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WINTERREISE

WINTERREISE haben wir  im letzten Jahr am 24.10. gestartet. Eine Woche später waren alle Kinos in Deutschland geschlossen. Zur Premiere wollte Martin Goldsmith eigentlich nach Düsseldorf kommen, aber er durfte schon nicht mehr aus Amerika ausreisen. Damals machten wir nach der Vorführung eine Live-Schalte nach New York und führten ein Filmgespräch via Skype.

Am vergangenen Freitag holte er nun seinen Besuch nach, weswegen wir WINTERREISE noch einmal ins Programm genommen haben. Martin Goldsmith stellte sich nach dem Film den Fragen des Publikums und erzählte viel aus einer dunklen Zeit und wie es sein Vater geschafft hat, ihn, seine Frau und sich selbst rechtzeitig vor den Nazis in Sicherheit zu bringen. Sie flohen nach Amerika, wo Martin als amerikanischer Junge in einer säkularen jüdischen Familie aufwuchs. Er wurde Radiosprecher und Journalist und stellte sich irgendwann die Frage nach den traumatischen Erlebnissen seines Vaters in Deutschland. In mehreren professionellen Interviews befragte er seinen Vater und veröffentlichte später die Antworten in dem Buch „Die unauslöschliche Symphonie. Musik und Liebe im Schatten des Dritten Reiches – eine deutsch-jüdische Geschichte“. Darauf beruht nun dieser Film von Anders Ostergaard, der mit Goldsmith zusammen das Drehbuch schrieb. In ihrem Film stellen sie die Gespräche zwischen Vater und Sohn nach. Den bereits verstorbenen Vater spielt Bruno Ganz in seiner letzten Rolle.

Martin Goldsmith erzählte von seiner Begegnung mit Bruno Ganz. Er dachte, dieser würde ihn über seinen Vater ausfragen, ihn nach Angewohnheiten, kleinen Ticks und Anderem fragen, aber Bruno Ganz beachtete ihn kaum, mied ihn vielleicht sogar ein wenig und konzertierte sich ganz auf seine Rolle – die Performance seine Vaters. Als er ihm dann im Film gegenübersaß und er seine Fragen beantwortete, hatte er mehrfach das Gefühl, dass da nicht Bruno Ganz, sondern sein leibhaftiger Vater antwortete.

Goldsmith erzählte auch von seiner Beziehung zu Düsseldorf, die einst seinem Vater unter Umständen das Leben rettete. Während der Reichspogromnacht fuhr er im Zug von Berlin nach Düsseldorf und sah in Hannover die Synagoge brennen – beklemmend, dass Martin Goldsmith heute denselben Weg nehmen musste, um zu uns zu kommen. Wäre sein Vater damals heim nach Paderborn gefahren, wäre die Reise wohl nicht so gut ausgegangen. So aber konnte er seine künftigen Schwiegereltern, die Gumperts, besuchen, die von den Nazi-Umtrieben nichts wissen wollten und in einer fürstlichen Villa in Hösel lebten. Julian Gumpert hatte 1915  das Gumpert-Konservatorium mit Sitz in der Ehrenstraße gegründet.  Mit dem Machtantritt der Nazis 1933 war sein Ende besiegelt. Man untersagte ihm „arische“ Schülerinnen und Schüler zu unterrichten und drehte dem Haus die Luft ab, um dann ein städtisches Konservatorium zu gründen.

Auch Martin Goldsmith war ein begnadeter Musiker und spielte die Flöte. Auf die Frage seines Sohnes, warum er in Amerika nie wieder seine Flöte angerührt hat und stattdessen einen Job machte, den er innerlich hasste, antwortet er im Film nicht. Vielmehr sucht er in einer verborgenen Schatulle nach einem Bündel Briefe, die er wortlos seinem Sohn übergab. Darin bat ihn seine vielzählige Verwandtschaft eindringlich um Hilfe. Kein einziger überlebte den Holocaust.

Anlässlich des Besuchs von Martin Goldsmith im Bambi haben wir seinen Film WINTERREISE noch einmal ins Programm genommen.