Sterben

Silberner Bär für das Beste Drehbuch, Berlinale 2024

Infos Vorführungen

Sterben - 2024
Vorführungen
Atelier
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  • So21.07.
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  • Di23.07.
  • Mi24.07.
  • Do25.07.
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  • Mo29.07.
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Informationen

Trotz seines abschreckenden Titels und des düsteren Themas war Matthias Glasners STERBEN ein Höhepunkt der diesjährigen Berlinale und hielt sogar einige Lacher bereit. Dies verdankt er seinem zum Teil absurden Humor, der von brillanten schauspielerischen Leistungen seines Ensembles getragen wird, allen voran Corinna Harfouch und Lars Eidinger. Es ist einer der persönlichsten Filme des Regisseurs, wie er bei der Pressekonferenz erzählte, und speist sich aus Erinnerungen an seine Eltern. Das Drehbuch wurde mit einem Silbernen Bären belohnt.

Unterteilt in fünf Kapitel und einen Epilog steht die Familie Lunies im Mittelpunkt des Geschehens. Mutter Lissy kümmert sich um ihren dementen Ehemann, kann die Aufgabe aber kaum noch stemmen, leidet sie doch selbst an diversen Krankheiten und Beeinträchtigungen. Ihr Sohn Tom wohnt im fernen Berlin und ist beruflich wie familiär stark eingespannt. Er probt als Dirigent mit einem Jugendorchester die neue Symphonie seines depressiven Freundes Bernard, außerdem muss er sich um seine schwangere Ex-Freundin kümmern, deren Kind – wie seine Mutter lakonisch bemerkt – leider nicht von ihm ist. Vierter im Bunde ist Toms Schwester Ellen, die kaum Kontakte zur Familie hat. Die impulsive Zahnarzthelferin hat Alkoholprobleme und bändelt mit einem Kollegen an, der verheiratet ist und zwei Kinder hat.
Warum sind wir so, wie wir sind? Diese zentrale Frage bildet den Kern dieses berührenden Films, deren Beantwortung sich Glasner im Laufe der dreistündigen Laufzeit vorgenommen hat. Dabei konzentriert sich die Handlung zunächst auf die Konfrontation zwischen Mutter und Sohn, die in einer rund 20-minütigen Szene zwischen den beiden kulminiert, die es in sich hat. Schonungslos bekunden sie darin ihre gegenseitige Abneigung, ein schauspielerisches Glanzstück, das lange im Gedächtnis bleibt. Hier erweist sich einmal mehr Glasners Meisterschaft, unangenehme Dinge auszusprechen, die sonst lieber unausgesprochen bleiben, dem Zuschauer aber die Möglichkeit zur Identifikation geben.
Bei den Geschwistern Tom und Ellen treffen das apollinische und dionysische Prinzip aufeinander, doch die Konfrontation folgt erst recht spät. Erst im letzten Drittel taucht Ellen persönlich auf, während sie zuvor nur hin und wieder erwähnt wird, wird ihr nun ein eigenes Kapitel gewidmet. Glasner selbst attestiert ihr einen Drang zum Rausch und eine Sehnsucht nach Grenzerfahrung, die auch vor dem Tod nicht Halt macht. Diese Todessehnsucht teilt sie mit Toms Freund Bernard, der diesen wiederum mit einer Bitte vor eine existenzielle Entscheidung stellt.
Eine nicht unerhebliche Rolle im Film spielt auch die Musik. Der beeindruckende Score von Lorenz Dangel kommt hauptsächlich bei den Orchesterproben zum Stück zum Einsatz, das Tom als Dirigent einstudiert. „Mögen Sie das Stück, das wir hier gerade einstudieren?“ fragt der Komponist einmal die jungen Musikerinnen und Musiker und erhält die schonungslos ehrliche Antwort: „Nein, denn es gibt keine Hoffnung.“ Doch Tom kontert: „Das ist falsch – aber die Hoffnung liegt nicht im Stück selbst, sondern in der Tatsache, dass wir es spielen.“
Mit neun Nominierungen gehört STERBEN zu den aussichtsreichsten Kandidaten für den Deutschen Filmpreis in diesem Jahr, ein Preis, der ihm mit vollem Herzen zu gönnen ist.