Alles ist gut

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Alles ist gut - 2018 Filmposter
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Der beruhigende Titel weist den Weg in einem sehr beunruhigenden Film: Janne, eine taffe junge Frau wird mit sexueller Gewalt konfrontiert. Sie versucht, so weiterzumachen wie bisher und schweigt über das, was passiert ist. Eva Trobischs Kinodebüt mit der herausragenden Aenne Schwarz in der Hauptrolle wurde beim Filmfest München vom Publikum, der Presse und von der Filmszene beinahe euphorisch gefeiert und mehrfach ausgezeichnet - vollkommen zu Recht und sicherlich nicht nur wegen der aktuellen #MeToo-Debatte.

Ein ganz normaler Tag … eigentlich. Janne, die eigentlich mit Piet zusammen ist, fährt zu einem Klassentreffen, quatscht mit alten Bekannten und lernt per Zufall Martin kennen. Sie verbringen einen lustigen Abend zusammen, und Martin möchte mehr, sie sagt Nein, erst amüsiert, dann energischer, dann ungläubig. Er holt sich, was er will, und hinterher versucht Janne einfach zur Tagesordnung überzugehen. Sie erzählt niemandem etwas, und als Martin auf sie zukommt, der unbedingt mit ihr sprechen möchte, weil ihm das Ganze so leid tut, lässt sie ihn abblitzen: „Alles gut …“ Doch irgendwie schleichen sich immer mehr Änderungen in Jannes Leben, nichts ist so, wie es vorher war.

Das Ungewöhnliche an diesem Film ist die beiläufige Leichtigkeit, mit der Janne versucht, das Geschehen zu verdrängen. Sie wehrt sich mit aller Kraft und mit allen Mitteln, auch mit Humor, dagegen, dass das Drama von ihrem Leben Besitz nimmt. Diese Haltung ist zumindest verständlich für eine clevere junge Frau wie Janne, die so gar nicht in die Opferrolle passt. Sie ist eben nicht die hilflose, unterdrückte, nachhaltig traumatisierte Vergewaltigte, und sie will es nicht sein oder dazu gemacht werden. Janne gehört zur Gruppe der jungen Frauen, die sich, ob berechtigt oder nicht, lieber im Hintergrund halten. Zwei Minuten schlechter Sex, das ist schnell vergessen, scheint sie zu denken. Es gibt Schlimmeres. Da kann man mit Gelassenheit und Humor einfach abwarten, und irgendwann denkt man nicht mehr daran. Doch sie hat sozusagen nicht mit sich selbst gerechnet. Die unerwartete Konfrontation mit Gewalt macht etwas mit ihr und lässt ihr keine Ruhe.

Nicht ein einziges Mal fällt im Film das Wort Vergewaltigung, obwohl der Tatbestand ganz klar ist. Das ist ganz logisch, denn der Film handelt eben nicht von einer Vergewaltigung als Straftat. Hier geht es prinzipiell um Rollen und Rollenverhalten, um Grenzen, die festgelegt, eingehalten und überschritten werden. Und selbstverständlich geht es um Macht. Diese Macht auszuüben und zu missbrauchen, ist keine Frage der Geschlechtszugehörigkeit. Außerdem – und das ist vielleicht der Kern des Ganzen – ist dies kein Themenfilm, sondern ein ziemlich realistisches Alltagsdrama, in dem es um Menschen geht und nicht um einen Tatbestand, der abgearbeitet werden muss. Aenne Schwarz zeigt hier ihr ganzes Können. Zwischen sensibel und trotzig, zwischen verzagt und zupackend – sie ist eine junge, moderne Frau, die nicht nur Verstand hat, sondern ihn auch einsetzt.

Vielleicht geht der Film deshalb so tief und wirkt so nachhaltig, weil er eben gerade nicht die Mechanismen der Aufregungsgesellschaft bedient, wo viele sich ungefragt über alles und jedes aufregen und glauben, Stellung beziehen zu müssen. Hier liefert der Film einen Gegenentwurf und bietet einen prächtigen Ansatz für Diskussionen, zum Beispiel über Macht und Abhängigkeit. In jedem Fall ist „Alles ist gut“ modernes, großes Kino, auch wenn er scheinbar unauffällig daherkommt.