Irina Palm
Frankreich, Großbritannien, Belgien, Deutschland, Luxemburg | 2007 | FSK 12

2007 auf der Berlinale umjubelt, trat IRINA PALM seinen Siegeszug um die Welt an – vor allem Dank der grandiosen schauspielerischen Leistung von Marianne Faithfull. Der große Erfolg ihrer ersten Hauptrolle gab auch den Anstoß, wieder als Sängerin auf Welttournee zu gehen. Jetzt ist die einstige Lebensgefährtin und Muse von Mick Jagger im Alter von 78 Jahren gestorben. Aus diesem Grund zeigen wir noch einmal Sam Gabarskis zu Herzen gehende Tragikomödie über eine Rentnerin, die in einem Londoner Sexclub anheuert, um Geld für die medizinische Behandlung ihres Enkels zu verdienen.
„Hostess gesucht“, verkündet das Schild am Eingang einer Rotlicht-Bar in Soho. Die verwitwete Maggie hat keinen Schimmer, was sich hinter diesem Jobangebot verbirgt – aber sie braucht dringend Geld für die medizinische Behandlung ihres Enkels, dessen Leben nur durch eine Behandlung im fernen Australien gerettet werden kann. Doch die ist teuer und übersteigt bei weitem die finanziellen Mittel seiner Eltern. Und so bewirbt sich Maggie kurz entschlossen bei Miki, dem verblüfften Besitzer des Etablissements, der sich ganz gegen seine Gewohnheit von so viel herzerfrischender Naivität überrumpeln lässt und Maggie versuchsweise in seine Dienste nimmt.
Der Job ist im Grunde genommen einfach: Gleitmittel auf die Handflächen und erst langsam, dann langsam schneller reiben – und fertig: der Nächste bitte. Ein Loch in der Wand macht es möglich. „Wenn sie nach fünf, sechs Minuten nicht kommen, dann komme ich“, macht Miki Maggie unmissverständlich klar. Doch überraschend erweist sich deren rechte Hand als höchst begabt: Schon bald genießt Maggie unter dem Künstlernamen „Irina Palm“ in einschlägigen Kreisen einen legendären Ruf. ‚The Wanking Widow‘, lautet bald ihr Spitzname und die Schlange im Club wird länger und länger.
Ihr überraschender Erfolg ruft nicht nur die Konkurrenz vom Club nebenan auf den Plan, sondern hat auch Auswirkungen auf das Selbstbewusstsein der zu Beginn eher verhärmt und unsicher wirkenden Mitfünfzigerin. So findet sie den Mut, ihr ‚Geheimnis‘ zu Hause in ihrem Londoner Vorort vor ihren Nachbarinnen zu lüften und ihren neuen Job auch vor ihrer entsetzten Familie zu verteidigen. Und ganz unverhofft bietet sich auch noch die Aussicht auf eine neue Liebe – an einem Ort, wo man sie am allerwenigsten vermutet.
Herzergreifende Tragik und erfrischende Komik gehen in IRINA PALM eine gelungene Mischung ein, aber der emotionale Kern ist die Figur der Maggie und ihre kongeniale Darstellung durch Marianne Faithful. Die britische Pop-Ikone, zuletzt auf der Bühne als Teufel in Robert Wilsons ‚Black Rider‘ und im Kino als Maria Theresia in ‚Marie Antoinette‘ zu sehen, verkörpert hier eine mutige Frau in den besten Jahren, die sich nicht unterkriegen lässt. Für diesen Emanzipationsprozess findet Gabarski (Der Tango der Rashevskis) bewegende, atemberaubende und zum Teil unglaublich komische Szenen. Etwa wenn Maggie sich allmählich heimelig einrichtet an ihrer neuen Wirkstätte, eine Wickelschürze trägt, eine Thermoskanne und Tupperdosen zur Arbeit mitbringt, das Familienfoto an die Wand hängt und den Tisch mit Blümchen in der Vase dekoriert.


