellen Revolution in London spielt, verlegt Besson die Szenerie in die Belle Epoque nach Paris. Dort hofft er seine Geliebte wiederzutreffen, stößt aber auf Wissenschaftler und Mediziner, die sein Phänomen nicht erklären können, und auch das Militär, kann den Untoten in einem blutigen Showdown nicht besiegen. Erst als ein Mann der Kirche (Christoph Waltz) ihm gegenübertritt und ihn eloquent in einen philosophischen Diskurs über Gott und den Tod verwickelt, erkennt Dracula, dass man Gott nicht für die Verfehlungen der Menschen verantwortlich machen kann, sondern dass jeder Mensch selbst verantwortlich ist für seine Taten. Nicht Gott führt Kriege, es sind die Menschen selbst. 

Geschickt führt Besson den Actionstoff auf eine romantische Liebesgeschichte zurück, die zu gottesfürchtigen Zeiten spielt und Christoph Waltz monologisiert hier wie bei Tarantino und erklärt uns, dass dieser Gottesfurcht wohl ein Missverständnis zugrunde liegt.

Regisseur Julien Temple freute sich über Grüße von den Düsseldorfer Filmkunstkinos.

Regisseur Julien Temple freute sich über Grüße von den Düsseldorfer Filmkunstkinos.

Auch der britische Regisseur Julien Temple kam nach Rom und gab eine Masterclass. Der Pionier der Musikvideos und Musik-Dokumentationen, der anfangs die Sex Pistols (THE GREAT ROCK’N’ROLL SWINDLE) begleitete und sich später einen Namem durch Kollaborationen mit den Rolling Stones (RUNNING OUT OF LUCK) und David Bowie (ABSOLUTE BEGINNERS machte, brachte zuletzt mit SHANE Shane MacGowan, den legendären Kopf der Band “The Pogues”, wieder in Erinnerung. Amüsant erzählte er von seiner Kindheit, als er noch keine Filme kannte und diese höchstens mal im Fernsehen durch die Fenster der Nachbarn wahrnahm. Auf dem College änderte sich das, doch hatte er Schwierigkeiten, das Gesehene zu verstehen. “LE MÉPRIS musste ich viermal ansehen, bis ich ihn verstanden hatte, aber das machte nichts, dank der großartigen Brigitte Bardot“. Auf die Frage, wie er Malcolm McLaren, den Manager der Sex Pistols kennen gelernt hätte, antwortete er: “Ich war nie ein Punk, aber damals habe ich an der Filmhochschule studiert und er war der einzige, der Zugang zu einer vernünftigen Kamera hatte. Und so war ich immer dabei und dokumentierte alles auf Schritt und Tritt, bis ich am Ende mit dazugehörte.“

Johnny Pigozzi, der Protagonist des Films I AM CURIOUS JOHNNY

Johnny Pigozzi, der Protagonist des Films I AM CURIOUS JOHNNY

In seinem neuen Dokumentarfilm I AM CURIOUS JOHNNY steht der Fotograf, Sammler und Designer Jean “Johnny” Pigozzi im Mittelpunkt. Was ihn auszeichnet: sein Reichtum und eine narzisstische Persönlichkeit, die sich gern mit den Reichen und Berühmten umgibt. Er hat eine eigene Insel von mehr als 40.000 Quadratmetern und die größte Sammlung afrikanischer Kunst und gilt als der Erfinder der Celebrity Selfies. Überall, wo er geht und steht, macht er Fotos. Für die Doku konnten Beiträge unter anderem von Mick Jagger, Michael Douglas und Martha Stewart eingefangen werden. Mit Hilfe von KI wird Johnny sogar als Kind zum Leben erweckt und sein inzwischen verstorbener Vater. Ein durchaus amüsanter Film, aber nach einer Weile wird einem der allzu selbstbezogene Protagonist doch ein wenig langweilig.

Quentin Dupieux ist seit vielen Jahren mit seinen skurrilen Filmen ein gern gesehener Gast, der die Nebensektionen der Festivals belebt. In Cannes durfte er 2024 sogar mit LE DEUXIEME ACTE das altehrwürdige Festival eröffnen, was sicherlich der illustren Besetzung mit Léa Seydoux, Vincent Lindon und Louis Garrel geschuldet war. Diesmal sind Adèle Exarchopoulos und Sandrine Kiberlain mit von der Partie. In L’ACCIDENT DE PIANO (Wettbewerb) geht es um Magalie (Exarchopoulos), sie ist ein YouTube-Star und erreicht mit ihren selbstgemachten Filmchen Millionen von Followern. Um denen aber nicht in natura zu begegnen, hat sie sich mit ihrem Manager aufs Land zurückgezogen. Doch nun gibt es einen wahren Grund unterzutauchen, denn bei den letzten Dreharbeiten ist es zu einem tragischen Unfall gekommen, der das Zeug hätte, sie ins Gefängnis zu bringen.
In Rückblenden erzählt Dupieux nun die Lebensgeschichte von Magalie. Ihr Schmerzempfinden geht gegen Null, was sie bereits als Teenager in einem Video dokumentierte, in dem sie eine Autobatterie an ihre Zähne anschloss und so einen Brand verursachte. Das brachte ihr zwar Hausarrest von ihrem Vater ein, doch der war von dem Video aber auch so fasziniert, dass er es all seinen Elektriker-Kollegen mailte. Die mailten es weiter, und so entstand eine Internet-Lawine und ein neuer Internet-Star war geboren.
Nun aber meldet sich eine Journalistin (Kiberlain) bei ihr, die ein Interview will. Magalie gibt grundsätzlich keine Interviews, doch irgendetwas scheint die Journalistin vom anfänglich erwähnten Unfall zu wissen, was Magalie erpressbar macht, so dass sie letztlich doch in das Interview einwilligt. Nun drehen sich die Verhältnisse um, Magalie wird vom Star zum Opfer und muss die ganze Skrupellosigkeit und Egozentrik ihrer Fans erfahren, die alle nur ihre eigenen Interessen verfolgen und denen Magalies Wohlbefinden ziemlich egal ist. Dupieux nutzt dieses Ende zu einer Abrechnung mit der Generation von Internetnutzern, die solche Badass Movies anschauen und stellt ihre Menschlichkeit in Frage.

Andrea Riseborough, Stephen Graham und Anson Boon (v.) auf dem Roten Teppich für GOODBOY

Andrea Riseborough, Stephen Graham und Anson Boon (v.) auf dem Roten Teppich für GOODBOY

Horror aus der Sicht eines Hundes – eine innovative Idee zur Erweiterung des Genres, ist Regisseur Ben Leonberg mit GOOD BOY – TRUST HIS INSTINCTS (Wettbewerb) eingefallen. Als Hauptdarsteller castete er seinen eigenen Hund, eine kluge Entscheidung, denn die beiden sind ein eingespieltes Team, das sich aufeinander verlassen kann – ebenso wie im Plot des Films. Dort versucht der tierische Protagonist Indy sein Herrchen vor Unheil zu bewahren, als dieser in das abgelegene Haus seines verstorbenen Großvaters zieht. Indy spürt, dass dort etwas Böses lauert und er wird zunehmend von Visionen heimgesucht, die sich aus Gerüchen und Erinnerungen aus der Vergangenheit zusammensetzen. Die subjektive Kamera ist konsequent auf Seiten des Hundes, Licht- und Tonregie erzeugen eine unterschwellig bedrohliche Atmosphäre, die aus der tierischen Perspektive eine ganz andere Bedeutung erhält. Doch das erschließt sich erst, wenn der Zuschauer am Ende alle Puzzleteile zusammensetzt. Nach Aussage des Regisseurs hat das Haus in Edgar Allen Poes DER UNTERGANG DES HAUSES USHER als Inspiration für die Gestaltung seines Horror-Hauses gedient. Ein origineller, vor allem visuell beeindruckender Film, der sich mit der Angst vor Verlust und Tod beschäftigt.

 

aus der Sicht eines Hundes – eine innovative Idee zur Erweiterung des Genres, ist Regisseur Ben Leonberg mit GOOD BOY – TRUST HIS INSTINCTS (Wettbewerb) eingefallen. Als Hauptdarsteller castete er seinen eigenen Hund, eine kluge Entscheidung, denn die beiden sind ein eingespieltes Team, das sich aufeinander verlassen kann – ebenso wie im Plot des Films. Dort versucht der tierische Protagonist Indy sein Herrchen vor Unheil zu bewahren, als dieser in das abgelegene Haus seines verstorbenen Großvaters zieht. Indy spürt, dass dort etwas Böses lauert und er wird zunehmend von Visionen heimgesucht, die sich aus Gerüchen und Erinnerungen aus der Vergangenheit zusammensetzen. Die Kamera bleibt konsequent auf Höhe des Hundes, Licht- und Tonregie erzeugen eine unterschwellig bedrohliche Atmosphäre, die aus der menschlichen Perspektive jedoch eine ganz andere Bedeutung erhält. Doch das erschließt sich erst, wenn der Zuschauer am Ende alle Puzzleteile zusammensetzt.  Nach Aussage des Regisseurs hat das Haus in Edgar Allen Poes DER UNTERGANG DES HAUSES USHER als Inspiration für die Gestaltung seines Horror-Hauses gedient. Ein origineller, vor allem visuell beeindruckender Film, der sich originell mit der Angst vor Verlust und Tod beschäftigt.

Am Ende entdeckten wir im Wettbewerb noch eine Filmperle, die auch mit dem Hauptpreis des Festivals ausgezeichnet wurde. Sean Baker (ANORA) hat für LEFT-HANDED GIRL der taiwanesischen Regisseurin Shih-Ching Tsou das Drehbuch geschrieben, mit der er schon zuvor zusammengearbeitet hatte. Sie erzählt in ihrem Regie-Debüt von einer alleinerziehenden Mutter, die mit ihren beiden Töchtern nach Jahren auf dem Land nach Taipeh zurückkehrt, um einen Stand auf einem pulsierenden Nachtmarkt zu eröffnen. Jede von ihnen muss sich auf ihre Weise an die neue Umgebung anpassen, um den Lebensunterhalt zu verdienen und den Familienzusammenhalt zu wahren. Drei Generationen von Familiengeheimnissen kommen ans Licht, nachdem der altmodische Großvater seiner linkshändigen Enkelin verbietet, ihre „Teufelshand“ jemals zu benutzen. 

LEFT-HANDED GIRL vereint Bakers sozialrealistischen Ansatz mit der in Taipeh spielenden Tragikomödie, die Shih-Ching Tsou mit ihren drei Schauspielerinnen ausgesprochen authentisch umsetzt. Es macht Spaß den dreien beim Aufbau eines neuen Lebens in der taiwanesischen Hauptstadt zuzusehen, und führt uns dennoch an tragische Abgründe von Tradition und Moderne. 

Der Film erinnert ein wenig an TANGERINE oder THE FLORIDA PROJECT, weil er die Realität mit einer Art Staunen oder zumindest einer Sehnsucht nach dem Fantastischen einfängt. Der Schnitt des Films ist außergewöhnlich, die Regie sehr kraftvoll, und vor allem hat dieser Film ein frenetisches, ein wahnsinniges Tempo. Leider wird er nicht ins Kino kommen, da er noch vor Weihnachten bei Netflix zu sehen sein soll.