Florence Foster Jenkins
Großbritannien, Frankreich | 2016 | FSK TBA

Eigentlich wollte der britische Schauspieler Hugh Grant keine Hauptrollen mehr annehmen. Die Aussicht, mit Meryl Streep drehen zu können, hat ihn jedoch so beflügelt, dass er seine Meinung änderte. Zum Glück: In FLORENCE FOSTER JENKINS, Stephen Frears Biopic über die gleichnamige, als schlechteste Opernsängerin aller Zeiten in die Geschichte eingegangene New Yorker Millionärin, erleben wir ihn gut wie nie und mit seiner mehrfach mit dem Oscar prämierten Kollegin auf Augenhöhe. Frears Inszenierung bietet nicht nur Vergnügen auf hohem Niveau, sondern auch einen interessanten Vergleich zu Xavier Giannolis 2015 in unseren Kinos gezeigtem Film Madame Marguerite oder die Kunst der schiefen Töne, einer ins Frankreich der 1920er Jahre verlegten Bearbeitung des gleichen Stoffes mit Catherine Frot in der Hauptrolle.
Die 1868 geborene Florence Foster Jenkins ist bis heute ein Phänomen. Unstrittig ist nach wie vor, dass sie absolut nicht singen konnte und keinen Ton richtig traf. Dies hielt sie jedoch nicht davon ab, vor Publikum aufzutreten, beseelt von einer Leidenschaft für Musik und Oper und im Glauben, ihr lieblicher Gesang ließe die Herzen ihrer Zuschauer schmelzen. Der Erfolg gab ihr schließlich recht. Ihre handverlesenen Privatkonzerte – in der Regel für einen guten Zweck und vor streng ausgewähltem Publikum – waren stets ausverkauft, die Resonanz hervorragend. Noch bis heute verkauft sich ihre 1944 entstandene einzige Schallplattenaufnahme besser als die manch anderer zeitgenössischer Künstler. Ihr im gleichen Jahr erfolgtes legendäres ausverkauftes Konzert in der Carnegie Hall ging in als das Konzert mit dem bis dato schnellsten Ticketverkauf aller Zeiten in die Annalen des Hauses ein. Wie konnte es dazu kommen?
Die aus reichem Hause stammende selbst ernannte Operndiva, von ihrem Vater nach seinem Tod mit einem beträchtlichen Vermögen ausgestattet, ist schon seit ihrer Kindheit ein leidenschaftlicher Fan der Schönen Künste. Ihr Wunsch, Opernsängerin zu werden, erscheint ihren Eltern nicht standesgemäß. So flüchtet sie sich bereits mit 16 in eine Ehe, die mit einem Desaster endet. Ihr Mann steckt sie mit Syphilis an, was sie nicht nur zur Einnahme toxisch wirkender Medikamente, sondern auch zu einem unkonventionellen Arrangement mit ihrem zweiten Lebenspartner und Manager St. Clair Bayfield (Hugh Grant), einem nur leidlich erfolgreichen Shakespeare-Darsteller, zwingt. Aus Angst, ihn anzustecken, mietete Florence ihm eine eigene Wohnung, in der er seine sexuellen Bedürfnisse mit Prostituierten ausleben konnte, tatsächlich aber ohne ihr Wissen mit einer festen Geliebten lebte.
Meist jedoch ist er unermüdlich im Einsatz für Florence, was wahrlich kein einfaches Unterfangen ist. So arrangiert er die Konzerte des von ihr gegründeten Verdi-Clubs, eine Art musikalischer Salon, in dem sie ihre Opernleidenschaft zelebrieren und zugleich junge Musikschaffende unterstützen kann. Dies wächst sich zu einer wahren Herausforderung aus, als sich Florence in den Kopf setzt, ihre Gesangsstunden aufzufrischen, um selbst verstärkt vor Publikum aufzutreten. Denn ihr Gesang kann leider in keinster Weise mit ihrer Musikleidenschaft mithalten – im Gegenteil, er ist so schrecklich schief, dass ihre Zuhörer hin- und hergerissen sind zwischen sich vor Lachen biegen und Reißaus nehmen, was sie mit Applaus und Pfiffen quittieren, die Florence als frenetische Begeisterung missdeutet.
Um Schlimmeres zu verhüten, engagiert Bayfield einen jungen mittellosen Pianisten (sympathisch und leicht überdreht: Big-Bang-Theory-Star Simon Helberg), der Florence die gleiche Begeisterung über ihr vermeintliches Talent vorspielt wie die später mit Geld bestochenen Konzertbesucher. Von so viel Zuspruch immer weiter angespornt, nimmt das Desaster seinen Lauf, als Florence 1944 beschließt, die legendäre 3.000 Plätze fassende Carnegie-Hall zu mieten, um dort ihre nun vermeintlich perfektionierten Sangeskünste zu präsentieren und zu allem Überfluss auch noch 1.000 Tickets an US-Soldaten im Weltkriegseinsatz verschenkt.
Während sich in MADAME MARGUERITE bei aller unfreiwilligen Komik noch die Tragik einer sich einsam und von ihrem Gatten ungeliebt fühlenden Frau in den Vordergrund schob, geht Frears den Stoff mehr von der komödiantischen Seite an, stellt seiner Protagonistin Bayfield als sie platonisch liebenden und loyalen Partner an die Seite, der sie – mit Ausnahme seiner heimlichen festen Liaison – vorbehaltlos unterstützt. Souverän wie immer verleiht Meryl Streep ihrer Rolle die nötige Ambivalenz, lässt ihre wahre Begeisterung für die Musik ebenso durchscheinen wie ihre Eitelkeit, aber auch ihre Verzweiflung über ihre Krankheit, die ihr ein normales Eheleben unmöglich macht. Und ein weiteres Mal überrascht sie uns mit ihren Sangeskünsten – wenn auch diesmal anders als gewohnt. Vor allem aber Hugh Grant mit seinem nuancierten und facettenreichen Spiel ist es, der den Film trägt.


