Ein Dorf zieht blank

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Ein Dorf zieht blank - 2017 Filmposter

„Ein Dorf zieht blank“ vom Drehbuchautor und Regisseur Philippe Le Guay ist auf den ersten Blick eine weitere seichte Franzosenkomödie, die niemandem weh tut und quasi eine sichere Bank im Arthouse-Segment ist. Auf den zweiten Blick bietet er jedoch weit mehr als der „sexy“ Titel vermuten lässt. Es geht um Solidarität und das Darben der Landwirtschaft in Zeiten, in denen ein Kilo Fleisch so viel kostet wie eine Packung Klopapier. Hinzu kommen ein engagiertes Ensemble und eine runde, angenehm simple Erzählweise.

Georges Balbuzard (François Cluzet), Bürgermeister einer winzigen Gemeinde in der Normandie und nebenher Landwirt, beschwört die „rissigen, erdigen Hände der Bauern“ und meint: „Jahrhundertelang ernährten wir das Land und jetzt verhungern wir!“ Mit derlei Ansprachen will Balbuzard den Kampfgeist der ansässigen Bauern wecken und den Zusammenhalt in der Dorfgemeinschaft anstacheln. Schließlich darben die örtlichen Bauern allesamt am maroden Zustand der Landwirtschaft und leben – mit Schulden bei der Bank und drohenden Landenteignungen im Nacken – von der Hand in den Mund.

Die ziemlich letzte Chance sieht der politische Landwirt Balbuzard in einem Deal mit dem New Yorker Starfotografen Newman (Toby Jones), der für Massenaktfotos bekannt ist, bei denen er hunderte nackte Menschen in bestimmten Kulissen inszeniert. Der Fotokünstler schlägt zufällig in der Gemeinde auf und verliebt sich in das „Chollet-Feld“, wo er sein neustes Foto mit den ansässigen Dörfler/innen schießen will. Da seine Werke um die Welt gehen, wäre das eine Möglichkeit, auf die Lage der örtlichen Landwirtschaft aufmerksam zu machen. Doch davon muss Balbuzard seine Mitbürger erstmal überzeugen. Die finden das, was er als Protestaktion à la Femen versteht, nämlich anrüchig.

Dass der Film nie langweilt, liegt allein schon an den zahlreichen, gut geschriebenen Dialogen, die das Ensemble lebendig rüberbringt. Bis in die Nebenfiguren hinein – erwähnt sei hier der „schöne Vincent“ – bleibt es glaubwürdig, menschlich, sozusagen gehaltvoll. Es geht um gemeinschaftlichen Zusammenhalt und die Frage, was getan werden kann, damit die traditionelle, kleine Landwirtschaft nicht vor die Hunde geht. In erster Linie liefert die sozial engagierte Komödie Unterhaltung mit einem gesellschaftlichen Anliegen. Das Skript und die Regie von Philippe Le Guay erzeugen einen nie stockenden Flow mit interessanten Übergängen zwischen den Szenen und vielen Charakteren, von denen jede/r Einzelne ein glaubhaftes Profil erhält. Die Figurenskala reicht von „verbittert“ über „erzkonservativ“ und „eifersüchtig“ bis hin zu „hoffnungsvoll“, „pragmatisch“ oder „tatkräftig“.

Bereits durch den Schauplatz in der Normandie bricht sich auch die Historie Bahn. Das Zimmer eines Weltkriegsgenerals befindet sich noch im Originalzustand, ein im Film relevanter Erbstreit reicht bis ins Mittelalter zurück, der einst blühende örtliche Fotoladen hat die Digitalisierung nur als Schatten seiner selbst überlebt. Immer wieder rückt Le Guay das Chollet-Feld ins Bild: morgens, mittags, abends, im Sonnenschein, im Nebel und als Begierde des Fotografen.