I, Tonya 2017 Filmposter

I, Tonya

Sie mögen weder Biopics noch Dokumentationen und Eiskunstlauf schon mal gar nicht? Dann ist Craig Gillespies „I, Tonya“ vielleicht doch genau der richtige Film für Sie, auch wenn dort das Leben der Eiskunstläuferin Tonya Harding im Mittelpunkt steht. Jedenfalls lassen das die vielen begeisterten Kommentare von Usern in verschiedenen Film-Foren vermuten, die das Werk trotz eigener ähnlicher Vorbehalte gesehen und nach Sichtung zu ihrem Lieblingsfilm des Jahres gekürt haben. Denn der Aufstieg und Fall der seit einem Attentat auf ihre Konkurrentin Nancy Kerrigan als „Eishexe“ in die Annalen eingegangene Spitzenathletin wird als rabenschwarze Satire erzählt, die das Scheitern des Amerikanischen Traums an einem der größten Skandale der Sportgeschichte spiegelt.

Anfang der neunziger Jahre gehört Tonya Harding zu den besten Eiskunstläuferinnen der Welt. Als erste US-Amerikanerin steht sie den sogenannten dreifachen Axel, einen der anspruchsvollsten Figuren auf dem Eis, und kombiniert ihn sogar mit anderen Sprüngen. Damit wird sie nicht nur amerikanische Meisterin, sondern zur großen Olympiahoffnung.
Doch Tonya hat ein Manko. Sie gehört zur weißen, ungebildeten und mittellosen Unterschicht, für die der Amerikanische Traum nicht vorgesehen ist. Trotz ihrer herausragenden Leistungen wird sie oft schlechter bewertet als die anderen. Ihre burschikose Art, ihre eigenwilligen selbst geschneiderten Kostüme, ihr Einsatz von Heavy Metal als Kürmusik – alles dies ist den Preisrichtern ein Dorn im Auge, entspricht es doch so gar nicht dem Ideal der niedlichen Eisprinzessin, das ihnen vorschwebt und von Tonyas amerikanischer Konkurrentin Nancy Kerrigan so idealtypisch verkörpert wird.
Tatsächlich ist das Leben der Außenseiterin alles andere als prinzessinenhaft. Ihre Mutter LaVona (großartig furchterregend: Allison Janney) schlägt und drangsaliert sie, der Vater sucht bald das Weite, und auch als sie heiratet, entkommt sie nicht dem Kreislauf von Gewalt und Missbrauch. Das Eislaufen bleibt für sie die einzige Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen und Glück zu empfinden, wenn das Publikum ihr zujubelt und ihre Leistungen anerkennt. Doch als ihr Mann Jeff Gillooly jemanden anheuert, der verhindern soll, dass Nancy Kerrigan bei den US-Meisterschaften 1994 antreten kann, nimmt das Unglück seinen Lauf.

„I, Tonya“ – mal brüllend komisch, mal zutiefst verstörend – funktioniert als Gesellschaftssatire ebenso wie als Charakterstudie, ist Drama und Komödie, Biopic und Mockumentary gleichermaßen. Gillespie kombiniert geschickt Rückblenden mit (fiktiven) Interviewsequenzen mit den Protagonisten, die auf tatsächlich geführten Interviews beruhen. Jeder hat dabei seine eigene Version der Wahrheit, und der Zuschauer muss selbst entscheiden, wem er glaubt. Doch vor allem Margot Robbie, die auch mitproduzierte, verkörpert ihre Figur so vielschichtig und glaubwürdig, dass unsere Sympathien klar bei ihr liegen. Sie ist hier weder Unschuldslamm noch Hexe, sondern letztlich eine talentierte und eigenwillige Sportlerin mit der Sehnsucht nach Anerkennung und Erfolg. Doch die sie prägende Kaltherzigkeit ihrer Umgebung und die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen Gewalt und Verrohung wie selbstverständlich zum Alltag gehören, lassen ihr keine Chance. Ein gerade in heutigen (Trump-)Zeiten nicht nur in den USA nach wie vor hochaktuelles Thema.

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