VorschauSTART | 20.10.2026

Liebhaberinnen

Berlinale 2026 (Forum)

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Koxis „Liebhaberinnen“ war neben Ulrike Ottingers „Die Blutgräfin“ der zweite Film im Programm der Berlinale 2026, der auf Texten der notorisch unruhestiftenden Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek basierte. Vampirisch geht es gewissermaßen auch hier zu: Die gleichermaßen angriffslustige Adaption arbeitet sich an den leider nach wie vor wirksamen patriarchalen Disziplinierungs- und Ausbeutungsformen im Spätkapitalismus ab, die Frauen den Lebenssaft auswringen.

„wenn einer ein schicksal hat, dann ist es ein mann. wenn einer ein schicksal bekommt, dann ist es eine frau.“ heißt es bereits in Jelineks Vorlage von 1975, in der sie paradigmatisch nachstellt, in welch limitierten (Un)Möglichkeitsräumen Frauen agieren. Dass Frauen als Menschen zweiter Klasse behandelt werden, gilt tragischerweise auch 50 Jahre später, findet nicht nur Regisseurin Koxi, sondern belegen auch zahllose Fakten – vom Gender Pay Gap über politische Teilhabe bis hin zum Zugang zu Gesundheit und Bildung – sowie vieles mehr. Das Patriarchat ist nicht weg, es hat sich nur anders kostümiert. Es drillt Frauen jetzt durch die Bildschirme mobiler Endgeräte und zwingt sie in Konkurrenz zueinander.

Brigitte jedenfalls, hier dargestellt von der betont trocken gegen das sie von allen Seiten überrollende Pech anspielenden Johanna Wokalek, will nicht einfach nur ein Schicksal bekommen. Sie will Agens ihres Glückes sein! Im Roman ist Brigitte eine glücklose, unverheiratete Näherin – und mit zunehmendem Alter für den begierigen Blick männlicher Lustmolche bereits nah am „Verfallsdatum“. Hier darf sie nun als Messehostess mit Fake-Lächeln Messekunden bezirzen und grabschende Hände auf ihr in einen zu engen Rock gezwängtes Gesäß erdulden. Unterkühlte Bilder fangen ihren permanenten Struggle ein, zwischen existenzieller Geldnot, Fitnessstudio, morgendlichem Shift-Briefing, männlicher Übergriffigkeit und Lifecoachingseminar die Fassung zu wahren. Brigitte schleppt sich mit fast schon roboterhafter Sturheit von Situation zu Situation, immer nur ein Haarbreit vom Zusammenbruch entfernt. Für einen Zusammenbruch hat sie allerdings keine Zeit. Kleine Oasen der Zerstreuung sind die im Hochformat eingeblendeten Reels von Teenagerin Paula (Hannah Schiller), die erkannt zu haben meint, dass das laszive Zurschaustellen ihres minderjährigen Körpers für ein männliches Online-Publikum ihr Fahrtticket aus dem verhassten, tristen Dorfleben sein könnte.

Im Gegensatz zu Jelinek, die ihre Figuren als satirisch überformte Schablonen anlegt und diese beispiellos runterbuttert, formt Koxi Brigitte und Paula zu dreidimensionalen Menschen, denen sie trotz reichlich Zynismus auch mit spürbarer Empathie begegnet. Darüber hinaus gelingt ihr auch der mediale Transfer von Jelineks sprachlicher Experimentierlust in formale Spielereien: etwa mit den Bildformatwechseln zu Paulas TikTok-Livestream oder, wenn sie Brigitte die bewusst hölzern zugespitzten Sätze aus der Textvorlage auf die Zunge legt. Spätestens, wenn Brigitte sich dann an das millionenschwere Muttersöhnchen Heinz ranmacht, um ihrer Misere zu entfliehen, werden auch die Kalauer zunehmend derber. Nicht selten wird aus einem Lachen dann ein Würgen. „Liebhaberinnen“ ist ein bemerkenswertes Debüt mit lässig-eigenwilliger Handschrift, das die Absurdität einer toxisch-männlich dominierten Welt karikiert; einer brutalen Welt, die Frauen systematisch ausbeutet und gegeneinander in Stellung bringt.