Gelbe Briefe
Deutschland, Frankreich, Türkei | 2025 | FSK 12
Berlinale 2026

Berlin als Ankara, Hamburg als Istanbul: Der deutschtürkische Regisseur Ilker Çatak (DAS LEHRERZIMMER) verlegt die aktuelle Geschichte des Abrutschens der Türkei in eine Diktatur nach Deutschland. Ein Meilenstein von einem filmischen Gleichnis.
Derya und Aziz sind ein glückliches Ehepaar, liebevolle Eltern und erfolgreiche Stars am türkischen Staatstheater in Ankara. Er schreibt die Stücke, sie spielt die Hauptrollen. Nebenher unterrichtet er Dramaturgie an der Uni und ermuntert seine Studierenden, an Protesten teilzunehmen: In seinen Augen kann man keine Kunst machen, ohne gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Am nächsten Tag erhält er seine Kündigung – und er ist nicht der einzige. Und auch sein neues Stück wird direkt nach der gefeierten Premiere plötzlich abgesetzt. Von heute auf morgen arbeits-, mittel- und wohnungslos (auch ihr Vermieter möchte unbequemen Fragen der Polizei aus dem Weg gehen), kommen sie fürs erste bei seiner Mutter in Istanbul unter und müssen sich erst einmal darüber klar werden, was überhaupt gerade passiert mit ihrem Land. Während es für Aziz keine Alternative gibt, als jetzt erst recht seine Kunst zu nutzen, um im verbliebenen Rahmen der Möglichkeiten auf diese Entwicklung aufmerksam zu machen, sorgt Derya sich vor allem um das Wohlergehen ihrer Tochter: Irgendwie muss man ja trotzdem Geld verdienen…
Was als Notlösung begann, wird zur genialen, die Bedeutung erweiternden Komponente: Die alarmierende Entwicklung der türkischen Gesellschaft unter Erdogan wurde gedreht in Deutschland, und zwar ausdrücklich: Die Städte werden vorgestellt wie Schauspieler: “Berlin als Ankara, Hamburg als Istanbul.” Und damit es auch der letzte versteht, werden deutsche Denk- und Mahnmäler prominent ins Bild gesetzt. Denn das Abrutschen in eine neue Diktatur ist eben nicht nur ein türkisches Problem (und spätestens, wenn im Film die deutsche Polizei von heute gegen Dissidenten vorgeht, läuft es einem eiskalt den Rücken runter.)
Vor diesem Hintergrund konzentriert sich der Film vor allem auf die Auswirkungen der politischen Umstände aufs Privatleben: Jeder muss sich neu positionieren und darüber gerät auch die harmonischste Beziehung schnell ins Wanken. Die beiden herausragenden Hauptdarsteller sind dabei auch im echten Leben Stars in der Türkei: Tansu Biçer war auch bei uns schon vor kurzem als Vater im wunderbaren kleinen Drama YURT zu sehen, Özgü Namal ist hierzulande weniger bekannt aber in der Türkei der noch viel größere Star. Mit ihrer Beteiligung werfen beide eine Menge in die Waagschale und setzen ein klares Zeichen. Bleibt zu hoffen, dass sie in ihrer Heimat zu beliebt sind, als dass es für sie Konsequenzen hätte.
Überhaupt ist GELBE BRIEFE auch ein Film über Schauspiel und Theater und eine Liebeserklärung an diese Kunstform, die in der Türkei in der Tat bislang am meisten gelitten hat unter politischer Einmischung. Das Stück im Film, das Aziz am Ende schreibt und das dem Film seinen Namen gibt (neben der Farbe der Kündigungsschreiben, mit denen die Protagonisten mundtot gemacht werden) überzeugt auch als solches und bringt es hinten raus noch einmal auf den Punkt: Ohne freie Kunst und Kultur gibt es keine freien Menschen, höchste Zeit, sie mit allen Mitteln zu verteidigen, auch hier! Eine faszinierend doppelbödige Mahnung von dringender Aktualität.


