Der seidene Faden 2017 Filmposter

Der seidene Faden

Eine Bewegung zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarem entspinnt sich in Paul Thomas Andersons neuem Film auf visueller wie narrativer Ebene. Sie schafft einen Spielraum, in dem die Ambiguität des titelgebenden Fadens zum kompositorischen Prinzip werden kann. Zu sehen gegeben wird die sorgfältige Verarbeitung des Garns zu atemberaubend schönen Garderoben, die Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis), ein Couturier der noblen Gesellschaft, in seinem Londoner Modehaus entwirft.

Doch der Film gibt uns auch eine intensive Erfahrung der gespenstischen Fäden, über die wir, selbst über den Tod hinaus, in Bindungen verhaftet bleiben, deren kraftvoller Sog sich unserem Wissen entzieht.

Als in die Jahre gekommener Junggeselle hat Reynolds nichts von seiner Attraktivität eingebüßt, was sich an minutiöser Arbeit am eigenen Körper und einem ausgesuchten Stil zeigt, vielleicht noch mehr an der ihm eigenen unergründlichen Jungenhaftigkeit.
Gemeinsam mit seiner ebenfalls ledigen Schwester bewohnt und leitet er das Familienunternehmen, dessen elegante Räumlichkeiten von einem Hofstaat an Näherinnen durchlaufen werden. Ihr Tagewerk unterliegt ebenso ökonomischen Rhythmen wie der Alltag der Woodcocks selbst.
Es ist sicher kein Zufall, dass Reynolds der Frau, in die er sich auf tiefgreifende Weise verlieben wird, in einem außerhalb stehenden Raum begegnet. Es ist ein Restaurant am Meer, wohin er sich für wenige Tage allein zurückgezogen hat. Hier tritt eine Frau mit fremdländischem Akzent in sein Leben. Eine linkische Bewegung lässt die Kellnerin Alma (Vicky Krieps) fast stürzen, doch in ihrer Scham schenkt sie dem fremden Gast ein Lächeln. Auf ihrem Bestellzettel notiert sie eine Bemerkung, die Reynolds eine Ahnung davon gibt, dass diese Frau mehr sieht als seine kontrollierte Fassade: „For the hungry boy“, schreibt sie. Und es ist der Hunger, der in sichtbarer und unsichtbarer Weise die motivischen Fäden des Films miteinander verwebt.
Das enthaltsame Fasten mit grünem Tee wird immer wieder unterbrochen, wenn sich Reynolds in unvorhersehbaren Fressattacken einem maßlosen Genuss hingibt.
Am häuslichen Frühstückstisch werden wir Zeuge des eisigen Griffs, mit dem Schwester Cyril (Lesley Manville) mit verstörender Selbstverständlichkeit seine bisherige Lebensabschnittsgefährtin wie eine Angestellte entlässt. Aber schon beim ersten gemeinsamen Abendessen mit Alma wird klar, dass diese sich nicht einfach von einer derart gespenstischen Serialität schlucken lassen wird, denn der Eigensinn der jungen Frau ist selbst schon das Pharmakon, welches das Hause Woodcock als Gift und Heilmittel zugleich unterminiert.
Die Beziehung zwischen ihr und Reynolds mag im Verlauf des Films eigentümlich erscheinen, doch die wirklich toxischen Abhängigkeitsgefüge zeigen sich nicht in ihrer Liebe, sondern in der Intimität der Familie. Keine Gelegenheit, in der Cyril der jungen Frau nicht sehr direkt zu verstehen gibt, dass sie nur das funktionalisierte Dritte in der latent inzestuösen Konstellation mit ihrem Bruder hergibt, und je länger man ihren dominanten Zugriffen auf Reynolds zusieht, desto mehr erkennt man die Inkorporation der eigenen Mutter, deren Rolle sie auf identifikatorische Weise verschlungen zu haben scheint. Eine Mutter, die sich als stumme und melancholische Braut auf ewig in die (Kleider-)schichten ihres Sohnes eingegraben hat und dessen primäre Sehnsucht nicht zu stillen wusste.
Um ihre gemeinsame Nähe zu retten, beschließt Alma für Reynolds zu kochen. In diesem intuitiv richtigen Zugang erweist sich das Überraschungsdinner jedoch als empfundener Überfall, der buttergetränkte Spargel als Auslöser einer traumatischen Erinnerung, deren phallische Konnotation auf eine ödipale Katastrophe hindeutet, die sich unter dem Saum der Muttertreue versteckt.
Reynolds eigenwillige Angewohnheit, heimlich in das Futter der Kleider verborgene Botschaften einzunähen, ist Ausdruck der tiefen Sehnsucht nach einem geschützten Innen, einer Rücknahme des Fluches der Kindheit. Und auch für die beiden Liebenden will sich ein gemeinsamer Raum nicht herstellen, da die Familie bereits alle Rollen besetzt hat und Reynolds jegliche Hingabe als Kontrollverlust fürchtet.
Es gebe kein harmloses Heilmittel, schreibt der Philosoph Jacques Derrida über die vielfachen Bedeutungen des griechischen „Pharmakon“. Ähnlich wie die gemeinsamen Wortstämme von Gift und Geschenk wohnt ihm eine Ambivalenz inne, die zwischen rettender Arznei und tödlicher Droge einen Spielraum eröffnet, als Wirkstoff die Relationen in Bewegung bringt. Almas kontroverse Strategie, ihren erstarrten Geliebten aus sich selbst heraustreten und in der oral induzierten Auflösung die kindliche Hilflosigkeit anders wiederholen zu lassen, greift auf alchemistische Weise in die Rationalität der häuslichen Ordnung ein. Ihre Kunst der Pharmazie wird zu einer Ars Erotica, die, schmerzhaft aber wirkungsvoll, therapeutische Qualität hat.

Anderson zeichnet mit der Präzision eines Kleiderschnittmusters die psychosexuellen Dynamiken seiner Protagonisten nach und erinnert dabei an die Schauerromantik der Romane von Daphne DuMaurier.
In den beengten Einstellungen der häuslichen Innenräume dominieren geschlossene Türen, deren Rahmen immer nur eine partiale Perspektive preisgeben, und verborgene Blickgespinste zwischen den Figuren entfalten. Anderson selbst hat diesmal die Kameraführung übernommen, changiert subtil und gelungen zwischen Nahaufnahmen der von Gefühlen heimgesuchten Gesichter, und dynamischen Fahrten, welche die Taktilität der wallenden Abendkleider aufgreifen. Auch der eindringliche Score von Jonny Greenwood unterspült jene Momente abwechselnd mit dissonanten, unruhigen Steichern und fließenden, leichten Klavierpassagen, spielt mit der Motivik von bedrohlicher Geschlossenheit und schwebender Entgrenzung.
Die Materialität des 35mm Films unterstreicht in sanften Farben die bemerkenswerte Zeitlosigkeit, die Andersons Ästhetik aus dem aktuellen amerikanischen Independent-Kino heraushebt. Wo sonst findet man ein solches Augenmerk für das Zusammenspiel der einzelnen Komponenten, eine solche Aufmerksamkeit für jeden Saum, für das entscheidende Detail.

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