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Die 78. Filmfestspiele von Venedig

Ein Festivalbericht von Kalle Somnitz und Anne Wotschke

In den letzten Jahren hat Alberto Barbera die Filmfestspiele in Venedig zur Startrampe der Oscar-Saison umgewandelt. Egal ob NOMADLAND, JOKER oder SHAPE OF WATER, alle feierten hier Weltpremiere und sahnten später die Oscars ab. Im letzten Jahr war das Angebot an amerikanischen Filmen pandemiebedingt reduziert. Mit NOMADLAND reichte es zwar noch für den Oscar-Gewinner, darüber hinaus waren aber kaum amerikanische Filme dabei. Dies nutzte Barbera, um den ständigen Vorwürfen “zu amerikanisch”, “zu wenig Filme von Frauen” und “zuviel Netflix-Filme” den Wind aus den Segeln zu nehmen und stellte ein Programm zusammen mit einem Schwerpunkt auf europäischer Filmkunst. Diese Entwicklung setzte er in diesem Jahr fort, obwohl er wieder mehr amerikanische Filme und weniger Filme (6) von Frauen, deren Produktivität seiner Meinung nach besonders unter der Pandemie gelitten hat, im Programm hatte. Ebenso auffällig die Tür, die er für Genrefilme öffnete. Diese kamen zwar oft mit großen Namen daher, konnten aber qualitativ kaum überzeugen.

Timothée Chalamet und Denis Villeneuve

Timothée Chalamet und Denis Villeneuve, alle Foto: La Biennale di Venezia

Das begann schon mit DUNE (Warner), der heiß erwartet war und das Kartensystem, das sich im letzten Jahr als so corona-tauglich erwies, sprengte. Das war dann wohl auch das größte Manko dieses Festivals, denn die Teilnehmerzahl stieg wieder auf 70 Prozent der früheren Werte, aufgrund der Sitzvergabe nach Schachbrettmuster standen aber nur 50 Prozent der Sitzplatz-Kapazität zur Verfügung, was einen wahren Kampf um Karten auslöste und dem sonst so entspannten Festival einen erheblichen Stressfaktor hinzufügte. Doch zurück zu DUNE, der immerhin mit einem großen Cast punkten konnte und von den Fans unkritisch gefeiert wurde. Doch es gab auch viele kritische Stimmen und eine Zeitung fasste auch unsere Enttäuschung in dem Titel zusammen: “Da ist der Wurm drin.”

Jamie Lee Curtis mit ihrem Ehrenlöwen

Jamie Lee Curtis mit ihrem Ehrenlöwen

Tiefpunkt in puncto Genre war HALLOWEEN KILLS (UPI) von David Gordon Green, die Fortsetzung von HALLOWEEN aus dem Jahr 2018 und insgesamt der zwölfte Teil des Franchises, das John Carpenter 1978 aus der Taufe hob. Schon damals spielte Jamie Lee Curtis die Hauptrolle, sie wurde dieses Jahr für ihr Lebenswerk mit einem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Curtis gab sich bescheiden, dankte John Carpenter, der ihr mit dieser Rolle eine Karriere ermöglichte, auf die sie dankbar und stolz zurückblickt. “Mit jedem Preis, den ich erhalte, werden automatisch meine Eltern Tony Curtis und Janet Leigh geehrt”, erinnerte sie bewegt an ihre Eltern. Das war eine rundum gelungene Preisvergabe, bei der David Gordon Green die Laudatio hielt. Nur den Film danach hätte man sich sparen können.

Oscar Isaac und Tiffany Haddish

Oscar Isaac und Tiffany Haddish

Mit Paul Schrader war ein weiterer Hollywood-Veteran mit von der Party, der sich Ende der 1978er Jahre mit dem Drehbuch zu TAXI DRIVER und seinen Filmen BLUE COLLAR und HARDCORE einen Namen machte. 2017 stellte er mit seinem religiös aufgeladenen Öko-Thriller FIRST REFORMED einen der stärksten Wettbewerbsbeiträge, für den er seine bisher einzige Oscar-Nominierung erhielt. In THE CARD COUNTER (Weltkino) erzählt er die Geschichte des Ex Militär-Ermittlers Wilhelm Tell (Oscar Isaac), der in Abu Ghraib arbeitete und sich wieder zuhause als Pokerspieler eine neue Existenz aufgebaut hat. Eines Tages begegnet er Cirk, dessen Vater bei ihm das Folterhandwerk lernte und als gebrochener Mann aus dem Krieg zurückkam. Nun will Cirk Rache für eine verkorkste Kindheit, doch auch Wilhelm hatte einen Ausbilder (Willem Dafoe) und weist Cirk beinahe väterlich den Weg in ein neues Leben. Doch das ist nicht so einfach und so kommt es am Ende doch zu einem tragischen Showdown.
Eine merkwürdige Melange aus Kriegsheimkehrer- und Gambler-Film ist das, behandelt aber ein ernstzunehmendes Thema. Ob Schrader dem so gerecht werden kann, sei dahingestellt, aber immerhin geht er seinen Film mit Kompromisslosigkeit an und inszeniert mit alttestamentarischem Gestus: Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Filmszene aus OLD HENRY

Filmszene aus OLD HENRY

Reines Genre-Kino lieferte auch Potsy Ponciroli mit seinem Erstling OLD HENRY (Koch Media). Darin frönt er dem Western-Genre ähnlich exzessiv wie HALLOWEEN KILLS dem Horror-Genre. Nur tut er dies mit wesentlich mehr Respekt und Finesse. In einem klugen Drehbuch inszeniert er einen lupenreinen Western, der allerlei Anleihen an Klassikern seine Genres nimmt. So werden Clint Eastwoods ERBARMUNGSLOS, Andrew Dominiks DIE ERMORDUNG DES JESSE JAMES DURCH DEN FEIGLING ROBERT FORD und auch die Coen Brothers mit NO COUNTRY FOR OLD MEN zitiert und am Ende darf in einem überraschenden Finish sogar eine Western-Legende wieder auferstehen. Ob das reicht für ein Filmkunst-Festival, war wahrscheinlich auch Barbera unklar, weshalb er den Film außer Konkurrenz zeigte. Mit seiner Machart mag er trotz klugem Drehbuch, sicherer Inszenierung und gut aufgelegten Schauspielern nicht jeden überzeugen, für Western-Fans ist er allerdings ein Fest.

Hauptdarsteller Matt Damon

Hauptdarsteller Matt Damon

Zum Ende des Festivals, als die Kinogemeinde längst schon nach Toronto weitergezogen war, konnte Ridley Scott noch einen kleinen Höhepunkt setzen. Sein Ritterfilm THE LAST DUEL (Walt Disney) war sehnsüchtig erwartet worden und dabei so bieder, wie Paul Verhoevens BENEDETTA in Cannes. Kaum ein anderer Film war von der Hollywood-Presse schon während seiner Produktion ähnlich intensiv beleuchtet worden, was vielleicht an seiner illustren Besetzung liegt, vielleicht aber auch an Nicole Holofcener, deren Mitarbeit sich Scott versichert hatte, um seinem harten Männerfilm einen kleinen #MeToo-Touch zu geben. Basierend auf einer wahren Geschichte aus dem 14. Jahrhundert erzählt er von den beiden Rittern Jean de Carrouges (Matt Damon) und Jacques Le Gris (Adam Driver), die viele Schlachten gemeinsam geschlagen haben und eigentlich Freunde sein sollten, wäre da nicht die Ungleichbehandlung der beiden durch Count Pierre d’Alen (Ben Affleck), der Le Gris zu seinem Favoriten bei Hofe macht und Carrouges immer wieder mit Almosen abspeist. Als dann noch dessen Frau behauptet, von Le Gris vergewaltigt worden zu sein, verlangt er Satisfaction und leiert einen Prozess an, der für alle Beteiligten tödlich enden kann. So wird Le Gris schnell vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen, denn
Carrouges Frau ist nach der Tat schwanger geworden und dass man von einer Vergewaltigung nicht schwanger werden kann, war damals Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis. Viel besorgniserregender finden die Richter, dass die Ehe in den fünf Jahren zuvor nicht fruchtbar war, was nicht gerade auf eine glückliche Beziehung hinweist. So ist bald nur noch die Verletzung von Carrouges Eigentumsrechten an seiner Frau Gegenstand des Verfahrens, wofür uns Scott die gleiche Geschichte aus den Perspektiven aller Beteiligten gleich dreimal erzählt. Wer jetzt an Kurosawas RASHOMON denkt, wird enttäuscht, denn Scott geht es mehr um Action-Szenen und Mittelalter-Romantik als um den Wahrheitsbegriff. Dass seine Protagonistin bis zum Schluss auf ihre Rechte besteht, die nur ihr Ehemann durchsetzen kann, ist dabei eher eine Referenz an #MeToo, die ihm andererseits grünes Licht für einen Mittelalter-Actioner gibt.

Pedro Almodovar und seine beiden Hauptdarstellerinnen Milena Smit und Penélope Cruz

Pedro Almodovar und seine beiden Hauptdarstellerinnen Milena Smit und Penélope Cruz

Doch neben all diesen Genrefilmen, die meist außer Konkurrenz zu sehen waren, konnte der Wettbewerb mit Qualität punkten, was auch mit Abstrichen für den Eröffnungsfilm gilt. In PARALLEL MOTHERS (Studiocanal) erzählt Pedro Almodovar von zwei Frauen, Ana (Penélope Cruz) und Janis (Milena Smit), die sich im Krankenhaus auf der Entbindungsstation kennen lernen.
Beide sind ungewollt schwanger, Janis ist schon etwas älter und glaubt, dass dies ihre letzte Chance auf ein Kind ist, während Ana – noch minderjährig – sich ihrer Gefühle kaum bewusst ist und irgendwie traumatisiert erscheint. Sie findet Trost bei Janis, die ihr Mut macht, sich auf diesen neuen Lebensabschnitt zu freuen. Auch nach der Geburt halten die beiden Kontakt, und als Anas kleine Tochter den Kindstod stirbt, bekommen die Dinge eine überraschende Wende. Nach dem etwas wehleidigen PAIN AND GLORY kehrt Almodovar hier zu seinen großen Frauen-Dramen zurück. Wenn auch noch nicht in Bestform, gelingt es ihm, den persönlichen Konflikt um Familie und Identität in einen historisch-politischen Kontext mit den Folgen der Franco-Diktatur zu stellen.
In diesem übermächtigen Zusammenhang erzählt Almodovar eine recht einfache Geschichte, die durch ihre emotionale Tiefe punkten kann. Dennoch gelingt es ihm nur selten, aus der Enge seines Kammerspiels auszubrechen und echte Kinobilder zu finden, was vielleicht auch an Netflix als Koproduzent gelegen haben mag. Aber auch die Schauspieler, die hier eigentlich große Emotionen transportieren müssten, wirken nicht immer überzeugend. Dennoch ging der Preis für die Beste Schauspielerin an Penélope Cruz.

Penélope Cruz

Penélope Cruz mit ihrem Coppa Volpi für MADRES PARALELAS, verdient hätte sie ihn auch für ihre Rolle in OFFICIAL COMPETITION.

Den hätte sie allerdings eher für einen weiteren Film verdient, der im Wettbewerb zu sehen war. In OFFICIAL COMPETITION (Studiocanal) spielt sie die bekannte Filmregisseurin Lola Cuevas, die für ihr neuestes Projekt die besten Schauspieler des Landes vereint. Hollywood-Herzensbrecher Félix Rivero (Antonio Banderas) und der radikale Theaterschauspieler Iván Torres (Oscar Martínez) sind wahre Legenden mit großem Talent und noch größerem Ego. Breitbeinig und mit Löwenmähne auf dem Regiestuhl sitzend, lässt Lola die beiden Weltstars genussvoll aufeinanderprallen und macht aus der Bühne eine Hahnenkampf-Arena männlicher Eitelkeiten. Mit diversen Anspielungen auf #MeToo und viel Ironie entwickelt sich so eine fulminante Komödie, die schnell Fahrt aufnimmt.
Dass die Schauspieler bei den Dreharbeiten viel Spaß hatten, bestätigten sie auf der anschließenden Pressekonferenz, und als die Frage eines Kollegen zu persönlich wurde, stellte Antonio Banderas klar, dass es diese Eitelkeiten in vielen Berufen gäbe und drohte mit einer Fortsetzung im Journalisten-Milieu.

Anya Tailor-Joy verkörpert die Sängerin Sandy in LAST NIGHT IN SOHO.

Anya Tailor-Joy verkörpert die Sängerin Sandy in LAST NIGHT IN SOHO.

Junges frisches Kino brachte Edgar Wright mit an den Lido. LAST NIGHT IN SOHO (UPI) heißt sein Werk, das die Swinging Sixties reaktiviert für eine Zeitreise der besonderen Art. Im Mittelpunkt steht Ellie, eine junge Frau, die im ländlichen Cornwall bei ihrer Großmutter aufwächst. Sie schwärmt für die sechziger Jahre und ihr größter Wunsch ist es, Modedesignerin zu werden. Als sie endlich den ersehnten Studienplatz im Londoner College of Fashion erhält, ist sie überglücklich. Sie findet ein Zimmer in Stadtteil Fitzrovia, einen Nebenjob in einem Pub in Soho und beginnt, ihre Lieblingsstadt zu erobern. In ihren Träumen taucht sie ab in die Sechziger, erlebt sie durch die Augen ihres fiktiven Idols Sandy, einer aufstrebenden blonden Sängerin. Doch ihr Traumland ist nicht nur schön, wie sie bald merkt, sondern auch ein Ort der Gefahren und des Schreckens. Zunehmend wird sie von Visionen heimgesucht, Wirklichkeit und Traum vermischen sich und die Coming of Age-Geschichte verwandelt sich zum Horror-Trip der besonderen Art. Der spannende Blick hinter die Fassade einer glitzernden Epoche ist
psychologisch dicht und erfrischend jung inszeniert, ein munterer Genre-Mix mit #MeToo-Sidekick, dem allerdings die Kürzung einiger sich wiederholender Effekt-Sequenzen am Ende gut getan hätte.

Hauptdarstellerin Kirsten Stewart auf dem Roten Teppich in Venedig.

Hauptdarstellerin Kirsten Stewart auf dem Roten Teppich in Venedig.

Pablo Larraín kehrte nach JACKIE mit einem weiteren Frauen-Porträt an den Lido zurück. Schien er damals mit der amerikanischen Präsidentengattin Jackie Kennedy nicht allzuviel anfangen zu können, porträtiert er in SPENCER (DCM) weniger Lady Di als das englische Königshaus. Der Film zeigt das letzte gemeinsame Weihnachtsfest, das die Familie zusammen begeht und Diana – gespielt von einer großartigen Kristen Stewart – ist nur noch ein Abbild ihrer selbst. Ausgemergelt und und psychisch angeschlagen muss sie ein Dinner nach dem anderen – trotz Magersucht – hinter sich bringen. Aber ihr Entschluss zur Trennung – egal ob von Charles oder dem Königshaus – steht längst fest, nur die Kinder halten sie noch fest.
Pablo Lorraín inszeniert dieses Weihnachtsfest als Horrortrip mit subjektiver Kamera und allerlei surrealistischen Verfremdungen. Auf höchstem cineastischen Niveau spiegelt der Zustand Dianas so die Royal Family, deren Position vom oberster Hausdiener – phänomenal gespielt von Timothy Spall – vertreten wird, der keinerlei Verstöße gegen Tradition und Etikette zulässt, was er mit militärischer Strenge durchsetzt. So gelingt Lorraín ein Porträt des englischen Königshauses, in dem es laut Diana nur eine Zeit gibt: “Vergangenheit und Gegenwart sind dasselbe und eine Zukunft gibt es sowieso nicht.” Cineasten werden den Film lieben, Royal-Fans und Freunde von Glanz und Gloria werden ihn hassen.

Regisseurin Audrey Diwan mit ihrem Goldlöwen

Regisseurin Audrey Diwan mit ihrem Goldlöwen

Der Goldene Löwe ging ziemlich überraschend an HAPPENING (Prokino) aus Frankreich und damit zum vierten Mal an eine Regisseurin. Viele hatten ihn wegen der hohen Qualitätsdichte im Wettbewerb nicht auf der Rechnung, dabei ist Audrey Diwans auf einer autobiografischen Vorlage beruhendes Abtreibungsdrama emotional packend und intensiv gespielt und inszeniert.
Im Mittelpunkt steht Anne, eine junge Studentin in den sechziger Jahren, die ungewollt schwanger wird. In Zeiten vor der Erfindung der Antibabypille, in denen Frauenrechte genauso unbekannt waren wie die Verantwortung der Männer in Sachen Schwangerschaft, versucht sie alles, um das Baby wieder los zu werden. Diwan erzählt realistisch und mit teilweise drastischen Bildern den Kampf der jungen Frau um Freiheit und Selbstbestimmung, für die sie gar ihr Leben riskiert. Der Zuschauer leidet mit, und wer meint, dass dem Film hierzulande die Relevanz für eine Kinoauswertung fehlt, sei auf die sich gerade umkehrende Entwicklung in Amerika hingewiesen. Die Ärzte und männlichen Mitstudierenden, an die sich die Heldin in ihrer Not wendet, begegnen ihr mit saurer Moral, Feigheit und Hilflosigkeit – so ähnlich erging es der Schriftstellerin Annie Ernaux, als sie im Jahr 2000 das Buchherausbrachte, das dem Film zugrunde liegt. Unter dem Mantel eines “monumentalen Schweigens” hätten die Männer des französischen Literaturbetriebs die Abtreibungsstory begraben, sagte Ernaux Jahre nach der Veröffentlichung. Mit dieser Ignoranz ist es hoffentlich vorbei durch die Filmversion, von der die Regisseurin bei der Preisverleihung sagte, sie habe sie mit Wut im Bauch, viel Begierde, mit Leib und Seele, Hirn und Herz gemacht.

Die Hauptdarsteller Suzanne Jouannet und Yvan Attal

Die Hauptdarsteller Suzanne Jouannet und Yvan Attal

Ein wahres Familienwerk brachte Ivan Attal mit an den Lido. In LES CHOSES HUMAINES (THE ACCUSATION) führte er selbst Regie, seine Frau Charlotte Gainsbourg und der gemeinsame Sohn Ben Attal spielen die Hauptrollen. Es geht um einen kontroversen Vergewaltigungsfall, der weitreichende Auswirkungen auf die Familien der beiden Betroffenen hat. Alex ist Student in Stanford und auf Kurzbesuch in Paris, um einem Klassentreffen und einer Ehrung seines berühmten Vaters, einem bekannten Medienexperten, beizuwohnen. Seine von ihrem Mann getrennt lebende Mutter lädt ihn zum Abendessen in ihr neues Heim ein, wo sie mit ihrem neuen Freund, einem Literaturprofessor, und dessen 17-jähriger Tochter Mila lebt. Ihr Vorschlag, dass Alex Mila mit zu seiner Party nimmt, führt zur Katastrophe, denn am nächsten Morgen wird Alex von der Polizei festgenommen. Mila beschuldigt ihn der Vergewaltigung. Ganz offensichtlich war Attal bemüht, einen Gegenpol zu setzen zur aktuellen Tendenz vor allem in den Sozialen Medien, Personen schon vor dem offiziellen Gerichtsprozess zu verurteilen. Er nimmt sich viel Zeit und schildert den Vorfall, der zur Anklage geführt hat, zunächst aus zwei Perspektiven – der des potentiellen Vergewaltigers und der seines Opfers. Zwei Menschen aus sehr unterschiedlichen Milieus prallen hier aufeinander und ihre Wahrnehmung dessen, was an jenem verhängnisvollen Abend passiert ist, klafft weit auseinander. Der anschließenden Prozess versucht Klarheit zu bringen, nach und nach eingestreute Sequenzen der Geschehnisse ebenfalls. Auch der Zuschauer ist gefordert und es zeigt sich, dass Gut und Böse gar nicht so einfach zu unterscheiden sind. Ein ernsthafter, vielleicht ein wenig zu didaktisch aufbereiteter Film, der zum Nachdenken anregt.

Szene mit Benjamin Voisin (links) Vincent Lacoste

Szene mit Benjamin Voisin (links) Vincent Lacoste

Fake News, Influencer, Trollattacken – wer dachte, dies seien neue Phänomene, sollte sich Xavier Gionnolis Werk ILLUSIONS PERDUES (LOST ILLUSIONS) anschauen. Das Historiendrama, basierend auf dem gleichnamigen dreiteiligen Roman von Honoré Balzac, kommt erstaunlich modern daher und birgt die Erkenntnis: “Alles ist schon immer so gewesen, es erscheint nur in neuem Gewand.” Im Mittelpunkt steht Lucien Chardon, dessen Vater eine kleine Druckerei in der Provinz betreibt. Lucien hat schriftstellerische Ambitionen. Diese werden gefördert von einer adligen verheirateten Mäzenin, mit der er ein Verhältnis hat. Als dieses zunehmend Unmut erregt, fliehen beide nach Paris, wo er bald auf sich allein gestellt ist. Schnell merkt er, dass Talent beileibe nicht ausreicht, um es zu etwas zu bringen. Alles ist in der Zeit der Restauration käuflich – vom künstlerischen bis zum wirtschaftlichen Erfolg. Als er den Boulevard-Journalisten Lousteau kennen lernt, erhält er Zugang zur Zeitungswelt. Bald ist seine spitze Feder gefürchtet wie die seiner Kollegen, die sich fürstlich dafür bezahlen lassen positiv oder auch negativ über die neuesten literarischen Werke zu schreiben. Dies gilt nicht nur für die Literatur, sondern auch für das Theater, wo Stücke im Sturm angeheuerter Applaudierer oder Tomatenwerfer ein Riesenerfolg oder ein Megaflop werden können. Lucien steigt seine neue Macht schnell zu Kopf. Er schafft sich Feinde, denen er nicht gewachsen ist und landet wieder in der Provinz. Gionnolis Inszenierung ist erfrischend, scharfzüngig und bis in die Nebenrollen exzellent besetzt, allen voran Xavier Dolan als Luciens ärgster Rivale Nathan.

Wurde für ihr Drehbuch zu THE LOST DAUGHTER ausgezeichnet: Maggie Gyllenhaal

Wurde für ihr Drehbuch zu THE LOST DAUGHTER ausgezeichnet: Maggie Gyllenhaal

Gerade erst als Jury-Mitglied aus Cannes zurück, stellte Schauspielerin Maggie Gyllenhaal in Venedig ihr Langspielfilm-Debüt THE LOST DAUGHTER (Netflix) als Regisseurin vor. Als Vorlage diente ihr dazu der Roman ‘La Figlia oscura’ (deutsch: Die Frau im Dunkeln) der Italienerin Elena Ferrante, der sie sich sehr verbunden fühlt. Darin begibt sich die Endvierzigerin Leda (Oscar-Preisträgerin Olivia Colman), daheim Literatur-Professorin, in die Ferien auf eine kleine griechische Insel im Mittelmeer. Doch statt Ruhe wird sie von einer etwas prolligen und lärmenden griechisch-amerikanischen Familie genervt. Ein Familienmitglied jedoch erregt ihre Aufmerksamkeit, eine junge Mutter, die sichtlich in ihrer Elternrolle überfordert wirkt. Das ruft Erinnerungen an ihre eigene Jugend wach, als sie sich in einer ähnlichen Situation befand und am Spagat zwischen Mutterrolle und Berufsleben verzweifelte. Gyllenhaal wurde in Venedig mit dem Preis für das beste Drehbuch belohnt, was vielleicht etwas übertrieben ist angesichts einiger Längen, die das Werk offenbarte. Insgesamt jedoch ein durchaus interessanter Start in eine mögliche Regie-Karriere, zu der das illustre Ensemble, allen voran Oscar-Preisträgerin Olivia Coleman, nicht unerheblich beiträgt. Das Werk wird nur bei Netflix zu sehen sein.

Jane Campion, Benedict Cumberbatch und Kirsten Dunst bei der Premiere von POWER OF THE DOG in Venedig

Jane Campion, Benedict Cumberbatch und Kirsten Dunst bei der Premiere von POWER OF THE DOG

Ebenfalls eine Netflix-Produktion, für die sich allerdings ein deutscher Verleih ein kleines Kinofenster gesichert hat, ist THE POWER OF THE DOG (NFP / Netflix). Adaptiert von der 1967 erschienen Kultnovelle von Thomas Savage inszeniert Jane Campion einen Western, der auf der größten Ranch Nevadas der 1920er Jahre spielt. Hier leben die beiden Brüder George (Jesse Plemons) und Phil Burbank (Benedict Cumberbatch), die unterschiedlicher kaum sein könnten. Phil hat studiert und sollte eigentlich der intelligentere der beiden sein, doch er hat sich von der Gesellschaft zurückgezogen, kümmert sich um die niederen Arbeiten und verbirgt mit seiner übertriebenen Härte gegen sich selbst eine Seite, die er seinem Umfeld nicht eingestehen kann. Dieses reagiert nicht nur mit Respekt und Ehrfurcht auf das Rauhbein, sondern auch mit Furcht und Abwehr. Ganz anders George, der ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft sein will und dem für das perfekte Glück nur eine Frau fehlt. Die findet er in der kürzlich verwitweten Rose (Kirsten Dunst), die einen etwas verweichlichten und verschlossenen Sohn mit in die Ehe bringt. Phil empfindet die beiden als Fremdkörper und lässt sie mit Missachtung und allerlei Erniedrigungen seine ganze Härte spüren. Erst als der scheue Junge sich auf seinen Peiniger einlässt, die beiden gar eine gewisse Seelenverwandtschaft feststellen, schwingt sich der Film zu einer psychologischen Dichte auf, wie wir sie in BROKEBACK MOUNTAIN so eindrücklich erleben konnten, allein aus der verbotenen Liebes- wird alsbald eine schnöde Rachegeschichte. Jane Campion erhielt einen Silbernen Löwen für die Beste Regie.

Szene aus IL BUCO

Szene aus IL BUCO

Den Spezialpreis der Jury erhielt IL BUCO des Italieners Michelangelo Frammartino, der hier vor zehn Jahren mit LE QUATTRO VOLTE überzeugen konnte. Damals beschrieb er den Kreislauf des Lebens in einem Dorf in Kalabrien geradezu wortlos mit einer ganz eigenen archaischen Bildsprache. Seinem Stil ist er treu geblieben, doch sein Thema ist nicht so poetisch und allgemeingültig wie damals. Beinahe dokumentarisch beschreibt er hier die Expedition einiger Höhlenforscher, die die dritttiefste Höhle der Welt Anfang der 1960er Jahre erforschen. Wie damals vermeidet er Dialoge, und verlässt sich auf die Kraft seiner Bilder. Es ist eine beschauliche Reise, mit zunächst bescheidenen Bildern, die sich immer mehr zu kosmische Relevanz aufschwingen und die Schönheit der Natur der Wissenschaft gegenüberstellen.

Das Film-Team von LAND OF DREAMS auf dem Red Carpet

Das Film-Team von LAND OF DREAMS auf dem Red Carpet

Die Künstlerin Shirin Neshat brachte ihr neues Werk LAND OF DREAMS mit an den Lido, den sie gemeinsam mit Shora Azaru in Szene setzte. Die Hauptrolle übernahm Sheila Vand, die 2014 mit dem feministischen Vampirfilm A GIRL WALKS HOME ALONE AT NIGHT Aufsehen erregte. Jetzt überzeugt sie als junge Angestellte einer Regierungsbehörde, die in einem sich immer mehr isolierenden Amerika der Zukunft eine Volksbefragung durchführt. Simin ist eine der letzten Immigranten, die ins Land gelassen wurden und nun soll sie durch New Mexico reisen und die Menschen nach ihren Träumen befragen. So erhofft man sich, die Einwohner besser verstehen, aber auch, sie besser kontrollieren zu können. Ihr zur Seite gestellt ist der Leibwächter Alan (Matt Dillon). Als Simin den Auftrag erhält, eine iranische Widerstandsgruppe zu infiltrieren, gerät sie in einen Widerspruch zwischen der Sympathie, die sie zu ihren Landsleuten empfindet und ihrer Aufgabe, die sie bisher unkritisch wahrgenommen hat. Die Regisseurinnen inszenieren LAND OF DREAMS als politische Satire, zeitweilig ins Groteske übertrieben (brillant: Isabella Rosselini) und liefern dabei im wahrsten Sinne traumhafte Bilder eines Landes, dessen Trauma sich im Unbewussten seiner Einwohner widerspiegelt.

Regisseurin Ana Lily Armirpour

Regisseurin Ana Lily Armirpour

Auch die Regisseurin des Films A GIRL WALKS HOME ALONE AT NIGHT war zu Gast mit ihrem neuen Film. Ana Lily Amirpour stellte MONA LISA AND THE BLOOD MOON, ein umwerfendes Fantasy-Abenteuer, das in den sumpfigen Straßen New Orleans spielt, vor. Im Zentrum steht ein Mädchen mit seltsamen und gefährlichen Fähigkeiten, das aus der hiesigen Irrenanstalt geflohen ist und nun des nachts durch die sumpfigen Straßen New Orleans streift. Auf der Suche nach einer Unterkunft und Hilfe trifft sie dabei auf allerlei Typen, die es nicht immer gut mit ihr meinen. Doch mit ihren übersinnlichen Fähigkeiten kann sie sich wehren und sich sogar dem Zugriff der Polizei entziehen.
Amirpour taucht diese nächtliche Odyssee in neon-bunte Farben, wie in Filmen der 1980er und 90er Jahre und stellt dem Hedonismus ihrer Protagonistin das Chaos der modernen Zivilisation gegenüber. Das alles transportiert keine große Message, es macht aber großen Spaß bei diesem Trip dabei sein.

Gut gelaunt auf dem Roten Teppich am Lido: das Film-Team von SUNDOWN

Gut gelaunt auf dem Roten Teppich am Lido: das Film-Team von SUNDOWN

Ein Jahr, nachdem er mit NEW ORDER den Großen Preis der Jury gewinnen konnte, kehrt auch der Mexikaner Michel Franco zurück ins Löwen-Rennen. Damals spiegelte er den Zustand der mexikanischen Gesellschaft an einer apokalyptischen Parabel, während er in SUNDOWN eine eher ausländische Sicht auf Mexiko wählt. Neil (Tim Roth) und Alice Bennett (Charlotte Gainsbourg) sind Geschwister und steinreiche Erben eines europäischen Großkonzerns. Zusammen mit Alices erwachsenen Kinder machen sie Urlaub in einem First Class Hotel in Acapulco. Abgeschirmt von der mexikanischen Wirklichkeit geniessen sie hier die luxuriösesten Urlaubsfreuden, bis Alice die Nachricht vom Tod ihrer Mutter erreicht und die Urlaubsfreuden jäh zerstört. Gemeinsam bricht man auf zum Flughafen, doch Neil kann nicht mit zurückfliegen, weil er angeblich seinen Reisepass vergessen hat. Er verspricht mit dem nächsten Flug nachzukommen, tatsächlich aber checkt er im Luxushotel aus und mietet sich eine kleine Ferienwohnung am Strand, wo er sich in das Nachtleben Acapulcos stürzt. Bald schon sammeln sich falsche Freunde und leichte Mädchen um ihn, die Rufe aus der Heimat versucht er zu verdrängen, verzichtet am Ende gar auf seine Firmenanteile, nur um endlich in Ruhe gelassen zu werden. Doch sein Wunsch, einfach auszusteigen bringt immer mehr Komplikationen mit sich, die sich am Ende zu einer tödlichen Katastrophe steigern.
Eigentlich inszeniert Michel Franco hier das psychologische Porträt eines Mannes, dessen Handeln allen Beteiligten inklusive dem Zuschauer komplett unverständlich ist und gewinnt durch einen überraschenden Schluss, der dann doch alles wieder ganz logisch erscheinen lässt.

Franz-Rogowski, Aurora-Giovinazzo und Pietro Castellito stellten FREAKS OUT vor.

Franz-Rogowski, Aurora-Giovinazzo und Pietro Castellito stellten FREAKS OUT vor.

Eine positive Überraschung war auch Gabriele Mainetts FREAKS OUT, der im Zirkusmilieu im Rom des Jahres 1943 spielt. In einer Mischung aus Fellinis CLOWNS und Álex de la Iglesias MAD CIRCUS erzählt er von einem jüdischen Wanderzirkus, der mit den deutschen Besatzern in Konflikt gerät.
Der Film beginnt mit einer herzzerreißenden Zirkusshow, die uns in eine magische Welt entführt, aus der nicht nur die Protagonisten, sondern auch die Zuschauer durch einen Bombenangriff der Nazis jäh herausgeholt und mit der Wirklichkeit konfrontiert werden. Die kleine jüdische Zirkustruppe muss vor den Nazis fliehen. Dies tun sie quer durch ein historisches Rom, in dem das Forum Romanum plötzlich wie ein Kriegsschauplatz wirkt und der Antike Ruinenpark, wie eine vom Krieg zerstörte Stadt. Bewegt halten sie kurz vor dem Colosseum an – das ist mal ein richtiger Zirkus – um weiter an den Ufern des Tiber entlang den Nazis zu entkommen. Aber die ziehen hier ihre ganz eigene Freakshow ab. Im ‘Zirkus Berlin’ sammelt sich die ganze Dekadenz des Krieges. Unter Leitung eines deutschen Pianisten (Franz Rogowski), der ständig mit Zauberwürfel und Handy rumhantiert. Er kann die Zukunft vorhersehen und will die von niemandem erwartete Niederlage verhindern, in dem er auf den Pfaden von Mengele nach Menschen mit besonderen Fähigkeiten sucht. Die findet er in den fliehenden Zirkusartisten, die alle nicht ganz normal sind und eine besondere Fähigkeit besitzen. Bisher haben sie ihre Kräfte immer nur im Zirkus eingesetzt, jetzt brauchen sie sie, um zu überleben.
Gabriele Mainetti inszeniert hier eine ganz eigene Superhelden-Truppe, die auszieht, um die Welt zu retten und brennt mit vielen Bildeinfällen und Spezialeffekten ein wahres Feuerwerk ab, das die Kinoleinwand zu sprengen droht. Er inszeniert einen wahren Bildersturm, der am Ende alles Böse zerstört und dem Guten neuen Raum gibt. Dabei schießt er gerne mal übers Ziel hinaus, trägt sein Herz aber stets am rechten Fleck und glaubt an das Gute im Menschen.