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50. International Film Festival Rotterdam

Herzlichen Glückwunsch zu dieser besonderen Jubiläumsausgabe, die in zwei spannenden Kapiteln mal wieder vielfältig und lebendig das unabhängige Kinos zelebrierte!
Das ungewohnte Festivalformat lag neben pandemiebedingten Restriktionen auch an der neuen künstlerische Leiterin Vanja Kaludjercic, die mit ihrem Team das Festivalprogramm auffrischte und dabei souverän den Blick auf das Wesentliche behielt. Gerade in unsteten Zeiten konnte das Festival mit seinem kreativen Engagement Filmschaffenden eine wichtige Bühne bieten. Auch wenn diese dann in Teilen zur Online-Plattform wurde.
Als Festival-Auftakt im Februar präsentierte man die herrlich absurde Komödie „Helden der Wahrscheinlichkeit“ von Anders Thomas Jensen (u.a. „Adams Äpfel“, „Men & Chicken“), in der sich eigentlich aus einem dramatischen Ereignis ein überspannter Rachefeldzug entwickelt – mit bitteren und tiefgründigen Anteilen. Mads Mikkelsen performt dabei genüsslich den hartgesottenen Berufssoldaten Markus, der sich zwar bestens in Auslandseinsätzen zurechtfindet, aber nun als Witwer für seine Tochter eine klägliche Vaterfigur mimt. Da schließt er sich doch lieber einem verschrobenen Männertrio an, das eigenmächtig auf Vergeltung sinnt. Denn Otto, Kurt und Emmenthaler (Nikolaus Bro) versichern Markus glaubhaft, dessen Frau sei nicht zufällig gestorben…
Interessanterweise greift auch der Festivalbeitrag „Mitra“ von Kaweh Modiri das Rachemotiv auf, nur in diesem Fall im Kontext eines politischen Thrillers. Fast 40 Jahre nach der Exekution ihrer Tochter trifft die nun in den Niederlanden lebende Exil-Iranerin Haleh (Jasmin Tabatabai) auf die vermeintliche Verräterin von damals. Wie verlässlich sind Erinnerungen an traumatische Erlebnisse? Es entwickelt sich ein intensives Vexierspiel, wer nun eigentlich Täterin bzw. Opfer ist. Kaweh Modiri verwebt hierbei auch eigene autobiografische Bezüge.
Die einwöchige Februar-Ausgabe setzte besonders auf den Wettbewerb. In der „Tiger Award Competition“ gingen 16 frische Filmtalente ins Rennen. Letztlich gewann der tamilische Film „Pebbles“ von Vinothraj P.S. den Hauptpreis, der ganz auf die elementare Kraft einer brutal trockenen Gegend Südindiens setzt, die von extremer Armut und Tristesse geprägt ist und gleichsam eine spröde Schönheit versprüht. In dieser Kargheit muss sich ein Sohn mit seinem Trinker-Vater auf eine Wanderung begeben.
Den Publikumspreis erhielt das hochspannende Drama „Quo Vadis, Aida?“ der bosnischen Regisseurin Jasmila Žbanić. Im Mittelpunkt steht die UN-Dolmetscherin Aida, die im Juli 1995, kurz vor dem Völkermord an über 8000 vornehmlich männlichen Bosniaken, für die niederländischen Blauhelmsoldaten in Srebrenica tätig ist. Sie versucht mit allen Mitteln ihre Söhne und ihren Mann vor dem Schlimmsten zu bewahren. Ein extrem intensiver Film, der erstmalig die Ereignisse um dieses Massaker in Srebrenica detailliert beschreibt, ohne dabei die sinnlose Gewalt direkt zu visualisieren und das aus einer der stärksten weiblichen Perspektiven der letzten Kinojahre, übrigens atemberaubend gespielt von der serbischen Schauspielerin Jasna Đuričić.
Das Abschlusskapitel der 50. Jubiläumsausgabe setzte sich dann Anfang Juni als einmalige Sommeredition mit weiteren Programmreihen fort.
In der Sektion „Bright Future“ für ‚junge‘ Talente konnte man den alpinen Film „Berg“ der Niederländerin Joke Olthaar entdecken, der auch beim Publikum sehr beliebt war. Überwältigende Weitwinkel-Aufnahmen aus dem slowenischen Nationalpark Triglav lassen den Menschen nahezu verschwindend klein erscheinen. Auch das wunderschöne Schwarz-Weiß und die minimalistische Geräuschkulisse, in die Naturgeräusche verwoben sind, machen aus „Berg“ ein fast 80-minütiges berauschendes Gebirgserlebnis, in dem man die Magie und die Gefahr der Natur fasziniert erahnen kann.
Die neu eingeführte Sektion „Harbour“, die sinnbildlich den Charakter Rotterdams als quirlige und vielschichtige Hafenstadt aufgreift, bot das reichhaltigste Programm. Ein Vertreter dieser Reihe war der absurde, japanische Film „The Blue Danube“ von Akira Ikeda, der in Wiederholungsschleife einfängt, wie Soldaten eines Dorfes täglich um 9 Uhr ihre Arbeit antreten, sich an einem ruhigen Fluss versammeln, auf das gegenüberliegende Dorf schießen und pünktlich um 17 Uhr die Arbeit dann wieder beenden. Warum Krieg geführt wird und gegen wen genau, daran kann sich schon längst keiner mehr erinnern. Hauptsache die Bürokratiemaschine läuft und Anordnungen werden monoton, automatenhaft ausgeführt. An vielen Stellen blitzt reichlich trockener und schräger Humor auf, wenn der ausufernde Verwaltungsapparat von Japan und damit aber auch vieler andere Länder karikiert wird. Als Gegenpol zu diesem ganzen Irrsinn steht abends nach Feierabend ein braver Soldat heimlich am Fluss und spielt auf der Trompete für die Gegenseite den Donauwalzer. Fans von Roy Andersson („Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“) werden dieses absurde Kino mögen.
Den Publikumspreis für den Sommerteil erhielt die großartige Fußball-Doku „Mi chiamo Francesco Totti“ von Alex Infascelli, die einen sehr persönlichen Zugang zu diesem ungewöhnlichen und charismatischen Fußballer ermöglicht, der über 25 Jahre treu bei AS Roma spielte und von seinen Fans bis heute vergöttert wird. Nicht nur für Fußballbegeisterte interessant, denn es gewährt auch einen kleinen Einblick in die römische Kultur.
Das Festival endete mit dem farbenfrohen, japanischen Animationsfilm „Poupelle of Chimney Town“. Ein einsamer Junge, der der Zunft der Schornsteinfeger angehört, freundet sich mit Poupelle, einer naiv-fröhlichen Müll-Kreatur, an. Anklänge an klassische Kinderbücher/-filme sind erkennbar und das Erzählprinzip richtet sich besonders auch an Kinder.