43. Internationales FrauenFilmFest: Festivalbericht

Erstmals berichten wir von einem Festival-Kleinod, das auch strategisch günstig gelegen ist für filminteressierte Menschen aus Düsseldorf: Das Internationale FrauenFilmFest alterniert jährlich seine Hauptlocation zwischen Dortmund und Köln. Es hat sich nicht nur einen Namen gemacht als eines der ältesten Frauenfilmfestivals weltweit, sondern beeindruckt auch stets durch ein sorgsam kuratiertes Programm, das viele Entdeckungen bereithält und die wichtigen Filmemacher*innen von morgen entdeckt. Es gibt weiblichen und nichtbinären Filmschaffenden eine Bühne und rückt ihre Perspektiven in den Fokus.

Dr. Maxa Zoller (Festivalleitung) ©China Hopson

Dass ein solcher Fokus leider nach wie vor eine traurige Notwendigkeit ist, bilanzierte auch Direktorin Dr. Maxa Zoller in ihrer Eröffnungsrede der nunmehr 43. Festivalausgabe im Kölner Filmpalast: Die Filmbranche sei noch lange von einer Geschlechterparität entfernt. Stand 2026 seien nur ca. 14 % der Menschen, die Bewegtbild produzieren, weiblich. Es ist bekannt. Auch bei den großen Festivals und Filmpreisen werden weibliche Stimmen zumeist übergangen. Erst dieses Jahr gewann zum ersten Mal in der Geschichte der Oscars eine Frau in der Kategorie „Beste Kamera“! Wie fundamental ungerecht diese Schieflage ist, belegen die starken Spiel- und Dokumentarfilme, die einmal wieder aufgefahren wurden. Nach einem Jahrhundert Männerdominanz und Male Gaze auf der Leinwand ist man verführt zu sagen: Die Zukunft des Kinos ist (queer)feministisch!

Eröffnet wurde das Festival mit NO GOOD MEN (Kinostart: demnächst), der auch die diesjährige Berlinale eröffnen durfte. „Wir hatten den Film eigentlich zuerst!“, beteuerte Maxa Zoller augenzwinkernd gegenüber dem Publikum, was Regisseurin Shahrbanoo Sadat lachend beglaubigte. Anders als so vielen bekömmlichen, aber schnell wieder vergessenen Eröffnungsfilmen gelingt es Shahrbanoo Sadat mit „No Good Men“, Komödie und Tragödie poetisch leicht und doch emotional tiefschürfend zu verknüpfen. Ihr Film kreist um die selbstbewusste Kamerafrau Naru, gespielt von ihr selbst, die im Sommer 2021 in der afghanischen Hauptstadt Kabul nach Selbstbestimmung strebt. In einem ihr gegenüber mürrisch eingestellten Kollegen findet sie wider Erwarten einen Verbündeten in einer patriarchalen Umgebung. Als die USA ihre Streitkräfte abziehen und die Taliban vorrücken, droht nicht nur ihr emanzipativer Kampf, sondern auch die aufkeimende Liebe brutal erstickt zu werden. Sadats Film ist nicht nur eine Hommage an die Widerständigkeit afghanischer Frauen, die unter widrigsten Bedingungen überleben, sondern auch ein Appell, ihre harten Kämpfe und ihr Leid nicht zu vergessen.

Sechswochenamt ©Filmweh Markus Ott

Nathan war auch beeindruckt von Jacqueline Jansens autofiktionalem Spielfilmdebüt SECHSWOCHENAMT (Kinostart: 18. Juni 2026), in dem die Regisseurin den Tod ihrer Mutter verarbeitet und darüber hinaus auch ihre niederrheinische Heimat inklusive dortiger Mentalität porträtiert. Bereits die einleitende, siebenminütige Plansequenz im Krankenhaus, die den letzten Atemzug der Mutter von Hauptfigur Lore sowie ihre Reaktion darauf einfängt, ist erschütternd echt und geht unter die Haut. Im Fortverlauf versucht Lore, die Beerdigung zu organisieren und zwischen aufdringlichen Nachbar*innen, einem opportunistischen Pfarrer und ihrer abwesenden Schwester so manche Pietätlosigkeit von sich abzufedern. Währenddessen Raum für die eigene Trauerarbeit zu finden, wird zur maximalen Herausforderung. Trauer – ein durchaus abschreckendes, keineswegs leicht einzufangendes Thema. Diese Schwere dann doch mit skurrilen Momenten und Situationswitz zu durchweben, ohne jedoch die darunterliegende Tragik zu verlieren, ist großes Können!

Sarah wiederum war begeistert von AGATHA’S ALMANAC (noch kein Kinostarttermin): Darin porträtiert die Filmemacherin Amalie Atkins ihre Tante Agatha Bock, eine 90-jährige Frau, die ein sehr unabhängiges und abgeschiedenes Leben auf dem kanadischen Land führt. Über sechs Jahre hinweg begleitet ein rein weibliches Filmteam Agatha, und es entsteht ein zutiefst liebevoller, beinahe meditativer Film, der ihre alltäglichen Praktiken in den Mittelpunkt stellt – wir sehen ihre Pflanzen, ihre Marmelade, ihre Routinen. Abgeschnitten von der Moderne wirkt ihr Alltag fast aus der Zeit gefallen. Ihr Leben steht für eine verschwindende Generation. Gleichzeitig hat das alles etwas unglaublich Ruhiges und führt zurück zum Wesentlichen, abseits moderner Ablenkungen. Nebenbei lernt man viel über das Gärtnern, über Saatgut, das über Generationen weitergegeben wird. Gedreht auf 16 mm verwebt der Dokumentarfilm filmische Handarbeit mit Agathas eigener – eine Form von Fürsorge und Weitergabe, die sich auch im Gärtnern als stille, feministische Praxis zeigt. Ihr Haus wird dabei selbst zu einer Art Archiv. Ein kleiner, sehr heilsamer Film.

If I had Legs I’d kick you ©Logan White Courtesy

Eine der wohl intensivsten darstellerischen Tour de force der letzten Jahre lieferte für Nathan wohl Rose Byrne in IF I HAD LEGS I’D KICK YOU (Kinostart: demnächst) von Mary Bronstein, für die sie im Übrigen 2026 oscarnominiert war. Das Psychodrama, das das Bild der fürsorglichen Idealmutter durch den Reißwolf jagt, lässt sich auch beschreiben als ein Crescendo der Überreizung: Linda muss sich um ihre Tochter kümmern, die an einer seltsamen Krankheit leidet, den abwesenden Vater gegenkompensieren und sich als Psychotherapeutin mit schwierigen Patientinnen herumplagen. Als dann auch noch aufgrund eines Wasserschadens im wahrsten Sinne des Wortes ein Loch durch die Decke ihrer Wohnung bricht, lässt sich die Abwärtsspirale Richtung Nervenzusammenbruch kaum noch aufhalten. Mary Bronstein attackiert die Sinne mit einer dissonanten Geräuschkulisse und einer übersteuerten Kameraarbeit, die atmosphärisch so manchem Horrorfilm Konkurrenz macht. Ihr gelingt eine fiebertraumartige Anklage gegen die gesellschaftliche Verantwortungsüberfrachtung der Mutterrolle, die sich synästhetisch tief ins Nervensystem hineinbohrt.

The Son and the Sea

Berührt war Nathan auch von Stroma Cairns Coming-of-age-Drama THE SON AND THE SEA (noch kein Kinostarttermin): Die beiden Teenager Jonah und Lee sind gerade aus der Schule raus und vertreiben sich ihren Alltag mit Saufereien. Um zur Ruhe und zu sich selbst zu finden, fliehen sie aus London in die schottische Pampa, wo sie Freundschaft mit dem gehörlosen Charlie knüpfen. Mit viel Zärtlichkeit und großartigen Jungdarstellern zeichnet Stroma Cairn die Orientierungsphase des Erwachsenwerdens nach, in der das Streben nach Männlichkeit ihrer Protagonisten sanft konterkariert wird durch die Sehnsucht nach Verbundenheit und das Erlernen von Verantwortung.

// Nathan Di Battista, Sarah Falke