La Grazia
Italien | 2025 | FSK TBA
Coppa Volpi, Venedig 2025

Zum dritten Male verkörpert Toni Servillo den italienischen Ministerpräsidenten in einem Film von Paolo Sorrentino, und dieses Mal gewann er in Venedig die 'Coppa Volpi' als bester Schauspieler. Er ist Sorrentinos Lieblingsschauspieler und war schon bei seinem internationalen Durchbruch mit IL DIVO (2008) dabei. Damals spielte er den italienischen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti, später in LORO auch Silvio Berlusconi. Die italienische Politik zieht sich wie ein roter Faden durch Sorrentinos Schaffen, und so kann man sein neues Werk LA GRAZIA als sein Alterswerk auffassen, ein Meisterwerk und irgendwo auch ein Vermächtnis.
In Anlehnung an Sorrentinos typische Mischung aus Satire, Politik und Selbstbeobachtung spielt Servillo die Rolle seines Lebens, den fiktiven Staatspräsidenten Mariano De Santis. Ähnlich wie der Star-Reporter in LA GRANDE BELLEZZA, der im lärmenden Rom nach Orten der Stille und Kontemplation sucht, spürt De Santis in einem korrupten Politikbetrieb nach den Werten, die unser Zusammenleben einmal bestimmt haben.
Es sind die letzten sechs Monate seiner Amtszeit, in der er es mit einem moralisch komplexen Begnadigungsgesuch zu tun hat: Ein Mann hat seine langjährige Ehefrau umgebracht. Sie hatte Alzheimer im Endstadium und der Täter gibt „Liebe“ als Motiv an. Ist es Mord oder Sterbehilfe, die in Italien auch strafbar wäre? De Santis, von zuhause aus Jurist, fragt seinen Freund, den Pabst, der Sterbehilfe strikt ablehnt, während seine Tochter, die in seine Fußstapfen als Juristin treten will, Euthanasie befürwortet. “Am Anfang folgen die Kinder ihren Eltern, dann gehen sie eigene Wege und am Ende folgen die Eltern den Kindern“, resümiert De Santis, am Ende seiner Karriere angelangt.
Während Servillo diese Rolle mit stoischer Grandezza und höflicher Bestimmtheit spielt, gelingen Sorrentino kongeniale Bilder und Metaphern. So bringt sein Lieblingspferd, dem er den Gnadenschuss verweigert, seinen Konflikt um die Sterbehilfe auf den Punkt. Später ist er völlig fasziniert von den Bilder einer Live-Schalte zu einem italienischen Astronauten auf einer Raumstation. Obwohl der Ton ausgefallen ist, steht er gebannt vor dem Übertragungsbild und bewundert die Schwerelosigkeit des Astronauten. Ein Zustand, den er sich wohl auch wünscht: dass alle Last des Amtes von ihm abfalle und kein äußerer Druck mehr sein Leben belaste.
Waren Sorrentinos Porträts des italienischen Staatspräsidenten bisher als Kritik an der italienischen Politik zu verstehen, so erscheint der fiktive De Santis wie Sorrentinos Wunschvorstellung eines italienischen Ministerpräsidenten. Er ist alt, weise, vielleicht auch ein wenig amtsmüde, doch er denkt immer noch zuerst an das Wohl seiner Bürger und versucht, gerechte Entscheidungen zu treffen. Bei dem Versuch konservative Werte zu bewahren, wird er gelegentlich von den modernen Zeiten überholt. Dann fühlt er sich wie auf einem Abstellgleis geparkt und ist bereit, den Staffelstab der Macht an eine jüngere Generation zu übergeben. Das alles tut er mit einer Grandezza, wie man sie nur aus einem Italien kennt, das es wohl nur in Sorrentinos Kopf gibt.


