Aus dem Nichts

Silberne Palme, Cannes 2017

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Aus dem Nichts 2017

Fatih Akins neuer Film AUS DEM NICHTS schaffte es in den Wettbewerb der Filmfestspiele in Cannes und wurde insbesondere international gut aufgenommen. Dabei zeigte sich die Weltpresse positiv überrascht, nicht wieder ein Vergangenheitsbewältigungs-Drama des Deutschen Faschismus zu sehen, sondern einen aktuellen Thriller zum Thema Neofaschismus. Packend inszeniert und an den „NSU-Morde“ angelehnt, punktet der Film vor allem mit seiner großartigen Hauptdarstellerin Diane Kruger, die in Cannes eine Silberne Palme für beste weibliche Performance bekam. Und nun geht er auch noch als Deutscher Beitrag ins Oscar-Rennen.

AUS DEM NICHTS erzählt von Katja, die abrupt ihren armenischen Ehemann Nuri und ihren Sohn Rocco durch einen Bombenanschlag in Hamburg verliert. Obwohl sie der Polizei eine Verdächtige beschreiben kann, ermittelt diese erst einmal in Richtung Familie, Bekannte und Geschäftspartner, ungeachtet der Tatsache, dass sich hier schon früh ein neofaschistischer Hintergrund andeutet. Erst als der Vater des Neo-Nazis André Möller einen entscheidenden Hinweis gibt, nimmt die Polizei seinen Sohn mitsamt seiner Frau Edda fest und es kommt zum Prozess. Obwohl nicht explizit im Film genannt, wurde Regisseur Fatih Akin hier ganz offensichtlich von den NSU-Prozessen inspiriert.

Der mittlere Teil beschreibt ausführlich die Gerichtsverhandlung und ihren enttäuschenden Ausgang. Nicht zuletzt der Mitwirkung von Ex-Jurist Hark Bohm am Drehbuch ist es wohl zu verdanken, dass es dem Film gelingt, das Versagen der Justiz ohne Schuldzuweisungen plausibel zu machen. Zurück bleibt eine Protagonistin, die nicht nur ihre Liebsten, sondern auch den Prozess um die Bestrafung der Täter verloren hat.

Ähnlich wie in Ferdinand von Schirachs Theaterstück „Terror“ wird hier die Diskrepanz zwischen einer dem Gesetz verpflichteten Rechtsprechung und dem Rechtsempfinden des Einzelnen in den Blick genommen. Gleichzeitig wird Katja zur Projektionsfläche und zum Sprachrohr der zahllosen Opfer rechter Gewalt, die in den Medien und der öffentlichen Wahrnehmung im Verhältnis zu den Tätern nur eine untergeordnete Rolle spielen. Sie fühlt sich verzweifelt und allein gelassen mit ihren Gefühlen der Trauer, Wut und Hilflosigkeit. Doch sie ist nicht bereit, zu resignieren und schmiedet Rachepläne.

Das liegt zwar einerseits auf der Hand, hat aber auch den bitteren Beigeschmack der Selbstjustiz. Dass diese dem Film nicht zum Verhängnis wird, liegt an Akins chronologischer und stets plausibler Erzählweise, immer streng aus der Sicht der Opfer, vor allem aber an der bewegenden schauspielerischen Leistung seiner Hauptdarstellerin Diane Kruger, die hier erstmals in deutscher Sprache dreht und sich auf Anhieb in die Herzen des Publikums spielt.

Vor allem die Auslandspresse honorierte in Cannes, dass in diesem Spielfilm endlich einmal – neben der kontinuierlichen Bewältigung des Nationalsozialismus – auch das aktuelle Problem neofaschistischer Gewalt und deren Verfolgung durch Polizei und Justiz engagiert und spannend angepackt wurde. Fatih Akin hat – offensichtlich mit großer Wut im Bauch – ein kontrovers diskutiertes Werk geschaffen, das zum Nachdenken anregt und zur Diskussion auffordert.

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