Eine Begegnung mit Susan Sarandon auf dem Filmfest Rom

Große Filmpremiere am 13.10.2026 beim Filmfest Rom mit Regisseur Zach Woods und Hauptdarstellerin Susan Sarandon.

Bisher hauptsächlich als Schauspieler bekannt, führt Woods in seinem Langfilm-Regiedebüt THE ACCOMPANIST zwei einsame Seelen zusammen: ein Mädchen, das in einer Pflegefamilie untergebracht werden muss, weil sich niemand um sie kümmern kann und eine von Verlust gezeichnete Frau, die sie aufnimmt und ihr eine neue Perspektive gibt.

Am Morgen stellten sie sich im Nabu-Hotel auf der Via Veneto der Presse:

Eine gut gelaunte Susan Sarandon auf der exklusiven Pressekonferenz im Hotel Nabu zu ihrem neuen Film THE ACCOMPANIST in Rom - und mit klaren Aussagen zur Todesstrafe und der Situation in Gaza. Sie ist übrigens Anfang Oktober 80 geworden.

Eine gut gelaunte Susan Sarandon auf der exklusiven Pressekonferenz im Hotel Nabu zu ihrem neuen Film THE ACCOMPANIST in Rom, Foto: Anne Wotschke.

„Solch eine Rolle habe ich noch nie gespielt”, sagte Susan Sarandon auf der Pressekonferenz zum Film THE ACCOMPANIST in Rom, und verwies darauf, dass sie am liebsten in Liebesgeschichten mitspielt. Gerade erst hat sie ihren 80. Geburtstag gefeiert. ”In jungen Jahren war ich mir meiner Schönheit gar nicht so bewusst. Heute wundere ich mich manchmal selbst, dass ich so wenig Falten habe. Daher hätte ich mir von euch Journalisten schon die Frage gewünscht: “Wie 80. Geburtstag? Sie meinen sicher 70. Geburtstag.“

Im weitesten Sinne ist THE ACCOMPANIST auch eine Love Story, wenn auch mit einem achtjährigen Mädchen. “Es war eine Begegnung auf Augenhöhe und bei den Dreharbeiten gab sich Emily-Darstellerin Everly Carganilla nicht viel anders als im Film”, so Regisseur Zach Woods. Kinder wollen wahr- und ernst genommen werden, und so hat ihr Woods viel Spielraum gelassen. Sie musste sich nicht immer an das Drehbuch halten und durfte improvisieren. „Manchmal haben wir Szenen einfach ausprobiert und dann verbessert”, sagte Susan Sarandon. „Es war ein künstlerischer Prozess, irgendwie so, als würden wir miteinander tanzen.”

„Schauspieler, die nicht so gerne mit Kindern spielen, haben meistens Angst vor ihrer Natürlichkeit und Ehrlichkeit.“ ergänzte Zach Wood, „Kinder verbiegen sich nicht, sondern spielen so, wie sie in der Wirklichkeit reagieren würden, wenn sie in so eine Situation kämen.

Voll des Lobes war er für Susan Sarandon. „Susan hat am Set ein Klima von Respekt und Sicherheit geschaffen, ist auf die Bedürfnisse ihrer jungen Kollegin eingegangen und hat so ihr Vertrauen gewonnen.“ Für ihn war dieser Film eine Herzensangelegenheit.

Nach Ansicht von Susan Sarandon kreist der Film um die stärksten emotionalen Themen, die es gibt, seien es Trauer, Ausgrenzung oder das Gefühl, irgendwelchen Idealen nicht zu entsprechen. “Die stärksten Emotionen treten immer dann auf, wenn du sie alleine durchmachst. Und genau das sei das Tolle am Film. “Da bist du nie alleine. Das alte Sprichwort stimmt: Geteiltes Leid ist halbes Leid und geteiltes Glück ist doppeltes Glück!“

Dann wurde es politisch und Sarandon antwortet auf die Frage, warum sie immer wieder öffentlich Partei ergreife. “Ich kann gar nicht anders. Ich wurde sogar aus der Academy geworfen, weil ich mich für einen Guantanamo-Häftling, der AIDS hatte, eingesetzt habe.” Im Irak-Krieg hat sie viele Hass-Mails mit Morddrohungen bekommen. Das habe sie noch ertragen können, doch jetzt bekommen ihre Kinder diese Mails und damit kann sie viel schlechter umgehen. “Du weißt nie, wie ernst du solche Mails nehmen musst“, erklärte sie und beklagte gleichzeitig die Stimmung in den USA, wie sie von der Regierung und den ICE-Schergen verbreitet wird. “Letztens haben die einen Mann im Rollstuhl erschossen. Ein Mann der sich nicht wehren konnte. Das Land verroht, seitdem diese Barbaren an der Macht sind. Das sähe man auch daran, dass das Fernsehen kein Problem damit hat, eine Exekution live zu zeigen. Das sei gänzlich unmoralisch und das einzig Gute daran sei das Wederaufflackern der Diskussion um die Todesstrafe. “In Amerika herrschen unzumutbare Zustände und ich weiß nicht, ob sie sich jemals wieder zurückdrehen lassen.“
Auch über das Thema Gaza fand sie klare Worte: „Wir können dieses Morden nicht erlauben und einfach geschehen lassen. Wir müssen immer wieder darauf hinweisen und Partei ergreifen. Das gilt auch für die Presse!“ adressierte sie an die Anwesenden im Saal. „Ihr müsst jede Gelegenheit nutzen, um über Gaza zu berichten, da ist die Sicherheit Eures Jobs zweitrangig“. Und auch das Festival erfülle seine Pflicht, wenn es einem kleinen politischen Film ein Podium gibt und so die Probleme unserer Zeit zur Diskussion stellt.

Schließlich fand Zach Woods noch ein sehr schönes Schlusswort: „Wenn du Licht in eine Sache bringen willst, dann riskierst du, dich zu verbrennen. Susan hat Licht in meinen Film und auch in mein Leben gebracht – and she shines very bright!” //Kalle Somnitz & Anne Wotschke

 

THE ACCOMPANIST
Film-Rezension von Kalle Somnitz

Woods erzählt die Geschichte konsequent aus der Sicht der kleinen Emily (Everly Carganilla), deren Mutter wegen Drogenproblemen im Krankenhaus ist. Emily lebt bei ihrem an Demenz erkrankten Großvater, doch dessen Gedächtnislücken werden immer bedrohlicher. Als sie bei einer Schulpsychologin Rat sucht, rückt tags darauf das Jugendamt an und kidnappt sie regelrecht, um sie gegen ihren Willen von ihrem Großvater zu trennen. Woods inszeniert diese Szene so intensiv, dass man es – ähnlich wie im Film FJORD – kaum fassen kann, dass so etwas in einer zivilisierten Gesellschaft passiert. Auf der einen Seite ist die Aktion als Ausdruck der Ordnungsmacht zu verstehen, deren Angestellte den Schutz des Kindes sicherstellen müssen, auf der anderen Seite zeigt sie aber auch, welches traumatisches Erlebnis damit für das Kind verbunden ist.

Provisorisch wird Emily erst einmal bei einer Ersatzmutter untergebracht. Sylvia (Susan Sarandon) ist 73 Jahre und hat vor vielen Jahren ihre Tochter verloren. Sie nähert sich ihrem Schützling einfühlsamer als das Jugendamt. Sie lässt ihr ihren Willen und die Zeit herauszufinden, wie sie mit der neuen Situation umgehen will. Langsam entwickelt sich zwischen beiden ein Vertrauensverhältnis. Doch als Emiily sich nach ihrem Großvater erkundigt, wird sie von der Behörde mit der lapidaren Bemerkung abgespeist: „Man kümmert sich.“ Im Krankenhaus besuchen darf sie ihn nicht, das will niemand der Kleinen zumuten. Zwangsläufig geht Emily fortan eigene Wege und Sylvia hat dafür viel Verständnis. Angesichts ihres Alters hadert sie mit ihrer neuen Mutterrolle, macht Fehler, fühlt sich überfordert und findet wenig Unterstützung beim Jugendamt. Als sie gefragt wird, ob das Mädchen dauerhaft bei ihr bleiben kann, entscheidet sie sich deswegen dagegen – doch da hat sie die Rechnung ohne Emily gemacht.

Zach Woods Film ist kein Feelgood Movie, vielmehr versucht er sich an einer realistischen, ehrlichen Betrachtung dieser problematischen Situation. Beide Charaktere sind versehrt, die eine vom Leben, das nicht so gelaufen ist, wie erhofft, die andere von den fehlenden Eltern und einer Situation, die ihr gar kein eigenes Leben zugesteht. Woods inszeniert dies mit vielen Filmzitaten und Metaphern, die nicht immer angenehm sind, dafür aber einen sehr ehrlichen Einblick in die Situation geben.