Silent Friend
Deutschland, Ungarn, Frankreich | 2025 | FSK 6
ausgezeichnet in Venedig 2025

Eine außerordentlich positive Resonanz und gleich zwei Preise konnte der international produzierte Wettbewerbsbeitrag SILENT FRIEND auf dem letzten Filmfestival in Venedig für sich verbuchen. Nun kommt das viel gelobte und mit Spannung erwartete Werk in unsere Kinos.
Der aus Wong Kar-Wais IN THE MOOD FOR LOVE bekannte Tony Wong spielt hier erstmals in einem europäischen Film, mit dabei ist auch Bond-Girl Lea Seydoux. Der eigentliche Hauptdarsteller ist jedoch ein uralter Ginkgo-Baum, der im botanischen Garten der Universität Marburg und gleichzeitig im Zentrum einer Geschichte aus drei Zeitsträngen steht, die 112 Jahre umfassen.
Dabei wählt die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi in jeder der drei Ebenen eine andere visuelle Form. Während die Jetztzeit in digitalen Bildern eingefangen wird, wählt sie ein körniges 16 Millimeter-Format für die siebziger Jahre und ein kühles Schwarz-Weiß für die Zeitebene Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Zeitebenen werden nicht linear erzählt, sondern kunstvoll miteinander verflochten.
Im Jahr 2020 hat es einen chinesischen Neurowissenschaftler aus Hongkong in das pittoreske Universitätsstädtchen verschlagen. Er forscht zum Thema Gehirnfunktionen von Babys, sieht sich aber plötzlich von der Corona-Pandemie ausgebremst und findet sich allein mit einem misstrauischen Hausmeister in einer leeren Uni wieder. Der Ginkgo erweckt sein Interesse und bald richtet sich sein Forscherdrang auf Fragen wie „Haben Pflanzen eine Art Wahrnehmung?” “Können sie Gefühle entwickeln?“ Gemeinsam mit der renommierten Botanikerin Dr. Alice Sauvage begibt er sich auf die Suche nach den Antworten.
Ähnliche Fragen stellt sich 1972 die Biologiestudentin Gundula und beginnt mit einer Geranie ein interessantes Experiment. Dabei spannt sie auch ihren schüchternen Kommilitonen Hannes ein, dem sie während zahlloser Gespräche im Garten unter dem Ginko näher gekommen ist. Während ihres anstehenden Auslandsaufenthalts soll er auf ihr Studienobjekt aufpassen und ihr Experiment mit einer selbstgebauten Konstruktion fortsetzen. Mehr und mehr wird Hannes in den Bann der Pflanze gezogen…
Schließlich springt der Film in einem dritten Erzählstrang zurück in das Jahr 1908, als die erste weibliche Studentin an der Universität Marburg angenommen wird. Die junge Grete muss jedoch schon einiges an Chuzpe an den Tag legen, um sich bei der arroganten Professorenschaft durchsetzen zu können. Als sie wegen eines nächtlichen Aufenthalts im Botanischen Garten nachts nicht nach Hause kommt, wird sie von ihrer strengen Zimmerwirtin hinausgeworfen und findet Unterschlupf bei einem Fotografen, der sie in die Kunst dieser neuen Technik einführt. Bald findet sie heraus, wie sich mit deren Hilfe die Strukturen von Pflanzen optimal darstellen lassen.
Auch wenn der Film gelegentlich ein wenig zu sehr ins Esoterische abdriftet, schafft er es, eine ganz eigene Magie zu entfalten. So zum Beispiel, wenn die Kamera die Äste des Ginko-Baumes entlang gleitet oder die feinen Linien eines Pflanzenblattes zeigt. Unsere Wahrnehmung verschiebt sich und wir erkennen, dass Pflanzen sehr genau ihre Umgebung wahrnehmen können, während wir Menschen sie für komplett emotionslos halten.
Der von der Film- und Medienstiftung NRW geförderte Beitrag erhielt den FIPRESCI-Preis und den Marcello-Mastroianni-Preis für die Schweizer Schauspielerin Luna Wedler als beste Nachwuchsdarstellerin.


