VorschauSTART | 22.09.2022

Mittagsstunde

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Mittagsstunde - 2022
Vorführungen
Cinema
  • So25.09.
  • Mo26.09.
  • Di27.09.
  • Mi28.09.
  • Do29.09.
  • Fr30.09.
  • Sa01.10.
  • So02.10.
  • Mo03.10.
  • Di04.10.
  • Mi05.10.
  • Do06.10.
Informationen

Anders als Josef Bierbichler in seiner Familienchronik ZWEI HERREN IM ANZUG erzählt Lars Jessen (FRAKTUS) in dieser Romanverfilmung aus dem Norden nicht bajuwarisch ausladend, sondern friesisch verkürzt. Die Menschen hier machen nicht viele Worte, und so hält es Jessen auch mit seinem Film, er erzählt nichts aus, deutet nur an und lässt die Dinge für sich selbst sprechen.

Charly Hübner spielt jedenfalls beeindruckend jenen Ingwer Feddersen, der in Kiel in einer Dreierbeziehung mit einer Frau und einem Mann lebt und sich eines Tages überraschend  in sein Heimatdorf aufmacht, um nach seinen “Olen” zu sehen. Die sind schon reichlich tüdelig, steuern auf ihre Gnadenhochzeit zu und kommen immer schlechter klar. Dabei hält Sönke Feddersen, de Ole, immer noch hinter dem Tresen seines Dorfkrugs die Stellung, während seine Frau immer mehr den Verstand verliert. So wird Ingwer auch nicht gerade mit offenen Armen empfangen, vielmehr steht der unausgesprochene Vorwurf im Raum, dass er sich längst um seine Olen hätte kümmern müssen. Überhaupt zieht eine gewisse nordische Kälte durch diesen Film, doch Ingwer stört das kaum, manchmal merkt er es nicht mal, vielmehr erinnert ihn das an seine Kindheit, wo das auch alles schon so war.
Dagegen ist in seinem Heimatdorf kaum etwas wiederzuerkennen: Es gibt keine Schule und keinen Bäcker mehr, die Kastanienallee und der Kiosk sind auch weg und auf den Feldern wächst nur noch Mais. Die Störche nisten hier schon lange nicht mehr. Den Anfang dieses Niedergangs hat Ingwer noch mitbekommen, als in den 60er Jahren die Landvermesser kamen und die große Flurbereinigung planten, die aus seinem Heimatdorf eine Art Autobahn-Raststätte gemacht hat – gut zu erreichen, aber zum Verweilen lädt hier nichts ein. Er schaut auf das Dorf und die Menschen seiner Kindheit mit einem gewissen Abstand und dem Blick eines erwachsenen Mannes, der nicht die Kneipe seines Vaters übernommen, sondern an der Hochschule Karriere gemacht hat. So gräbt der Herr Professor in seiner Vergangenheit und kann hinter der Mauer des Schweigens doch einiges in Erfahrung bringen, was auch seine eigene Identität verändert.
Charly Hübner spielt diesen über weite Strecken passiven und nur beobachtenden Helden mit typisch nordischem Gestus. Nur mit Blicken, Gesten und Körperhaltungen stellt er die komplexen Familienverhältnisse dar, die unter der Oberfläche brodeln und erzeugt so eine Spannung, die uns den Atem nimmt. 

“Wir mussten in den Dörfern, wo wir gedreht haben, die stark befahrenen Straßen sperren und wieder in ihren alten Zustand zurückbauen.” erzählt Regisseur Lars Jessen und berichtet von seinem Eindruck, dass sich die Menschen dadurch zurückversetzt fühlten in eine Zeit, wo die Kinder noch gefahrlos auf der Straße spielen konnten und sich das dörfliche Leben vor der Haustür abspielte – beim Schnack auf dem Feld, beim Bäcker  oder in der Kneipe. Überhaupt gelingt es Jessen in dieser Verfilmung des Bestsellers von Dörte Hansen nicht nur den Zerfall dieser Dorfkultur mit leiser Melancholie nachvollziehbar zu machen, er bringt uns auch das Naturell dieses Menschenschlags, der sich nicht unbedingt für einen Film eignet, mit großem Einfühlungsvermögen nahe. Dabei sind Detailgenauigkeit, Sprache und auch Sprachlosigkeit seine Hilfsmittel. Sie stellen eine Authentizität her, die nachhaltig beeindruckt und uns eine Geschichte erzählt, die diesen Typ Mensch in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt.

 

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