VorschauSTART | 25.12.2018

Der Junge muss an die frische Luft

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Der Junge muss an die frische Luft - 2018 Filmposter
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Noch nie hat Oscar-Gewinnerin Caroline Link ein fremdes Drehbuch verfilmt. Doch als sie Ruth Tomas Adaption der Autobiographie von Deutschlands Komiker-Liebling Hape Kerkeling gelesen hatte, wollte sie sogleich mit den Dreharbeiten beginnen. Dabei ist er Film nicht unbedingt so lustig geworden, wie der derzeit in unseren Kinos laufende Trailer vermuten lassen könnte. Dafür ist es ihr aber gelungen, die Tragik dieser Kindheit fühlbar zu machen und den Humor als Bewältigungsmöglichkeit aller Probleme neu zu entdecken.

Denn Probleme hatte der neunjährige Hape schon immer. Er ist zu rundlich und wird von seinen Schulkameraden gehänselt. Doch bereits früh weiss er damit umzugehen, nutzt sein vermeintlich unvorteilhaftes Aussehen für allerlei Späße und Parodien. Als die Familie dann vom ländlichen Bauernhof der Großeltern zu ‘Omma’ Änne und ‘Oppa’ Willi nach Recklinghause zieht, beginnt für den Jungen der Ernst des Lebens. Zwar bezieht man hier ein kleines Eigenheim mit einem noch kleineren Garten, doch mit der großen Freiheit auf dem Bauernhof ist das nicht vergleichbar. Zudem ist seine geliebte Mutter immer öfter unpässlich, da sie eine chronische Kieferentzündung nicht operieren lassen will und unter starken Schmerzen leidet. Da flieht Hape am liebsten zur Omma, die streng nach dem Motto “Egal was die anderen denken” sich die verrücktesten Sachen ausdenkt, um den Jungen bei Laune zu halten. Sie kauft ihm ein Pferd, bringt ihm das Reiten bei und lässt ihm zu Karneval verrückte Kostüme schneidern. Schon früh erkennt und fördert sie sein Komiker-Talent. Leider verstirbt sie auch früh und Hapes Mutter geht es auch nicht besser. Nachdem sie endlich der nicht mehr aufschiebbaren Operation zugestimmt hat, wird ihr ein Nerv durchtrennt, der sie zeitlebens ihren Geschmack- und Geruchssinn kostet. Sie wird immer depressiver,  immerhin ist Hape der Einzige, der mit seinen Späßen ab und zu mal ein Lächeln auf ihr Gesicht zaubern kann. Da der Vater meist auf Montage und selten zuhause ist, platzt dann Opa Willi der Kragen: “So kann das doch nicht weiter gehen, der Junge muss mal an die frische Luft.” Gesagt getan, und so brechen die beiden zu einem zweiwöchigen Wanderausflug ins Salzburger Land auf. Sie verleben eine schöne Zeit, doch genauso schnell holt die Realität sie wieder ein. Hapes Mutter ist nun vollends in der Depression versunken, und als sie eines morgens wegen eines Selbstmordversuches ins Krankenhaus eingeliefert wird, wird sie nicht mehr zurückkommen.

Caroline Link gelingt es, diese tragische Geschichte unterhaltend und leicht zu erzählen. Dabei kann sie auf ein kongeniales Drehbuch von Ruth Toma zurückgreifen, die die autobiographische Vorlage von Hape Kerkeling mit vielen Verweisen auf seine zukünftige Karriere spiekt und immer wieder den Beweis antritt, dass Humor jedes Schicksal besiegen kann. Gespielt wird der neunjährige Hape von Julius Weckauf, der keinerlei schauspielerischen Erfahrungen hatte und zum Casting einfach ein Bewerbungsvideo eingereicht hat. Er ist ein wahrer Volltreffer, nicht nur weil er dem neunjährigen Kerkeling sehr ähnlich sieht, sondern weil er die Rolle völlig unvorbelastet nur aus dem Bauch heraus spielt und dabei wird man ihm verzeihen, das sein Dialekt eher im Rheinland als im Ruhrpott verortet ist. Das tut dem Film aber überhaupt keinen Abbruch, gelingt es Caroline Link doch die Balance zwischen Komik und Tragik immer ein wenig in Richtung Hoffnung zu verschieben. Das gibt dem Film eine Leichtigkeit, die sie noch durch eine warmherzige Beschreibung von Land und Leuten, sowie eine sorgfältige Ausstattung zu einem  wunderbaren Porträt des Ruhrpotts in den 1970er Jahre steigert. Also zu lachen gibt’s reichlich in diesem Film, aber vergessen sie das Taschentuch nicht.