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VorschauSTART | 30.07.2020

Berlin Alexanderplatz

AWARDS: Berlinale 2020

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Berlin Alexanderplatz - 2020 - Filmposter
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Alfred Döblins vielstimmiger, sprachgewaltiger Jahrhundertroman „Berlin Alexanderplatz“ von 1929 ist mittlerweile fester Bestandteil des Literaturkanons nicht nur deutscher Sprache, sondern international und wird oft als Antwort auf den größenwahnsinnigen „Ulysses“ von James Joyce genannt. Allein solche Superlative müssten jeden Filmemacher, der bei Verstand ist, abschrecken. Passenderweise brachte dann das irre Enfant Terrible Rainer Werner Fassbinder zwischen 1979/80 eine nicht minder größenwahnsinnige Fernsehverfilmung raus, die in 13 Teilen die tragische Parabel des unbelehrbaren Franz Biberkopf erzählt. 2020 wagt sich nun Burnhan Qurbani an eine ambitionierte Aktualisierung des Stoffes und serviert schon allein in formaler Hinsicht das mutigste deutsche Kino seit Sebastian Schippers „Victoria“!

Qurbanis Version also spielt sich in unserer Gegenwart ab, Döblins Franz Biberkopf heißt bei ihm erst einmal Francis (Welket Bungué) und ist ein Flüchtling, der nach dem Untergang seines Schiffs an einen europäischen Strand gespült wird. Er sucht sein Glück in der Peripherie Berlins, wo er in einer Flüchtlingsunterkunft mit anderen Leidensgenossen auf Baustellen malochen muss und undankbare Arbeit erledigt. In der Unterkunft treibt auch der sinistre Reinhold (Albrecht Schuch), der die armen Schlucker für Drogenhandel rekrutieren will, sein Unwesen und wirft sehr schnell ein Auge auf den vielversprechenden Francis, der „nur gut“ sein will. Dieser schlägt das Angebot, für Reinhold zu arbeiten, erst aus, doch unglückliche Umstände zwingen ihn zur Flucht nach vorn. Fortan werden die beiden ein ungleichartiges, quasi unzertrennliches Team. Dass die Verbindung mit dem mephistophelischen Reinhold toxisch ist, wittert man als Zuschauer sofort, doch für den etwas gutgläubigen Francis benötigt es erst einige herbe Niederschläge sowie die heilsame Liebe zum Escort-Girl Mieze (Jella Haase), um sich aus der Abhängigkeit des Manipulators zu lösen. Doch ist es dafür womöglich schon zu spät?

Bereits die blutrotgetünchte Eröffnungssequenz, in der Francis seine Freundin an das aufgewühlte Meer verliert, gibt die visuelle Opulenz vor, in der Qurbani sein dreistündiges Epos anlegt. Doch bei all der ausschweifenden Ästhetik und metaphorisch aufgeladenen Bildsprache, in der grelles Neonlicht das Nachtantlitz der Berliner Unterwelt formt, legt Qurbani den Finger vor allem in die offen siechende Wunde der Beziehung seiner konträren Hauptfiguren Francis und Reinhold. Der athletische, aufrechte und schöne Welket Bungué markiert als Francis die absolute Antithese zum fistelnd sprechenden, stets geduckten, Wiesel-ähnlichen Reinhold, den der großartige Albrecht Schuch mit einer unvergesslichen psychopathischen Abgründigkeit spielt. Zugegebenermaßen ist das nicht immer subtil und die Glaubwürdigkeit von Francis´ Naivität wird, wo Qurbani insgesamt doch eher auf beinharten Realismus denn auf feine Überzeichnung zu setzen scheint, manchmal etwas strapaziert. Daher muss man leider sagen, dass dieser megalomane Brocken von Film das ihm innewohnende Potenzial, das er kontinuierlich ausdünstet, nicht jederzeit nutzt. Doch auch wenn es nicht in allen Aspekten gelingt, die Figuren (und vor allem weibliche Rollenbilder) aus der Vorlage in diese neue Version zu transferieren und zeitgemäß umzudeuten, sind das im Gesamtkontext eher nebensächlichere Mankos. Qurbanis „Berlin Alexanderplatz“ ist in vielen Hinsichten gewaltig, derb und in seinen besten Momenten sogar wahrlich virtuos.