Gemäß den Maßnahmen gegen die Verbreitung des Corona-Virus schließen die Düsseldorfer Filmkunstkinos bis voraussichtlich Ende Mai ihre Pforten.

71. Berliner Filmfestspiele 2021

Zum ersten Male fand die Berlinale digital statt und will die wichtigsten Filme in einem Präsenz-Festival im Juni nachholen. Dass ein solches Online-Festival kaum ein Ersatz für ein physisches Festival vor Ort sein kann, liegt auf der Hand. Wir haben schon die feierlichen Premieren, die Pressekonferenzen mit den Filmschaffenden und natürlich die Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen über Film und Kino vermisst. Aber es gab auch Vorteile, so funktionierte die Technik einwandfrei, die Filme wurden morgens um 7 Uhr auf einem eigenen Presseserver zur Verfügung gestellt und konnten bis zum anderen Morgen angeschaut werden. Die Wege zwischen zwei Vorstellungen führten nicht quer durch Berlin, sondern waren nur einen Mausklick voneinander entfernt. Bei überlangen Filmen oder Terminschwierigkeiten, konnte man einfach auf die Pausetaste drücken und später weiterschauen, und wenn es allzu langweilig wurde, konnte man auch schnell abbrechen und einfach einen anderen Film wählen. Darin liegt aber auch eine Gefahr, denn vor der heimischen Mattscheibe ist man bei weitem nicht so konzentriert, wie in einem dunklen Kinosaal. Und da die Berlinale wie immer einige Filme im Programm hatte, die verworren, verkopft und nicht gerade leicht konsumierbar waren, auf die man sich einlassen musste, um ihren schwer durchdringlichen Gedankenspielen folgen zu können, war Durchhaltewillen gefragt.

 

Bad Luck Banging or Loony Porn - 2021

Bad Luck Banging or Loony Porn – 2021

Der verließ uns dann auch schon beim Gewinner des Goldenen Bären, den wir dann aber dank digitaler Technik bei einem zweiten Versuch nachholen konnten. Schon der Titel BAD LUCK BANGING OR LOONY PORN (Neue Visionen) von Radu Judes neuen Film lässt nicht gerade einen Kassenschlager vermuten. Die ausgedehnte Eingangssequenz zeigt zudem noch pornografische Szenen in einer Länge und Direktheit, die einen Kinobesitzer den unmittelbaren Auszug eines Teiles des Publikums befürchten lässt. Ema ist die Protagonistin dieses kleinen, schmutzigen Homevideos, sie ist Lehrerin und sollte ein Vorbild sein. Ihr Pech ist es, dass das Video irgendwie viral geht und natürlich sogleich von ihren Schülern entdeckt wird. Der eigentlich Porno findet dann aber am Ende des Films statt, wenn sich die Lehrerin in einem flugs einberufenen Elternabend gegen den latenten Sexismus, Rassismus, Faschismus und religiösen Wahn der zur feinen Gesellschaft zählenden Elternschaft zur Wehr setzen und um ihren Job kämpfen muss.
Radu Jude erzählt diese Geschichte in einem nicht leicht zugänglichen Triptychon. Die pronografische Anfangssequenz ist eher abstoßend, während das Tribunal am Schluss sich zur Groteske steigert. Dazwischen folgen wir Ema im Kampf um Schadensbegrenzung quer durch ein modernes und nicht gerade liebenswertes Bukarest. Zudem montiert er Found-Footage-Material und unterlegt es mit Statements berühmter Persönlichkeiten. Changierend zwischen Dokumentarfilm und Essay führt er uns 25 Jahre nach dem Ende der Diktatur eine rumänische Gesellschaft vor, die zwischen Anspruch und Wirklichkeit zerrissen ist. Ob seine schonungslos satirische Farce an der Kinokasse punkten wird, bleibt abzuwarten, der Goldene Bär wird dabei sicher helfen.

Ballad of the white Cow - 2021

Ballad of the white Cow – 2021

Unser Favorit für den Goldenen Bären war dagegen der iranische Beitrag BALLAD OF A WHITE COW. Damit hätte die Jury die schöne Tradition fortsetzen können, die iranischen Filmen in Berlin immer schon mehr Aufmerksamkeit verschaffte als im eigenen Land, wo die Regisseure meist mit Berufsverbot und Hausarrest zu kämpfen haben. So wohl auch Mohammad Rasoulof, der im letzten Jahr mit DAS BÖSE GIBT ES NICHT – immer noch auf seinen Einsatz in unseren Kinos wartend – gewonnen hat. Er hat den Staffelstab an Behtash Sanaeeha und Maryam Moghadam übergeben. Ihr Film könnte auch eine Fortsetzung sein, denn auch er behandelt das Thema Todesstrafe und konstruiert einen Fall, in dem sich der Liquidierte im Nachhinein als unschuldig erweist. Dabei nehmen sie kein Blatt vor den Mund und dokumentieren minutiös das staatliche Versagen. Ihr Richter ist ein hoch moralischer Mensch, der sich sein Fehlurteil nicht verzeihen kann und Buße tun will. Er hat sein Amt nieder gelegt, besucht die Witwe und gibt sich als vermeintlicher Schuldner ihres Mannes aus, um ihr so etwas Geld zukommen lassen zu können. Er besorgt ihr eine Wohnung und fällt ob seiner großen Schuld in eine Depression. Doch sein Wunsch Buße zu tun bringt ihn bald in Konflikt mit dem System, das Fehlurteile eher als Gottes Willen Interpretiert. Man fordert unbedingten Gehorsam von ihm, doch erst als die Witwe von seiner wahren Identität erfährt, entfaltet der Film seine ganze Tragweite.
Schuld und Sühne – das ist ein klassisches iranisches Filmsujet, das die Regisseure meisterhaft und als Kino der kleinen, präzisen Gesten inszenieren. Immer wieder findet das Iranische Kino Figuren, wie diesen integren Richter, der die Werte hochhält, die der modernen Gesellschaft immer mehr abhanden kommen. So wird das Kino zu einer moralischen Instanz, die dem Zuschauer Halt und Orientierung gibt. Dass es dabei immer wieder mit den Behörden in Konflikt gerät, spricht seine eigene Sprache.

Memory Box - 2021

Memory Box – 2021

Auch in MEMORY BOX geht es um eine Familie mit einer düsteren Vergangenheit. Eigentlich weiß die junge Alex nicht viel über die Vergangenheit ihrer Mutter Maia. Sie weiß nur, dass sie nach dem Tod ihres Vaters im Libanon-Krieg zusammen mit ihrer Oma Teta nach Montreal gezogen sind, wo die drei Frauen noch heute unter einem Dach leben. Fragt Alex nach der Vergangenheit, stößt sie immer auf Schweigen oder beschwichtigende Lügen. Mutter und Oma haben das Thema stillschweigend zum Tabu erklärt. Doch eines Tages zum verschneiten Weihnachtsfest kommt ein geheimnisvolles Paket per Post. Teta will es zunächst zurückgehen lassen, doch Alex unterschreibt die Annahme. Aber auch ihre Mutter scheint wenig erfreut von dieser Magic Box, die das Zeug hat, einige Familiengeheimnisse zu lüften. Maia traut sich nicht, sie zu öffnen und verbietet es auch ihrer Tochter. Doch Alex Neugier siegt über das Verbot der Mutter und so öffnet sie die Box der Pandora, die bis zum Rand gefüllt ist mit Erinnerungen: Die erzählen von einer wilden Jugend, während des Bürgerkriegs im Libanon, in der Lebenslust und Todesangst stets miteinander abwechselten. Texte, Tagebücher, Tonbänder, Fotos und andere Andenken ihrer Jugend hat Maia damals, als sie den Libanon verließ, zusammengepackt und ihrer besten Freundin zur Aufbewahrung gegeben. Nun kommt dies alles überraschend nach Kanada und gibt ihrer Tochter Antworten auf all ihre Fragen. So erfährt Alex nicht nur von Maias bester Freundin Liza, mit der sie alles geteilt hat, sondern lernt auch ihre erste große Liebe Raya kennen. Doch die glücklichen Momente werden immer wieder durch tragische Schicksalsschläge unterbrochen, die Alex eine Ahnung davon geben, warum sie damals ihr Land verließen.
Die beiden in Beirut geborenen Filmemacher Joana Hadjithomas und Khalil Joreige haben keine formale Kunst- oder Film-Ausbildung absolviert, suchten aber schon immer nach Ausdrucksformen in allen Arten der Kunst, um die Nachwirkungen des Libanesischen Bürgerkriegs zu verarbeiten. In MEMORY BOX beleuchten sie zunächst mit Fotos, Texten und zeitgenössischer Musik die Vergangenheit, doch eine wirklich emotionale Tiefe bekommt der Film erst, wenn die Bilder zu laufen beginnen. Nachgestellte Ausschnitte aus Maias Jugend wechseln ab mit Szenen des gegenwärtigen Disputs mit ihrer Tochter. Zwischenzeitlich kämpfen hier Verdrängung und Erinnerung miteinander einen harten Kampf, doch am Ende obsiegt die Jugend. Maia wird sich ihrer Vergangenheit stellen und mit ihrer Tochter nach Beirut reisen.

Petite Maman - 2021

Petite Maman – 2021

Eine ganz andere Mutter-Tochter-Geschichte erzählt Céline Sciamma, die 2019 mit PORTRÄT EINER FRAU IN FLAMMEN so nachdrücklich auf sich aufmerksam machte. In PETITE MAMAN hilft die achtjährige Nelly ihren Eltern, nach dem Tod der geliebten Großmutter beim Ausräumen deren Hauses auf dem Land, wo ihre Mutter Marion die Kindheit verbrachte. Magisch angezogen ist sie von dem umliegenden Wald, in dem damals auch ihre Mutter spielte und ein Baumhaus baute, von dem Nelly soviel gehört hat. Immer wieder streift sie durch den Wald, bis sie eines Tages auf ein gleichaltriges Mädchen trifft, das sie in ihr Baumhaus einlädt und auch Marion heißt… Wenn die Geschichte auch schnell erzählt und der Film nur gut siebzig Minuten lang ist, entwickelt er eine Stimmung, die nicht nur Nelly, sondern auch den Zuschauer in diesen Wald zieht. Märchenhaft entrückt und mit kongenialen Bildern ihrer Kamerafrau Claire Mathon, spürt Sciamma hier mit einer Art magischem Realismus einem wichtigen Moment des Erwachsenwerdens nach und führt uns einmal wieder in den Mittelpunkt eines weiblichen Universums, dessen Aura man sich nicht entziehen kann.

Wheel of Fortune - 2021

Wheel of Fortune – 2021

Während auch Céline Sciamma bei den Preisen leer ausging, bekam der Episodenfilm WHEEL OF FORTUNE AND FANTASY des japanischen Regisseurs Ryusuke Hamaguchi den Großen Preis der Jury. In drei voneinander unabhängigen Geschichten erzählt er von einer überraschenden amourösen Dreieckskonstellation, einer versuchten Verführung, die gleichzeitig eine Falle ist, und einer Verwechslung, bei der sich zwei Frauen gegenseitig ihr Herz ausschütten, um am Ende festzustellen, dass sie sich zum ersten Mal begegnet sind. Alle drei Episoden beleuchten in einer Art Kammerspiel den Platz der Frau in der modernen japanischen Gesellschaft. Hamaguchis Erzählstil ist langsam und bedächtig, erinnert manchmal an Eric Rohmer und erschien uns am Ende etwas belanglos und textlastig. Bei Presse und Jury erntete er trotzdem viel Lob.

Natural Light - 2021

Natural Light – 2021

Den Silbernen Bär für die Beste Regie erhielt NATURAL LIGHT, den man unbedingt auf einer großen Leinwand sehen sollte. Dénes Nagy erzählt hier eine einfache Kriegsgeschichte, die durch ihre Kameraarbeit und Farbdramaturgie beeindruckt. Sie spielt 1943 in der besetzten Sowjetunion, wo eine ungarische Sondereinheit Dorf für Dorf nach Partisanen durchsucht. Als sie in einen Hinterhalt geraten, wird ihr Kommandeur getötet und Smetka muss als Ranghöchster die Führung übernehmen und führt die Überlebenden durch ein Sumpfgebiet zu ihrem sicheren Ausgangspunkt zurück. Trotz der Geschlossenheit dieser zyklischen Geschichte, weist der Film weit über das Dilemma des Krieges hinaus. Er stellt moralische Fragen nach Schuld und Mitschuld, philosophiert über die Grenzen des Überlebenstriebs und fragt nach dem Gewissen zu Zeiten des Krieges. Das alles erzählt er aber nicht mit Worten, sondern mit Bildern, die in ein feuchtes, fahles Licht getaucht sind, in dem die mit Schmutz und Schlamm verdreckten Gesichter der Soldaten wie stumme Hilfeschreie wirken und den Schrecken des Krieges erfahrbar machen.

Night Raiders - 2021

Night Raiders – 2021

Ähnlich bildstark erzählt auch Danis Goulet in dem kanadisch-neuseeländischen Film NIGHT RAIDERS eine Dystopie aus einer postapokalyptischen Zukunft, wo in Nordamerika das Militär den Erwachsenen die Kinder wegnimmt, um sie zu Kämpfern auszubilden. Niska vom indigenen Volk der Cree versteckt sich daher mit ihrer naturverbundenen elfjährigen Tochter Waseese im Wald. Doch auf Dauer kann sie den Patrouillen nicht entgehen und verliert ihre Tochter an das Regime. Sie schließt sich einer indigenen Gruppe von Rebellen an, deren Chefin in ihr den weisgesagten “Guardian” sieht, der sie beschützen und in eine bessere Welt führen soll. Unter Niskas Führung planen sie die Befreiung der Kinder, doch als es zur finalen Begegnung mit dem Feind kommt, sehen sie sich einem quasi unbesiegbaren Heer aus Drohnen gegenüber. Trotzdem trifft Niska hier auf ihre Tochter, die zwischenzeitlich ungewöhnliche Kräfte entwickelt hat und sich als der wahre “Guardian” herausstellt.
Auch wenn die Geschichte eher konventionell ist, gelingt es Goulet verschiedene Aspekte des Zeitgeistes in ihr zu vereinen. Der Wunsch nach Freiheit und einem Leben im Einklang mit der Natur gehört dazu, genauso wie die Tatsache, dass die Frauen das Zepter in die Hand nehmen und am Ende die Indigenen gegen eine gesichtslose Staatsmacht obsiegen. Das alles schnittig erzählt und mit tollen Bildern fotografiert, sorgt zwar nicht unbedingt für elaborierte Filmkunst, aber immerhin für zwei kurzweilige Kinostunden.

Tides - 2021

Tides – 2021

Ähnlich kinogerechte geht es in Tim Fehlbaums TIDES (Constantin) zu, der für Deutschland ins Rennen ging. Er hat sich für seinen Science Fiction Film die Unterstützung von Roland Emmerich gesichert. Auch er erzählt von einer Apokalypse, der die Menschen entkamen, indem sich die oberen Zehntausend auf einen fernen, bewohnbaren Planeten retteten. Doch die neue Atmosphäre wirkt sich negativ auf die Fruchtbarkeit der Menschen aus. So starten sie eine Mission zurück zur Erde, wo ein Erkundungstrupp die momentanen Lebensbedingungen abklären soll. Doch bei der Landung kommt es zur Havarie, bei der alle Crewmitglieder sterben. Nur die junge Astronautin Blake überlebt und findet sich in einer unwirtlichen Wasserlandschaft wieder, wo ein jeder zwischen Ebbe und Flut sein Überleben sichern muss. Blake muss sich allein durch diese brutale Welt schlagen, trifft auf neue Freunde und Feinde, und kommt einem schrecklichen Geheimnis auf die Spur.
Tim Fehlbaums zweiter Spielfilm ist ein dystopischer Thriller mit vielen Action-Elementen, der nach den Auswirkungen der Ausbeutung der Natur fragt, vor den fatalen Folgen warnt und mit einem sehenswertes Artwork überzeugt.

Taming the Garden - 2021

Taming the Garden – 2021

Die Berlinale entwickelt sich immer mehr zu dem A-Festival, das dem Dokumentarfilm die größte Plattform einräumt. Ein zumindest visuelles Highlight dieser Gattung war im Forum zu entdecken. Dem georgischen Beitrag TAMING THE GARDEN (Film Kino Text) von Salomé Jashi gelingen jedenfalls tolle, allegorische Bilder, die aus einem surrealistischen Gemälde stammen könnten. Ein alter Baum mit ausladender Krone schwimmt aufrecht stehend über das Meer. Kein biblisches und auch kein futuristisches Motiv steckt dahinter, sondern eine ernüchternde Wirklichkeit, in der ein steinreicher und politisch mächtiger Mann, den mehr als 100 Jahre alten Baum samt Scholle ausgraben lässt, um ihn seinem eigenen riesigen Anwesen hinzufügen. Den Interviews mit Besitzern des Baumes, Anwohnern und Arbeitern stellt Jashi immer wieder archaische Bilder gegenüber, die unseren Umgang mit der Natur konterkarieren und Begriffe wie Demut und Bescheidenheit ad absurdum führen.

Tina - 2021

Tina – 2021

Ein weiterer Dokumentarfilm, auf den man sich freute, war TINA (UPI), das Biopic zu Tina Turner. Wahrscheinlich hatte man noch den Erfolg der Spielfilme BOHEMIAN RHAPSODIE und ROCKETMAN im Kopf, als man ernüchternd feststellen musste, dass diese Doku visuell eher etwas dünn ist. Archiv-Aufnahmen aus den fünfziger Jahren wechseln ab mit Amateuraufnahmen und ‘found footage’. Die Bildqualität lässt da natürlich zu wünschen übrig, was immer dann schade ist, wenn es um die Show geht, die Tina Turner abliefert. Andererseits vermitteln die Bilder eine hohe Authentizität und werden zu Zeitzeugen einer Vita, die nun wirklich nicht das Leben einer Prinzessin nachzeichnet. In den fünfziger Jahren hat sie nicht nur damit zu kämpfen, dass sie dunkelhäutig und eine Frau ist, sondern gerät auch privat aus einem lieblosen Elternhaus an einen übergriffigen Ehemann, der sie finanziell wie sexuell ausbeutet. Ihr Weg, sich aus dieser Zwangslage zu befreien, ist fürwahr ein steiniger, was den Film gelegentlich etwas düster ausfallen lässt. Im Grunde aber spiegelt er Tinas Leben gemäß ihren eigenen Worten: „I had bad times and I had good times, but the good ones didn’t balance the bad ones.“

Auch wenn man durchaus von einem starken Jahrgang sprechen kann, sollte man sich natürlich nichts vormachen, denn starke internationale Produktionen mit bekannten Stars wurden von den Produzenten für eine virtuelle Festivalausgabe natürlich nicht freigegeben. Hoffen wir also, dass wir im Juni, wenn die Berlinale in die zweite Runde geht, die Komödien FRENCH EXIT mit Michelle Pfeiffer und BEST SELLERS mit Michael Caine im Kino zu sehen bekommen. Hoffentlich in Anwesenheit der Stars.

Der Mauretanier - 2021

Der Mauretanier – 2021

Einzige Ausnahme und Großproduktion war DER MAURETANIER (Tobis) von Kevin Macdonald, der von einem vermeintlichen Terroristen erzählt, der von den Amerikanern nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 verhaftet und nach Guantanamo verschleppt wird. Hier durchleidet er ohne jemals angeklagt worden zu sein, unendliche Verhöre und immer neue Foltermethoden, bis eine Menschenrechtsorganisation nach Jahren auf ihn aufmerksam wird. Jodie Foster (erhielt für ihre Rolle einen Golden Globe) spielt die Anwältin Nancy Hollander, die sich allen Anfeindungen zum Trotz dem Schicksal des Häftlings annimmt und sich in nächtelanger Arbeit in den Fall einarbeitet. Benedict Cumberbatch ist ihr Counterpart als Militär-Staatsanwalt und so wird das schreiende Unrecht bald zur Bühne eines prominent besetzten Justiz-Dramas. Tatsächlich nimmt man Jodie Foster nicht wirklich ab, dass die von ihr gespielte Anwältin, sich für diesen undankbaren Fall nahezu isoliert und fast alle sozialen Kontakte abbricht, um der Gerechtigkeit zu dienen. Hier wirkt der Film sehr amerikanisch, manchmal sogar scheinheilig, in der Sache aber nimmt er kein Blatt vor den Mund und verurteilt das Handeln des amerikanischen Militärs auf das schärfste.

Ohne große Namen wurde dieser Berlinale zur Stunde der Newcomer. Die Festivalleiter Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek setzten nicht nur auf Filme von jungen, unbekannten Regisseuren, die oftmals ihre Erstlingswerke vorstellten, sie fanden auch den Mut zu einem beherzten Statement für den Deutschen Film, der in allen Sparten überproportional vertreten war und mit einigen Highlights aufwartete, auf die wir uns im Kino freuen dürfen.

Ich bin dein Mensch - 2021

Ich bin dein Mensch – 2021

Der Silberne Bär für die beste schauspielerische Leistung ging an Maren Eggert, die in Maria Schraders ICH BIN DEIN MENSCH (Majestic) die Archäologin Alma spielt, die sich auf ein Experiment einlässt, um an Gelder für ihre eigenen Studien zu kommen. Drei Wochen lang soll sie mit einem Roboter namens Tom zusammenleben, der Dank künstlicher Intelligenz all ihre Partnerwünsche erfüllen soll. Wie ernst sie diesen Job nimmt, zeigt sich schon beim ersten Treffen der beiden beim Kennenlern-Candlelight-Dinner, wo Alma ihr Gegenüber mit einer komplexen Rechenaufgabe überrascht, die Tom wie aus der Pistole geschossen löst. Romantik bleibt an diesem Abend Fehlanzeige, wie Alma auch auf getrennten Schlafzimmern besteht und allen Annäherungsversuchen Toms widersteht. Doch der stellt sich auf jede Situation neu ein und überrascht mit immer neuen Ideen und Wendungen. Eine Zeit lang weiß man nicht, worauf Maria Schrader hinaus will: Science Fiction Film, ernstzunehmende Auseinandersetzung mit dem Thema künstliche Intelligenz oder bizarre Komödie à la DIE FRAUEN VON STEPFORD? Sie lädt die gleichnamige Erzählung von Emma Braslavsky mit der Suggestivkraft des Kinos auf und versichert sich der Mitarbeit von Jan Schomburg, die den Dialogen eine ungewöhnliche Tiefe gibt. Erstaunlich vielseitig und eloquent erzählt sie so von einer ‘amour fou’ mit einem Androiden, die immer wieder zwischen amüsanter Komödie und philosophischer Betrachtung wechselt und nach dem Begriff Glück fragt. Ist man wirklich glücklich, wenn man alles bekommt, was man will, oder ist es eher die Überwindung der Widerstände und Missgeschicke auf unserem Weg zum Ziel, die uns glücklich machen? Geschickt variiert Maria Schrader beide Elemente mit leichter Hand und schenkt uns zwei Kinostunden, in denen sich Maren Eggert mal so richtig austoben kann. Völlig zu Recht wurde sie für ihr Spiel mit dem Silbernen Bären belohnt, der erstmals genderneutral vergeben wurde.

Der internationalen Presse vorenthalten blieben zwei potentielle Höhepunkte der Berlinale: Dominik Grafs Kästner-Verfilmung FABIAN mit Tom Schilling in der Titelrolle und Daniel Brühls Regiedebüt NEBENAN wurden wenigen ausgewählten Journalisten nur im Kino gezeigt und waren online nicht verfügbar. Mit gewisser Schadenfreude spekulierte DER SPIEGEL darüber, ob die beiden deutschen Wettbewerbsbeiträge deswegen leer ausgegangen seien. Tatsächlich hätte den Filmen ein wenig internationale Aufmerksamkeit gut getan. ICH BIN DEIN MENSCH ist jedenfalls längst nach Amerika verkauft.

Fabian - 2021

Fabian – 2021

Bezüglich FABIAN (DCM) wird von einem atmosphärischen Kunststück berichtet, das elegant und nahezu selbstverständlich die Bilder einer Großstadt-Welt von heute mit der des Wirtschaftskrisen-Berlins zusammenführt. Graf habe weniger eine Geschichtslektion im Sinn gehabt, sondern vielmehr ein über drei Stunden kurzweilig und bewundernswert konzentriert erzähltes Künstler-, Freundschafts- und Liebesdrama vorgelegt.

Nebenan - 2021

Nebenan – 2021

Auch Daniel Brühls Regiedebüt NEBENAN (Warner), für das Bestsellerautor Daniel Kehlmann das Drehbuch nach einer Idee des Regisseurs schrieb, konnte überzeugen. Er spielt darin einen in Berlin lebenden berühmten, etwas eitlen Schauspieler, der vor einem wichtigen Casting in London noch einmal kurz in eine typische Berliner Eckkneipe einkehrt und dort scheinbar zufällig auf einen Gast trifft, der seine intimsten Geheimnisse kennt: Vom Bankkonto über seine Passwörter bis hin zum Betrug an seiner Frau, weiß der Wendeverlierer Bruno, alles über seinen Nachbarn und bringt dessen Weltbild auf boshafte und rachsüchtige Weise ins Wanken. Auf das scharfzüngige Wortgefecht voller Spannung und Esprit zwischen den beiden Antagonisten freuen wir uns schon jetzt und hoffen, es so bald wie möglich auch in unseren Kinos zeigen zu können.

Herr Bachmann und seine Klasse - 2021

Herr Bachmann und seine Klasse – 2021

Mit einem Silbernen Bären (Preis der Jury) wurde die Langzeit-Doku HERR BACHMANN UND SEINE KLASSE (Grandfilm) von Maria Speth ausgezeichnet. Auch wenn diese Doku über 3,5 Stunden lang ist, wird sie einem nie langweilig. Vielmehr macht es großen Spaß, dem Unterricht von Herrn Bachmann zu folgen, der an einer Gesamtschule in Nordhessen eine Klasse unterrichtet mit Kindern vieler Nationalitäten. Teilweise sprechen diese nicht einmal richtig deutsch, aber Bachmann gelingt es ihren Schulalltag zum Erlebnis zu machen. Noten sind bei ihm Momentaufnahmen und nicht so wichtig, viel wichtiger ist, dass die Kinder ihre Ängste ablegen und ihre Vorlieben und Interessen entdecken. So wundert es nicht, dass Musikinstrumente und andere andere Utensilien im Klassenzimmer stehen, die auch mitten im Matheunterricht immer mal wieder ein kleines Schlagzeug-Solo ermöglichen. Bachmann vermittelt den Kindern in erster Linie soziale Kompetenz und versucht sie ihnen so gut wie möglich vorzuleben. So appelliert er stets an den Klassenzusammenhalt, fordert bessere Schüler auf, den schlechteren zu helfen und lässt kein Vorurteil im Raum stehen, ohne dass man nicht wenigstens mal drüber geredet hätte. Doch der Unterricht hört nicht jenseits des Klassenzimmers auf, Bachmann geht mit seinen Schülern auf Klassenfahrt oder macht mit ihnen Ausflüge in die unmittelbare Umgebung, wo er ihnen historische Zusammenhänge ihrer neuen Heimat aufzeigt. So wird seine Tätigkeit schnell zum 24-Stunden-Job, was auch seine Unersetzbarkeit zeigt, wenn er demnächst in Pension geht. Die wenigsten Lehrer sind wohl willens und/oder in der Lage ihren Beruf derart begeistert auszufüllen und ihr Privatleben immer hintan zu stellen. Jedenfalls kann man unseren Schulen nur viele Bachmänner wünschen, die es schaffen, die Schüler zu erreichen und aufs Leben vorzubereiten, selbst dann, wenn sie traumatisiert aus Kriegsgebieten zu uns kommen.

Je suis Karl - 2021

Je suis Karl – 2021

Richtig politisch wurde es dann in JE SUIS KARL (Pandora) mit Luna Wedler und Jannis Niewöhner in den Hauptrollen. Christian Schwochow gelingt es, eine Jugendbewegung zu inszenieren, die sich am Ende kaum noch von Rechtspopulisten oder ähnlichen Gruppierungen unterscheidet. Triebfeder ist wohl die allgemeine Unzufriedenheit, die insbesondere junge Leute auf die Straße treibt. So auch Maxi, die ihre Mutter, die Brüder und ihr Zuhause verloren hat, bei einem Bombenanschlag mitten in Berlin. Sie ist verunsichert und sucht nach Antworten, hört ihrem Vater längst nicht mehr zu. An der Uni kommt sie mit einer internationalen Bewegung in Kontakt, die Kolloquien, Seminare, Podiumsdiskussionen, aber auch künstlerische Auftritte, Konzerte und Performances organisiert. Hier lernt sie Karl, einen der führenden Köpfe der Gruppe kennen, der ihr Schicksal geschickt für die gemeinsame Sache auszunutzen weiß.
Hat sich gerade Julia von Heinz in UND MORGEN DIE GANZE WELT um eine Beschreibung der Antifa bemüht, so konstruiert Schwochow hier eine fiktionale Jugendbewegung, die sich auch für den Zuschauer ganz langsam und beinahe unbemerkt zu einer populistischen Vereinigung am rechten Rand entwickelt. Dabei ziehen einige wenige die Strippen im Hintergrund, arbeiten mit der Angst der jungen Leute und nutzen ihre Wut für eine Gewalt-Kaskade, die nur einigen wenigen nützt. JE SUIS KARL ist knallbunt, laut, manchmal zu stylisch, aber ungeheuer komplex. Er ist beste Unterhaltung und wenn er sein Thema auch bei weitem nicht erschöpfend behandelt, ist er doch eine starke Grundlage für Gespräche und Diskussionen.

Die Welt wird eine andere sein - 2021

Die Welt wird eine andere sein – 2021

Ganz anders geht da Anne Zohra Berrached an die Sache ran. In DIE WELT WIRD EINE ANDERE SEIN (Neue Visionen) erzählt sie von Saeed und Asli, die sich auf dem Rummel in Hamburg Mitte der 1990er-Jahre begegnen. Asli findet Gefallen an dem jungen Libanesen, der so selbstbewusst und open minded ist. Er will, dass Asli ihn seinen Eltern vorstellt und bei ihrem Vater um ihre Hand anhalten. Doch so einfach ist das in einer türkischen Familie nicht, und so versucht Asli zwischen Selbstbestimmung, traditionellen Elternhaus und ihrer Liebe einen gangbaren Weg zu finden. In einer Hamburger Moschee heiraten die beiden, doch ihr Glück ist nur von kurzer Dauer, denn Saeed verändert sich, seine Haare werden immer länger, er schwört dem Alkohol ab, versucht Asli das Rauchen zu verbieten. Immer öfter verbringt er die Abende in der Moschee, bis er schließlich für einige Wochen nach Hause in den Libanon fährt, wo er aber nie ankommt. Monate später steht er wieder vor Aslis Tür in Hamburg und auch wenn es ihr auch schwer fällt, sie kann nicht anders und verzeiht ihm. Als ihr Saeed von seiner Idee erzählt, in Amerika einen Pilotenschein zu machen, wird es auch dem letzten klar, welche Geschichte hier erzählt wird.
Anne Zohra Berracheds schildert Saeeds Radikalisierung minutiös aus der Sicht der Ehefrau, die beinahe als letzte realisiert was hier eigentlich vor sich geht. Zunächst sind es Kleinigkeiten, dann Auffälligkeiten, die sie hinzunehmen bereit ist, um die Beziehung nicht zu gefährden. Doch nach dem Attentat vom 11. September 2001 stellt sie sich bittere Fragen: Hätte sie Saeeds Veränderung nicht ernster nehmen müssen, wo kam das ganze Geld her, warum haben alle weggesehen? Anhaltspunkte gab es genug, doch niemand hat sie ernst genommen. Die Regisseurin formuliert diese Fragen nicht als Vorwurf, warnt nicht vor dem Unausweichlichen und fordert auch keine Konsequenzen. Mit beinahe unangemessener Ruhe erzählt sie die Chronik einer Radikalisierung, die beunruhigt und aufwühlt.

Der menschliche Faktor - 2021

Der menschliche Faktor – 2021

Auch in der Ehe von Jan und Nina stimmt etwas nicht. Gemeinsam betreiben sie eine Werbeagentur, für die Jan eigenmächtig einen Auftrag von einem Kunden am rechten politischen Rand angenommen hat. “Keine Politik” war ihr bisheriges Credo, und Nina ist sauer auf seinen Alleingang. Gemeinsam mit den Kindern fahren sie in ihre französische Ferienwohnung, um mal wieder runter zu kommen. Doch die Begegnung mit einem Einbrecher treibt die Krise auf den Höhepunkt. In DER MENSCHLICHE FAKTOR (Farbfilm) erzählt Ronny Trocker eine Familiengeschichte, in der die Nerven blank liegen. Immer wieder sehen wir die gleiche Geschichte aus der Sicht eines anderen Familienmitglieds. Geschickt montiert er diese Ansichten, mit Szenen aus Alltags- und Berufsleben und beleuchtet die Familie aus mehreren Perspektiven. So zeigt er Bruchstellen auf, zeichnet ein interessantes Psychogramm einer Familie, das visuell leider nur auf dem Niveau eines Fernsehfilms bleibt

Das Mädchen und die Spinne - 2021

Das Mädchen und die Spinne – 2021

Für die Beste Regie im Encounters-Wettbewerb ausgezeichnet wurden die Schweizer Zwillingsbrüder Ramon und Silvan Zürcher. In DAS MÄDCHEN UND DIE SPINNE (Salzgeber), ihrem zweiten Film nach DAS MERKWÜRDIGE KÄTZCHEN (2013), erzählen sie von einem Auszug: Lisa zieht aus der WG mit Mara aus, um künftig allein zu wohnen. An den beiden Umzugstagen und in der Nacht dazwischen sind allerlei Helfer und Helferinnen im Haus. Dabei geht vieles zu Bruch, anderes renkt sich wieder ein. Die Regisseure weben filigran und beinahe geometrisch wie eine Spinne ein Netz von Beziehungsformen, das in Kontrast steht zu einer immer brüchiger werdenden Welt. Hinter blitzblanken bürgerlichen Fassaden spüren sie nach Rissen und analysieren zwischen Alltagsstudie, Märchen und Psychogramm Formen des menschlichen Zusammensein.

Glück - 2021

Glück – 2021

Ähnlich fernsehhaft war auch GLÜCK (Salzgeber) von Henrika Kull, der im Panorama zu sehen war. Sie erzählt von einer lesbischen Liebe in einem Berliner Bordell: Maria kommt aus Italien, hat dort gerade jemand Wichtigen verloren und trifft auf Sascha aus der brandenburgischen Provinz, die ihrem kleinen Sohn, der beim Vater aufwächst, nachtrauert. Maria ist anders als die anderen Frauen, sie ist tätowiert und selbstbewusst, schreibt in den Pausen Gedichte. Die beiden Frauen fühlen sich voneinander angezogen. Erst umschleichen, dann umtanzen sie sich, bis sie bald nicht mehr ohne einander können, aber auch nicht wirklich miteinander. Henrika Kull inszenierte hier einen Liebesfilm an einem ungewöhnlichen Ort, der sich um keine Konventionen kümmert, dabei aber oft aufgesetzt und plakativ daherkommt. Der Drehort Bordell scheint dabei für eine dramaturgische Fallhöhe zu sorgen, die von anderen, inszenatorischen Mängeln ablenkt.

Insgesamt kann man wohl von einer starken Berlinale sprechen, die in ihren Highlights sehr wohl die Spitze des Weltkinos abbilden konnte und der das Fehlen großer Namen nicht zum Nachteil geriet. Auch wenn es in mancher Nebensektion arg fernsehhaft wurde, konnten sich viele Deutschen Filme für eine Auswertung im Kino empfehlen. Gut gemachtes Handwerk paarte sich hier mit originellen Ideen und solider Schauspielkunst, die für viel Vergnügen im Kino sorgen werden, wenn’s dann mal endlich wieder losgeht.