Atlas

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Atlas - 2019 Filmposter
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Absolut empfehlenswert: Die Geschichte vom Möbelpacker Walter, der sich plötzlich mit seiner Vergangenheit konfrontiert sieht, ist so dicht und spannend wie ein Thriller und passt doch in keine Schublade. Der Schauplatz ist Frankfurt am Main - ohne den glitzernden Charme der Hochfinanz, doch in einem extrem glaubwürdigen Umfeld, das wie ein Spiegel bundesdeutsche Wirklichkeit reflektiert.

Obwohl nicht mehr der Jüngste, kann der Möbelpacker Walter immer noch alleine einen Schrank schultern und durchs Treppenhaus tragen. Sein Chef Roland Grone und die Kollegen können sich hundertprozentig auf Walter verlassen, der seinen Job macht und ansonsten die Klappe hält. Die Spezialität der Firma sind Zwangsräumungen, und die Auftraggeber im Hintergrund könnte man auch als Drahtzieher bezeichnen, die heruntergekommene Immobilien entmieten, um sie teuer weiterzuverkaufen. Da ist der Gedanke an Geldwäsche ebenso offensichtlich wie die Nähe zum organisierten Verbrechen. Spätestens als der unberechenbare Moussa zum Team stößt und bei einer Zwangsräumung mitwirkt, wird die ganze Problematik deutlich. Roland Grone hat Moussa weder eingestellt, noch kann er ihn entlassen, obwohl Moussa ein gefährlicher Gewalttäter ist. Denn Moussa gehört zu dem Clan, in dessen Auftrag Grone handelt. Walter entdeckt dabei, dass der Mieter, der sich da so beharrlich weigert auszuziehen, sein Sohn sein könnte. Unauffällig beginnt er, diesen Jan und seine kleine Familie zu beobachten und bald auch – soweit es ihm möglich ist – zu beschützen. Dabei gerät Walter zwischen alle Fronten und begibt sich schließlich selbst in Gefahr.

Das Drehbuch ist extrem klug ausgedacht, es erzählt in fein ziselierten kleinen Windungen eine machtvolle Geschichte vom Leben: Da geht es nebenbei um Gentrifizierung, um Großstadtkriminalität und um eine Wirklichkeit, in der vieles schief läuft, ohne dass dies explizit thematisiert wird. Und das ist einer der besonderen Verdienste des Films. Atlas, der Titan aus der griechischen Mythologie, trägt die Welt auf seinen Schultern. Dieser Atlas-Walter trägt sein Leiden unsichtbar mit sich herum. Sein Schweigen und seine Traurigkeit haben ihre Ursache in vergangenen Seelenqualen, ebenso die Einsamkeit, die für ihn zur Normalität geworden ist. Die Schmerzen, die er beim Möbelschleppen auf sich nimmt, sind nichts gegen den Kummer und die Verzweiflung, die ihn erfüllen. Wie sich dieser Mann in eine Geschichte hineinziehen lässt, die mit seinem Scheitern als Vater zu tun hat, ist ein langsamer und extrem spannender Prozess. Über der Handlung liegt dabei wie ein Schatten die Bedrohung durch Moussa und seinen Clan, der sich Walter aussetzt.

Die Geschichten dieser einzelnen Menschen verweben die Drehbuchautoren David Nawrath und Paul Salisbury zu schicksalhaften Verknüpfungen, die in ruhigen, manchmal düsteren Bildern erzählt werden. Mit gewaltiger visueller Kraft nehmen sie den Betrachter mit auf eine faszinierende Reise in die bundesdeutsche Realität, wo mit Immobilien gedealt wird und Menschen dafür ihre Wohnung verlieren, eine Welt, in der Geld und Gewalt regieren, wo es aber auch einen Funken Hoffnung gibt. Und dieser Hauch von Optimismus macht den originellen, kleinen Film endgültig zum leinwandsprengenden Beweis für die Macht des Kinos.