VorschauSTART | 08.12.2022

An einem schönen Morgen

Cannes 2022

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An einem schönen Morgen - 2022
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Die französische Regisseurin Mia Hansen-Løve widmet sich in ihrem neuen Werk AN EINEM SCHÖNEN MORGEN dem Thema Alter, eingebettet in eine sich zart entwickelnde Liebesgeschichte. Das erstmals bei den Filmfestspielen von Cannes in der Reihe 'Quinzaine des Réalisateurs' vorgestellte Werk besticht mit seinem unaufgeregten, aber ausgesprochen präzisen Inszenierungsstil.

Frankreichs Star Lea Seydoux spielt darin die noch junge Witwe Sandra, die sich neben ihrem Job als Dolmetscherin um ihre achtjährige Tochter und ihren alternden Vater Georg, einen ehemaligen Philosophie-Professor, kümmert. Dieser leidet an einer neurodegenerativen Krankheit, die ihn immer vergesslicher werden lässt, er kann kaum noch sehen, und es wird immer offensichtlicher, dass er nicht mehr lange alleine in seiner mit Büchern überfrachteten Wohnung leben kann. So macht sich Sandra in Paris auf die Suche nach einer geeigneten Einrichtung für ihn. Doch das ist nicht leicht, denn staatliche Heime sind nicht besonders schön, die privaten zu teuer. Auch muss sie ihren Vater erst noch überzeugen, dass ein Umzug notwendig ist – kein leichtes Unterfangen, was ihrer Stimmung nicht gerade förderlich ist.

Diese heitert sich erst auf, als sie bei einem Parkspaziergang einen alten Freund wiedertrifft, den Kosmo-Chemiker Clément (Melvil Poupaud). Die beiden kommen sich schnell näher, und obwohl Clément verheiratet ist und selbst ein Kind hat, lässt sich Sandra auf eine Affäre ein, die sich bald zu etwas Ernsterem entwickelt. Bald muss sie sich die Frage stellen, wie es in ihrem Leben weitergehen soll.

Sandra gehört zu den Frauen der sogenannten Sandwich-Generation, die zwischen Kindererziehung und Unterstützung der Eltern drohen, aufgerieben zu werden. Sie fühlen sich allein gelassen und – oft verstärkt durch Anforderungen im Beruf – überfordert.
Mit dem Wiedertreffen Clements nimmt Sandra das Leben um sie herum anders wahr, wird unbeschwerter und genießt es, ihre Sorgen mit jemandem teilen zu können. Doch die Idylle ist getrübt durch den Ehebruch, für den Clement zunehmend Schuldgefühle entwickelt und sich mehr und mehr zurückzieht.

Wie schon häufiger lässt die Regisseurin persönliche Erfahrungen in ihren Film einfließen – etwa wie beim letztjährigen Berlinale-Wettbewerbsbeitrag BERGMAN ISLAND ihre Beziehung zum 26 Jahre älteren Regisseur Olivier Assayas. Diesmal ist es hauptsächlich ihr Verhältnis zu ihrem Vater, das sie beschäftigt.

“Ich schrieb das Drehbuch teilweise inspiriert von der Krankheit meines Vaters, als er noch lebte und habe versucht, das zu verarbeiten, was ich durchgemacht habe. Ich wollte erforschen, wie zwei gegensätzliche Gefühle, Trauer und Wiedergeburt, miteinander in einen Dialog treten können, wenn man sie gleichzeitig erlebt“, so Mia Hansen-Løve. “Auch wenn es instabil ist, was Sandra und Clément zusammen haben, ist es vor allem geprägt von Freude. Bei ihrem Vater Georg überwiegt das Leiden. Die beiden Erzählungen existieren nebeneinander. Ich war daran interessiert, eine filmische Form zu finden, um diese Koexistenz sichtbar zu machen.”

Hansen-Løve wählt dabei ruhige Bilder, die besonders in den Anfangsszenen von Melancholie erfüllt sind, überzeugend eingefangen von Kameramann Denis Lenoir. Hansen-Løve bleibt nah an ihren Figuren, in die wir uns gut einfühlen können, weil sie nahbar sind und authentisch wirken.Vor allem aber ist es Hauptdarstellerin Lea Seydoux, die den Film trägt und jenseits aller Bond-Girl-Ästhetik ein überzeugendes Beispiel ihrer vielschichtigen Schauspielkunst liefert. Von glamourös bis bodenständig – Seydoux kann alles und es ist schön, sie wieder einmal in einer geerdeten Rolle wie dieser zu sehen.

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