Border

AWARDS: Cannes 2018 - Preis in der Sparte "Un Certain Regard"

Trailer Infos Vorführungen

Border - 2018 Filmposter
Informationen

Der schwedische Schriftsteller John Erik Ajvide Lindqvist zeichnete sich schon für die Vorlage des eigensinnig-schaurigen Vampir-Coming-of-Age-Films „So finster die Nacht“ (2008) verantwortlich. Auch die neue Adaption einer seiner Kurzgeschichten „Border“ kreist vornehmlich um Andersartigkeit und die Suche nach der eigenen Identität. Regisseur Ali Abbasi spinnt daraus ein vielschichtiges, wendungsreiches Fantasydrama mit Kultqualitäten. In Cannes avancierte der Film rasch zum Publikumsliebling und wurde in der Sektion „Un Certain Regard“ mit dem Hauptpreis ausgezeichnet.

Tag um Tag überwacht Tina (Eva Melander) die Leute, die von Bord gehen und die schwedische Landesgrenze passieren. Sie ist Grenzbeamtin und besitzt die für ihr Metier sehr praktische Begabung, außerordentlich gut riechen zu können. So erschnüffelt sie beispielsweise die Emotionen der Leute und kann daher sehr schnell Schmuggler und ihre illegale Ware identifizieren. Neben dem treffsicheren Instinkt ist auch ihr Aussehen, nun ja: besonders. Das Gesicht mit dem tiefdringenden Blick ist aufgrund eines „Chromosomenfehlers“ seltsam angeschwollen, sie selbst außergewöhnlich kräftig von Statur. Alles an ihr wirkt in besagter Kombination halb tierisch. Ihre Existenz als gesellschaftliche Randfigur scheint ihr hingegen sogar ganz genehm zu sein, streift sie in ihrer Freizeit doch lieber durch den Wald und saugt die Eindrücke der Natur in sich auf. Als dann eines Tages plötzlich Vore (Eero Milonoff) bei der Kontrolle vor ihr steht, versagt das erste Mal in ihrem Leben ihr Witterungsinstinkt. Nicht nur kann sie seinen Geruch nicht einordnen, er sieht ihr in der Gestalt auch verblüffend ähnlich. Als sich die beiden Außenseiter allmählich näherkommen, offenbart Vore Tina die gemeinsame, mystisch geprägte Herkunft. Zum ersten Mal in ihrem Leben eröffnet sich ein großes Freiheitsgefühl für Tina, als sie endlich ihrer eigenen Identität immer gewisser wird. Doch Vore hält nicht nur Antworten für sie bereit, sondern verbirgt auch ein grausames Geheimnis.

Gleich in mehrfacher Hinsicht wird die titelgebende Grenze zur Metapher für die inneren und äußeren Konflikte der absonderlichen Protagonistin. Erst die (hinter einer aufwändigen und zudem für einen Oscar nominierten Maske) einschüchternd anmutende, in Wahrheit aber schüchterne Grenzbeamtin, emanzipiert sich Tina Schritt für Schritt mithilfe von Vores Zuneigung. Doch die Liebe ist ein zweischneidiges Schwert: und in diesem Fall ein äußerst scharfes. Bald sieht sie sich vor eine Entscheidung gestellt, die ihr einerseits eine immer ersehnte, kompromisslose Ungebundenheit verspricht, andererseits die radikale Abkehr von jeglicher mit gesellschaftlichen Dogmen verbundenen Konvention zumutet.

Ali Abbasis „Border“ ist skandinavisches Kino bis ins Mark: rau, schwarzhumorig und von existenzieller, kruder Wucht. Mal Märchen, dann Krimi, in seinen grausamsten Momenten erschütternder Horror, entzieht er sich engeren Definitionen und wird zur komplexen Abhandlung über die ewigen Fragen nach einer universell gültigen Moral und damit einhergehender Verantwortung. In der Hauptrolle brilliert Eva Melander, die dem Film als aus der Welt gefallenes „Wesen“ mit intensiven Blicken eine profunde Tragik verleiht, die noch lange nach der letzten Überraschung nachhallt.