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Der Hochzeitsschneider von Athen

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Der Hochzeitsschneider aus Athen - 2021 poster
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Erfrischend altmodisch: Das Langfilmdebüt der jungen griechisch-deutschen Regisseurin Sonia Liza Kenterman ist nicht nur was für Fans der Schneiderkunst. In einer warmherzig kauzigen Komödie à la Jacques Tatí reflektiert sie darüber, was in unserer schnelllebigen modernen Welt alles droht auf der Strecke zu bleiben, und das vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise in Griechenland. Eine Liebeserklärung an das gute alte Handwerk und an den Mut zum Anderssein.

Nikos ist Herrenschneider in Athen. Er lebt und arbeitet mit seinem Vater in einem kleinen eleganten Laden, der früher einmal gut besucht war. Doch während Nikos sich bemüht, den Laden in tadellosem Zustand zu halten, und jeden Morgen pünktlich auf die Minute herausgeputzt und zu allem bereit hinter der Theke steht, kommt kaum noch jemand herein. Als sein Vater auch noch einen Schwächeanfall erleidet und ins Krankenhaus kommt, wird es eng: Geld für die Medikamente muss her, die Bank droht ohnehin schon damit, den Laden zu pfänden. Zusammen mit seiner einzigen Freundin, einem kleinen Mädchen aus dem Nachbarhaus, kommt er auf eine Idee. Er baut sich einen fahrbaren Verkaufsstand und bringt seine Anzüge dorthin, wo die Leute sind – auf den Markt. Doch kaum jemand kann sich Alltagskleidung von dieser Qualität noch leisten. Wonach es aber eine große Nachfrage gibt, sind ausgefallene Hochzeitskleider. Der Zufall will es, dass die Mutter seiner kleinen Freundin, die russische Einwanderin Olga, sich darauf versteht, Kleider zu nähen. Kurzerhand stellt er sie ein und bald tingelt er mit seinem Stand von Nachbarschaft zu Nachbarschaft und erfüllt zahlreichen jungen Bräuten Träume aus Rüschen, Spitze und Flitter…

Und bei alledem wird kaum ein Wort gesprochen. Spätestens hier offenbaren sich Vorbilder wie Tatí und Chaplin, an die die liebenswert aus der Zeit gefallene Hauptfigur, die sich am besten mit Kindern versteht, ohnehin gemahnt (man denke etwa an „Mon Oncle“ oder „The Kid“). Das Wesentliche ereignet sich hier nicht in Dialogen, sondern in einem pointierten, fast comicartigen Bühnenbild und raffinierten Nahaufnahmen von Gefühlsregungen auf dem starken Gesicht des Hauptdarstellers und von all den kleinen Dingen, die ihn in seinem Alltag umgeben. Was er auch tut, wir sehen es wie unter einer Lupe – und dasselbe gilt für den Ton: Sämtliche Geräusche, vom Arbeiten in seiner Werkstatt bis hin zu den zarten Klängen von Stoff und Sonnenlicht, werden ins Gewaltige vergrößert, entwickeln ein Eigenleben, einen Rhythmus, und münden schließlich nahtlos in eine Filmmusik, die sich wie von selbst aus ihnen ergibt (hier erinnert der Film zuweilen an den Amélie-Schöpfer Jean-Pierre Jeunet). All das ist großes Kino-Handwerk alter Schule und hebt damit den wehmütigen Blick auf das altmodisch Handgemachte, das Langsame aber eben Liebevolle, von dem hier erzählt wird, gekonnt auch auf die formale Ebene. Ein rundum vielversprechendes Debüt.

 

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