The FavouriteIntrigen und Irrsinn

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The Favourite - 2018 Filmposter
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Selten ist gute Unterhaltung so scharfsinnig und originell: Der griechische Ausnahmeregisseur Giorgos Lanthimos („The Lobster“) hat auch ohne Kompromisse an den Mainstream seinen ersten großen Publikumsfilm in Szene gesetzt. Ganz im Sinne von Kubricks „Barry Lyndon“ und Peter Greenaways „Kontrakt des Zeichners“ gelingt ihm ein herrlich bissiger, postmoderner Kostümfilm, der den Kampf um Macht und Einfluss aus einer entschieden weiblichen Perspektive zeigt.

Wenn es um die politische Königsklasse geht, betrachtet man meist nur die männlichen Strategien kompromissloser Durchsetzungsfähigkeit. Dass fehlende Skrupel und kühle Berechnung keineswegs den Männern vorbehalten sind, konnte man dagegen schon in „House of Cards“ lernen – doch Lanthimos situiert seinen Film nicht im Hier und Heute, sondern am englischen Königshof zur Zeit von Queen Anne (Olivia Colman). Sie ging in die Geschichte ein als angeblich fette, ans Bett gefesselte und politisch handlungsunfähige Monarchin, die sich ausschließlich unter dem Einfluss ihrer Günstlinge befand. Eine chauvinistische Lesart, wie heutige Historiker feststellen, denn Anne legte auf ihre eigene Weise in vielerlei Hinsicht den Grundstein für die Blütezeit Großbritanniens im 18. Jahrhundert. Dieser Neubewertung schließt sich auch Lanthimos an und zeigt wie die oft deprimierte und unzufriedene Herrscherin im wahrsten Sinne des Wortes die Puppen tanzen lässt. Denn Teilhabe am höfischen Leben hat seinen Preis und die Motten im Licht der Herrschaft müssen Kreativität entwickeln um die Gunst der Königin zu erhalten. Und dessen ist sie sich sehr wohl bewusst. So buhlen zwei sehr unterschiedliche Frauen um den Platz an der Sonne: Die gefallene Adlige Abigail Hill (Emma Stone) und ihre bereits am Hof situierte Cousine Sarah Churchill, Herzogin von Marlborough (Rachel Weisz). Das junge Mädchen hat zwar keinen Stand und muss in der Küche anfangen, dafür aber einen gefährlichen Charme, der sie schon bald in eine günstige Position bringt. Ihre etablierte Konkurrentin hat sich durch Heirat ihren Platz als Lady gesichert, frustriert und langweilt die Königin aber zunehmend. Eine gefährliche Dreieckskonstellation entspinnt sich, die hinter der Fassade der lächelnden Damen jede Menge Abgründe eröffnet.

Schon visuell setzt Lanthimos einen sehr eigenwilligen Akzent durch Weitwinkelaufnahmen und Reißschwenks, die man von Kostümfilmen weniger erwartet. Doch hier geht es gerade nicht um Authentizitätseffekte historischer Rekonstruktionen, sondern um deren satirische Befragung. Die Sprache der Protagonist_innen ist durchaus zeitgenössisch und macht deutlich, dass das Bild der braven, hilflosen Frau schon immer ein falsches Stereotyp war. Wer an die Spitze will, der muss vollen Einsatz zeigen, das gilt für alle Akteure, die hoch hinaus wollen. Mit sehr viel schwarzem Humor zeigt Lanthimos das Kalkül der drei Frauen, bei dem mit der Zeit gar nicht mehr klar ist, wer eigentlich wen beherrscht. Dass Machtverhältnisse und Abhängigkeiten niemals einseitig funktionieren und sich nicht einfach in Täter-/Opferpositionen festschreiben lassen, ist ein sehr kluger und zeitloser Punkt des Films. Die ständig kranke und ans Bett gefesselte Königin findet, sehr zur Belustigung des Publikums, ihre eigenen Wege, die Günstlinge gegeneinander auszuspielen. Nichtsdestotrotz ist die Ausstattung des Szenenbilds ebenso spektakulär anzusehen wie die Kostüme, und setzt so auch in puncto Historienfilm neue Maßstäbe, die den Vergleich mit alten Meistern nicht scheuen müssen. Man denkt oft an das ironische Aufstiegsdrama „Barry Lyndon“ oder die freizügigen, auch unter die Kostüme blickenden Filme Peter Greenaways. Lanthimos macht hier den Schritt auf die große Bühne der internationalen Filmkunst, ohne die Eigensinnigkeit seines Stils aufzugeben. Bei den Preisverleihungen der Award-Season ist er damit ganz klar einer der Favoriten.

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